Heino – Mit Freundlichen Grüßen: Die Hölle ist zugefroren

Mein Faible für Cover manövriert mich in eine Zwickmühle: Auf der einen Seite bin ich gar kein Fan von Volksmusik und Schlager. Im Gegenteil. Bei allem Respekt vor dem Können der Künstler, aber ich kann mit der Musik nichts anfangen. Andererseits bin ich jedoch erklärter und überzeugter Fan von gut gemachten Coverversionen. Die sind für mich heiliger Gral und Leidenschaft zugleich. Und jetzt bringt Heino ein Cover-Album raus. Da mache ich dicke Backen. Allerdings: Nörgeln kann ja jeder, aber wer mitreden will, muss sich die Füße nass machen.

Wie rezensiere ich ein solches Album? Wie geht man da ran? Die Antwort ist verblüffend einfach: Mit Kaffee, Kuchen und dem ahnungslosen Sohn (16) an der Seite. Der hatte weder eine Plan davon, wer Heino ist, noch was der Mann sonst für Musik (ge)macht (hat). Beste Ausgangslage! Bei Marzipantorte, Doppelkeksen, Schokolade und gemütlichster Nachmittagsstimmung wurde das frisch eingetroffene Album ausgepackt. Und dann wurde gemeinsam Heino gehört. Ich glaube, das war für uns beide ein ganz besonderer Nachmittag.

Die Musik verblüfft. Wir sind uns nicht sicher, ob Heinos Interpretationen Veralberungen sind oder nicht. Falls sie es entgegen unserer Ansicht doch sind, dann ist die Satire gut in der hoch professionellen Präsentation verborgen. Die Interpretation der Songs ist ungewohnt, keine Frage, eben … anders. GANZ anders. Trotzdem: Es ist Partymusik, nur eben nicht die Art von Partymusik, die sonst von mir rezensiert wird. Diese Musik ist beschwingt, leicht, gutgelaunt und unglaublich perfekt gemacht. Heinos Stimme alleine ringt uns jede Menge Respekt ab. Singen kann der Mann mit seinen jetzt 75 Jahren um Längen besser, als viele gehypte „Stars“ von heute, deren Ur(!)Großvater er bequem sein könnte. Aber auch die Studiomusiker und der Hintergrundchor des Albums sind einfach nur hervorragend.

Heino interpretiert die Musik der „jungen Generation“ auf eine Weise, die meinem Sohn und mir Respekt abnötigt. Wir beide geben alle Daumen hoch für den Opener „Junge“! Es ist schon verblüffend festzustellen, dass ein Glockenspiel rocken kann. Gerade Heino nimmt man diesen Song bedingungslos ab. Er präsentiert das Lied mit einer Autorität, die deutlich Wirkung zeigt: Man möchte sich spontan das Hemd in die Hose stecken, die Schuhe richtig zu binden und sich grade hinsetzen. Klasse! Mehr davon! „Haus am See“ zündet mit Verspätung. Es dauert, bis der Groschen fällt und uns aufgeht, dass Peter Fox davon singt, was er noch erreichen möchte, während Heino davon singt, was er – vielleicht mit Ausnahme der hundert Enkel – bereits erreicht hat! Großartig!

Und dann traut sich Heino an „Ein Kompliment“ von Sportfreunde Stiller heran, genau jener Song, bei dem erst neulich Callejon bei mir leicht danebengelegen haben. Ich bin bei diesem Song nicht einfach nur skeptisch. Ich bin voreingenommen bis nach Meppen und kompromissbereit wie zwei Tonnen Granit im freien Fall. Und doch: Ich kann zwar hier herumkritteln und da nörgeln, aber am Ende ist die Interpretation überzeugend, was mich ehrlich total erstaunt.

Okay, „Augen Auf“ ist eher nicht meins. Zu sehr habe ich den Biss und den Kick des Originals von Oomph im Ohr. Für mich passt Heinos Gesangsstil gar nicht zu diesem Song. Umso verblüffter bin ich, als ich beim Refrain mit wippe und breit grinse. Was zur…? Bei „Sonne“ ist das ähnlich, allerdings gefällt dem Junior der Song besser als mir. Der Song passt insgesamt zusammen, ist strange und doch irgendwie gut.

Wie gut Heino tatsächlich singen kann, zeigt er bei „Gewinner“ von Clueso. Bei diesem Song kommt er richtig aus sich heraus, alles harmoniert und der Song und seine Message kommen an. Mein Sohn kann mit dem Song zwar nichts anfangen, aber das liegt an dem komplizierten Text, den man wohl erst jenseits der 25 so richtig rafft. Die Interpretation von Heino ist authentisch, glaubwürdig und berührend. Bei „Liebes Lied“ von Jan Delay runzeln wir die Stirn. Heino und Hamburger Schule? Das muss man wahrscheinlich mögen, um es zu mögen. Der Song ist wahrlich nicht schlecht, nur die Interpretation ist … speziell.

Wahrscheinlich bin nicht nur ich verblüfft darüber, diese Worte von mir zu lesen: „Leuchtturm“ in der Interpretation von Heino ist schön. Heinos Version der Liebeserklärung funktioniert aus Sicht eines Mannes hervorragend – wenn Mann denn gerade auch verknallt ist. Sonst ist der Song vielleicht doch etwas … nun ja … irgendwie anstrengend, genau wie im wirklichen Leben auch: Verliebte Männer sind anstrengend. „Vogel der Nacht“ ist… nein. Danke, aber nein danke. Das überfordert uns dann doch. Mit „Kling Klang“ lotet Heino dann endgültig meine Grenzen aus. Den Song durchzuhalten kostet mich viel Kraft.

Die Interpretation von „Willenlos“ findet der Junior lustig, ich finde sie nicht so geil. Klar, der Song von Marius ist ein Klassiker, den ich mehr als einmal laut am (und auch unterm) Tresen mit gegrölt habe. Mir fehlen an dieser Version aber Biss und Glaubwürdigkeit – auch wenn ich keinen Zweifel daran habe, dass ich von dem Mann noch eine verdammte Menge über Frauen lernen könnte. Genau das kommt da nur nicht ‚rüber und das ist schade.

Insgesamt ist das Album anders. Handwerklich und technisch ist das Album großartig! Etliche Bands sollten sich daran ein Beispiel nehmen. Die Interpretationen sind – ich sagte es schon – „speziell“ und deshalb ist „Mit freundlichen Grüßen“ noch stärker Geschmackssache als viele andere Alben. Es ist rundherum anders als ich es erwartet habe, aber es ist trotzdem gut. Es rockt phasenweise, aber es rockt nicht so, wie zum Beispiel Rush oder Awolnation oder die Donkey Pilots rocken. Es hat Drive, es hat Swing und es verbreitet unbestreitbar gute Laune. Das gefällt mir und verblüfft mich, denn das habe ich ehrlich nicht erwartet. Andererseits: Was erwartet man denn sonst bitte von einem Unterhaltungsmusiker von Heinos Kaliber? Trauermärsche vielleicht? Dennoch: Das Album ist kein Album für jeden Tag und schon gar nicht für jeden. Das Album ist wie die bunten Streusel auf dem Muffin: Nicht jeder mag das und zu viel davon ist auch nicht gut.

Heino – Mit freundlichen Grüßen ist erscheinen am 01.02.2013 bei Starwatch Entertainment

Webseite des Künstlers: http://www.heino.de/

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