Collide – Bent and Broken

Wann und wo ich das erste Mal etwas von Collide aus Los Angeles (USA) gehört habe, weiß ich gar nicht mehr so ganz genau. Sehr genau hingegen erinnere ich mich aber noch an meine Gänsehaut beim Hören. Collide, das sind kaRIN und Statik. Sie machen Synthpop einer ganz speziellen Güteklasse. Musik, die unter die Haut geht und gleichzeitig mit der ganzen Hand ins Gesicht drückt.

Bent and Broken ist das elfte Album der Band. Es ist ein Mix-Album: Viele Remixe, aber auch ein paar neue Tracks. Zuerst wollte ich abwinken und dachte mir: „Zwei CDs mit Remixen? Dazwischen ein wenig neues Material, das mit viel gutem Willen vielleicht eine EP füllen könnte? Was soll daran schon besonders sein?“ Dachte ich.

Wir spulen vor: 25 Sekunden und ein Realitycheck später durchschlug mein Unterkiefer die Tischplatte – bei den Nachbarn unter mir. Alter, hab ich mich verjagt. Ich habe keine Ahnung, wer Cevin Key und Ken ‚hiwatt‘ Marshall sind, aber was die beiden aus Mind Games gemacht haben, ist gewaltig. Dieser Song kann was und das richtig! Was kaRIN, Statik, Cevin und Ken mit diesem Track in der Gebäudestatik anrichten, konnte kein Architekt vorhersehen.

Die Erfahrungen unzähliger zweifelhaft zusammengestümperter Synthiepopscheiben haben mich sehr vorsichtig werden lassen. Ich erwartete deshalb präventiv nach diesem Start nicht mehr viel von dem Album. Und dann kommt unmittelbar hinterher Orgy und haut mich ganz nonchalant aus den Latschen. Junge, Junge. Darauf war ich nicht gefasst.

Orgy ist ein beinahe grotesker Stilmix-Frankenstein mit orientalischer Färbung, traumhafter Frauenstimme, eiskalten Fingernägeln und einer Bassline wie ein Bodyguard der Mafia: breitschultrig und brutal, aber mit hervorragenden Manieren. Dieser Track ist hart an der Grenze zur Genialität. Er ist all das, was viele pseudo-arabische, möchtegern-orientalische Songs der letzten Jahre eben nicht sind. Dieser Track kommt so lässig daher, so gekonnt, so unfassbar geil, dass es mir die Sprache verschlägt.

Collide haben damit das Feld abgesteckt und legen die Messlatte verdammt hoch. Sie sind keine neuen Nine Inch Nails, aber sie haben ihre Lektionen von Trent und Attikus verdammt gut gelernt. Respekt! Die Stimme, mit der kaRIN die Songs zum Leben erweckt, erinnert mich an Kate Bush. Sie ist wie eine Katze: Verträumt, erotisch, eine einzige Verlockung, mal verspielt. Stets elegant, grazil und unberechenbar. Immer stilvoll, nie ordinär. Doch ohne Vorwarnung beißt sie zu und durchbohrt Dich. Und doch kannst Du die Finger nicht von ihr lassen. Das ist schlimmer als eine offene Packung Oreos. Großartig! Die Soundgebilde, die Statik um diese Stimme herum aufbaut, sind perfekt abgestimmt und hervorragend instrumentiert. Songs wie In the Frequency (Great Apes Mix), Tears Like Rain (Coudburst Mix) und Chaotic (Shades of Red Mix) sind eigentlich waffenscheinpflichtig.

Die Vielfalt, die Eleganz, das Können und die Kreativtät, die Collide mit Bent and Broken an den Tag legen, sind unglaublich. Dass mag ja grundsätzlich „irgendwie Synthiepop“ sein. Aber dieses Album deckt lässig und ohne Mühe die ganze Spanne zwischen Pop, Ethnopop, Elektrorock, Triphop und Synthiepop und Industrial ab. Dabei bedient sich Collide scham- und rücksichtslos aller Stilrichtungen links und rechts der Schneise, die die Band ins Dickicht des geschmacklosen Einheitsbreis hackt. Das macht das Duo so großartig entspannt und unverkrampft, dass mich selbst eine gnadenlos schmusige, ja, beinahe schnulzige Nummer wie „She Makes Me“ sprachlos macht vor Begeisterung, weil sie so unfassbar gut gemacht ist.

Kurzum: Meine Nachbarn hören gute, nein, überragende Musik.

Collide – Bent and Broken ist am 06.11.2012 erschienen bei Noise Plus Music

Webseite der Band: http://www.collide.net/

Wieviele Sterne verdient dieser Artikel?

KEINE KOMMENTARE