ASP – Astoria (Verfallen Folge 1) und Interview

Eine Neuveröffentlichung von ASP – Astoria, Folge 1 des Verfallen-Duetts. Es sollte doch einfach sein, dazu eine Rezension zu schreiben. Ist es eigentlich auch – immerhin ist ASP eine der erfolgreichsten Bands aus dem Bereich Goth-Rock und schwarze Szene. Liefert regelmäßig gutgemachte, abwechslungsreiche Scheiben ab. Easy going.

Und ja – ASP – Astoria, das erste von zwei Alben im geplanten Verfallen-Zyklus, ist genau das: Abwechslungsreich, handwerklich wie gewohnt hervorragend gemacht. Jeder der dreizehn Tracks ist für sich genommen ein gutes Werk, überzeugt als Musik. Mal vor allem getragen von der Stimme von Asp, dann wieder mehr Gewicht auf den Instrumenten, sehr tanzbar. Und dann könnte man noch Beispiele geben für sehr ruhige, stimmlastige Stücke – Mach’s gut, Berlin! zum Beispiel oder auch für überraschend tanzbare mit Einklängen von 20er Jahre Chanson (und hier fühle ich mich zu Recht korrigiert – siehe unten im Interview) wie etwa Zwischentöne – Lift oder auch Astoria verfallen. Noch ein Hinweis auf das nicht musikalisch hinterlegte Zwischentöne – Blank in Kombination mit Dro[eh]nen aus dem rostigen Kellerherzen und den nahtlosen Übergang. Und schon ist eine Rezension zu ASP – Astoria im Kasten. Ist doch ganz einfach. Pflicht erfüllt.

Wenn… ja, wenn nur…

Wenn da nicht noch viel mehr wäre. Deswegen kann ich es mir nicht so einfach machen. Zum Glück – denn das hebt ASP von vielen anderen Gruppen, egal welcher Stilrichtung, ab. Zu einem guten Album kommt dann noch mal was drauf – und ich rede jetzt nicht von ’nem Sticker in der CD-Hülle.

ASP – Astoria ist der Beginn einer Geschichte. Einer dunklen, einer düsteren Geschichte. Und das ist kein Zufall – die Idee, die Inspiration zu diesem Werk, das zwei Veröffentlichungen umfassen soll, entstand aus der Kurzgeschichte Das Fleisch der Vielen des Autors Kai Meyer. Meyer schreibt (hauptsächlich) Kriminalromane und Fantasy – und das spiegelt sich in der Geschichte wider, die ASP – Astoria aufspannt.

Und erst mit der musikalischen Story, die hier erzählt wird, erschließt sich dem Zuhörer der Aufbau des Albums. Der ruhige Beginn, der Hintergrund des verarmten Protagonisten Paul nach dem 1. Weltkrieg im von Flüchtlingen überlaufenen Berlin, der Wechsel nach Leipzig – und dort das Hotel Astoria. Da wird die Zugfahrt von Berlin nach Leipzig lebendig in Zwischentöne – Ich nenne mich Paul, die Musik von ASP (der Band) und die Stimme von Asp (dem Sänger) folgen den Stimmungen, der Geschichte und den Emotionen der Geschichte und erfüllen sie mit Leben. Plötzlich erhält eine gute Scheibe nicht noch eine Dimension mehr – sondern ein ganz eigenes Universum. Und noch dazu eins, das sich mit unserem teilweise überschneidet – die erste Reaktion einer Leipziger Freundin, als ich ihr Zwischentöne – Baukörper vorspiele, der ersten Beschreibung des Hotels Astoria, war „hoffentlich wird das jetzt endlich wieder aufgebaut!“

Durch diese Geschichte hindurch wird ein Spannungsbogen aufgebaut – wie bei literarischen Werken gewohnt, wie in der Musik nur manchmal umgesetzt. Asp selbst spricht von einem „grande Finale“, auf das die Musik sich hinarbeitet, und setzt es mit drei grandiosen Stücken von jeweils etwa 10 Minuten Spieldauer um, bis zu einem (vorläufigem) Höhepunkt in Loreley.

Eine schöne, sehr persönliche Note wird durch den letzten Track geschaffen – Fortsetzung folgt, in der ASP die Fortsetzung der Verfallen-Geschichte ankündigt. Natürlich ist jedem Hörer, der nicht nur einfach die CD in den Player wirft, klar, dass es eine geben wird – aber hier gewährt die Ausnahme-Gruppe ASP mit Alexander „Asp“ Spreng, Sören Jordan, Lutz Demmler, Andreas „Tossi“ Gross und Stefan Günther einen sehr persönlichen Einblick in den Schaffensprozess -“Wir standen gemeinsam am Abgrund und wir lauschten […] Dann kam die Verbeugung […] Wir wissen heute schon, es gibt bald ein Wiederhören, diese magische Verbindung lässt sich nicht so leicht zerstören – Fortsetzung folgt!“

ASP – Astoria ist eine faszinierende CD, die wirklich Lust auf mehr macht. „Mehr“ ist auch schon in Arbeit – und ich werde gespannt darauf warten.

ASP 02Ich hatte am 16. Oktober das Vergnügen, beim Tourauftakt der ASP – Astoria Tour dabei zu sein, und hatte Gelegenheit, für Polyprisma ein paar Fragen an Asp zu stellen. Die – und natürlich vor allem die Antworten – möchte ich euch nicht vorenthalten:

Polyprisma: Du hast die Veröffentlichungs-Reihe Fremder für das Verfallen-Duo unterbrochen. Warum ist das Hotel Astoria, warum ist Das Fleisch der Vielen so wichtig, so drängend?
Asp: Man kann Kreativität durchaus steuern und in Bahnen lenken. Dann läuft man aber auch Gefahr, wirklich magische Momente zu versäumen!
Die Geschichte von Kai und die daraus entstandene Inspirations-Welle waren einfach so stark, dass ich sie nutzen wollte. Es ist ungewöhnlich, dass ich in meinem minutiös verplanten und disziplinierten Arbeitsleben solchen Wünschen einfach nachgebe, aber in diesem Fall war das einfach wunderbar. Ich denke, ein Aspekt, warum so viele Fans sich in das Albumkonzept von VERFALLEN sehr gut einfühlen können, liegt auch darin begründet, dass der Sog, den das Thema auf mich ausgeübt hat, durchaus in den Songs zu spüren ist.

Polyprisma: Du hast ja nicht nur in Zwischentöne: Lift ein Tango-Thema aufgegriffen, sondern auch schon früher schon – ist da ein besonderes Verhältnis zum Tango?
Asp: Er ist dramatisch und sexy zugleich. Das passt wunderbar zu uns. Nicht immer, aber gerade im grande Finale der CD, dem Mittelteil von Loreley empfinde ich das als extrem passend. Bei Zwischentöne Lift ist zwar ein Tango-Rhythmus benutzt, aber es ist eher ein typisches 20er-Jahre Chanson.

Polyprisma: Eine naheliegende Frage: Was erwartet uns in Teil 2 von Verfallen? Und gibt es schon Pläne für Zugaben in Fan-Boxes?
Asp (lacht): Tatsächlich ist meine Hauptaufgabe zunächst einmal, das Album schnellstmöglich zu komponieren und zu Texten, Demos der Songs zu erstellen und mit meinem Produzenten Lutz Demmler die Produktion zu machen, bevor wir uns um die Bonus-Inhalte kümmern. Zuvor sind wir noch live unterwegs. Es ist ein mehr als ambitioniertes Vorhaben, zwei Alben direkt hintereinander zu produzieren, wir werden hoffentlich am Ende gerade so über die „Ziellinie“ kriechen und danach Urlaub brauchen.

Polyprisma: Hast Du vor, Dich musikalisch zu positionieren in der Thematik Flüchtlinge – und unseren, den deutschen, Umgang mit ihnen? Wie beeinflusst Dich die momentane Situation in Deutschland, die fremdenfeindlichen und mitunter menschenverachtenden Aussagen einzelner auf der einen, der plakativen Hilfsbereitschaft auf der anderen Seite, als Musiker? Als Mensch?
Asp: Ich bin nicht sicher, ob es einen Musiker wie mich braucht, um zu diesem Thema auch noch seinen Senf dazu zu geben. Ich bin jemand, der klar Stellung bezieht, aber dies am liebsten allgemeingültiger formuliert, wenn es schon in die Musik Einzug erhält. Menschlichkeit und Empathie, das sind zwei universelle Werte, die es zu jeder Zeit als hohes Gut zu propagieren gilt, nicht nur in einem Moment wie diesem.
Ich fühle mich derzeit noch ein klein wenig in einer Schockstarre gefangen, wenn ich die hässliche Fratze der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland so unverblümt gezeigt bekomme. Auf der anderen Seite bin ich dankbar für die vielen guten Menschen dort draußen, die sich aus diesem Schock befreien und einfach zunächst einmal helfen. Ob das „plakativ“ daherkommt oder nicht, das ist doch erstmal egal.
Hier geht es nicht darum, einen Preis für die werbewirksamste Art zu bekommen, wie man hilft, sondern um die Bereitschaft an sich, anderen Menschen in Not eine helfende Hand zu reichen.
Was mich zunehmend schockiert, ist, dass unter dem Deckmäntelchen der „Meinungsfreiheit“ jeder emotional unterentwickelte Troll seinen Senf zu allem dazugeben kann und dies auch ungestraft tut. Der rechts- und anstandsfreie Raum „World Wide Web“ nimmt mitunter völlig abstruse Züge an.

Polyprisma: Gibt es etwas, was Du Dir von Deinen Fans und Freunden besonders für die Verfallen-Tour wünscht?
Asp: Ich wünsche ihnen das, was ich ihnen bei jeder unserer Tourneen wünsche: Eine gute Mischung aus Entertainment und Tiefsinn, vor allem aber etwas, das sie in ihrem Herzen mit nach Hause nehmen können.
Vielen Dank für Deine Antworten und Deine Zeit, grade bei einem so eng gesetzten Tourplan wie eurem, noch einmal!

ASP – Astoria (Verfallen Folge 1) ist am 16.10.2015 erschienen bei Trisol Music Group (Soulfood).

ASP – Fassaden (Verfallen: Teil 2) erscheint am 1.04.2016

Webseite der Band: www.aspswelten.de

ASP – VERFALLEN TOUR 2015

18.10. Hamburg – Markthalle
21.10. Memmingen – Kaminwerk
22.10. Wien – Arena
23.10. München – Backstage
24.10. Heidelberg – Halle 02
28.10. Oberhausen – Turbinenhalle
29.10. Berlin – Huxleys Neue Welt
30.10. Dresden – Alter Schlachthof
31.10. Erfurt – Stadtgarten

 

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1 KOMMENTAR

  1. Ich bin begeistert von der neuen Scheibe. Als Leipzigerin kenne ich das Hotel Astoria seit langem nur als leerstehenden Bau, dessen „große Letter“ nicht mal mehr ganz vorhanden sind. Durch Astoria (Verfallen Folge 1) fühlt man sich in eine Zeit versetzt, in der das Hotel lebendig ist. Vielleicht können wir diese Zeit nicht nur mit diesem Album wiederbeleben sondern auch hier in Leipzig. Ich freu mich schon auf die Fortsetzung.

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