Javelynn – Chimaera At Heart

Oft sitze ich sprachlos vor dem Rechner und staune über die schier unendliche Vielfalt der Musik, die das Internet mir täglich neu präsentiert. Manchmal ist sogar Musik dabei, die mich richtig aus den Socken haut. Sowas wie die Soulsavers mit Dave Gahan. Oder Anathemas Weathersystems. Oder Kimbras Wows. In den illustren Kreis der Veröffentlichungen, die ich auf meiner ganz privaten und allgemein maßgeblichen Skala großartiger Musik irgendwo zwischen „endgeil“ und „beyond stellar“ einstufe, habe ich spontan ein Album aufgenommen, das seit inzwischen ZWEI JAHREN hartnäckig vor mir versteckt wurde: Javelynn – Chimaera At Heart.

Dieses Album erreichte mich nicht etwa durch die üblichen Promo-Kanäle, sondern ganz untypisch und beinahe „ausversehen“ durch den vernetzten Einzelhandel. Das aber ermöglicht es meinen Nachbarn seit ungefähr zwei Uhr heute Nacht endlich wieder arschgeile Musik zu hören. Nach ein paar Totalausfällen der jüngeren Vergangenheit war das auch dringend nötig. Meine Nachbarn haben sich schon richtig Sorgen gemacht. Aber jetzt ist die Welt ja wieder in Ordnung!

Javelynn ist Projekt von Yasmine Uhlin, die bis 2008 Sängerin bei Ashbury Heights war. Hieß die Band erst „Javelynn Fate“, fiel das „Fate“ irgendwann wohl der Inflation zum Opfer. Yasmine, oder „Yaz“, wie sie auch genannt wird, hat sich zwei, drei Jahre Zeit gelassen, bevor sie 2011 Chimaera At Heart veröffentlichte. Und oh boy! Diese Scheibe ist pures Gold! Diese Stimme! Diese Synthies! Dieser Beat! Ja, das ist aufdringlicher Synthie-Pop, den Amerikaner treffend mit „In Your Face!“ beschreiben. Direkt drauf. Nicht durch die Blume. Nicht verschnörkelt. Nicht hinten rum. Stattdessen geradeaus und mitten ins Gesicht. Immer drauf! Feste! Feste! Das ist genau die Musik, die wenige bei mir im Regal vermuten.

Die Songs auf Chimaera At Heart sind Ohrwürmer einer Güteklasse, die ich lange nicht mehr gespürt habe. Bei „This Song Is Not About You“, „Skip A Heartbeat“ und „Beat You“ könnte ich wahnsinnig werden! DIE Ohrwürmer werde ich mit tödlicher Sicherheit in den nächsten Wochen nicht wieder los. Aber ich kann Yaz dafür einfach nicht böse sein. Ihre Stimme ist so zuckersüß, so unschuldig und bezaubernd. Die geht ohne Umweg direkt ins Langzeitgedächtnis – und drückt unterwegs bei mir alle Hormonknöpfe. Der Hammer! Yaz könnte mir auch einen Werbeprospekt vom Baumarkt vorsingen und ich wäre trotzdem noch hingerissen von der Lyrik…

Ja, ich benutze tatsächlich Begriffe wie „hinreißend“ und „bezaubernd“, aber keine Sorge: Es geht mir gut. Diesseits von „herzallerliebst“ ziehe ich aber eine Linie, die ich so schnell nicht überschreiten werde – es sei denn, Yaz bittet mich darum. Wie schlimm die Wirkung ist, fiel mir selber erst so richtig auf, als ich um 3 Uhr morgens ebenso verzweifelt wie vergeblich versuchte, den Lautstärkeregler meiner Anlage noch weiter nach rechts zu drehen. Nicht vergessen: Wir reden noch immer über Synthie-Pop und den Musik-Onkel, der sonst eher Foo Fighters, Weezer, ZZ Top und generell Musik mit Rum drin bevorzugt.

Was soll ich sagen? Ich könnte damit anfangen, dass mich der der Gesang ein wenig an die B52’s, an Gwen Stefani, Kate Perry und einige andere erinnert. Ich könnte darüber schwadronieren, dass die Musik irgendwie etwas von vielen bekannten Bands hat, dass ich mich an Beats und Harmonien von Yazoo, und Billy Idol erinnert fühle und wie schwer es mir fällt, das alles sauber auseinander zu sortieren. Blah blah blah. Yadda yadda. Das ist Gesülze, das bei Texten wie: „You’d never tell me – That you love me – When you’re sober – You’d never hold me – When the weekend – Is over“ vollkommen überflüssig, ist. Diese Texte erklären sich jedem, der mehr als zwei Atemzüge seines Lebens wirklich aus erster Hand gelebt hat. Da bleibt einfach kein Raum für Missverständnisse. Für Kiddies könnte die Bedeutung so mancher Textzeile allerdings mangels Erfahrung ein wenig im Dunkeln bleiben. Irgendwas ist ja immer. Die Musik ist wiederum Musik, die nicht analysiert werden will. Das hier ist Musik, die ab ungefähr 15 Dezibel Deinen Arsch schneller auf die Tanzfläche katapultiert als ein gezielter Tritt eines schlecht gelaunten Maultiers.

Mit anderen Worten: Wenn Du ehrlichen, großartigen Synthie-Pop für Erwachsene magst, dann ist Javelynn – Chimaera At Heart Dein „Must Have!“ Album. Wenn Du eher Musik suchst für Rasierklingen, winselndes Selbstmitleid und den bösen dunklen Meister: Geh weiter. Für Dich gibt es hier nichts zu hören.

Javelynn – Chimaera At Heart ist am 28.10.2011 erschienen bei Out of Line (Rough Trade)

Webseite der Band (Facebook): https://www.facebook.com/Javelynn/

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