Beats Studio2 – Gutes Aussehen für 200

Musik lebt vom Sound, vom Klang. Darum interessiere ich mich natürlich nicht nur für das eine Ende, die Musik, sondern auch für das andere Ende: Die Geräte, die Musik hörbar machen. Wenn eine Firma, die sich in erster Linie durch hochpreisige Lifestyle Produkte einen Namen gemacht hat, urplötzlich einen Kopfhörerhersteller schluckt, dann sorgt das für Aufsehen. Entsprechend groß war das Tamtam als Apple seinerzeit „Beats by Dr. Dre“ aufkaufte.

Seit dem tauchen die verblüffend teuren Kopfhörer immer wieder irgendwo im Straßenbild auf. Bisher war mir die Chance verwehrt geblieben, mir selber ein Bild von diesen Wundergeräten zu machen. Teils, weil ich ich nicht einsehe ein paar hundert Euro auf den Tisch zu legen, nur um ein Gerät auszuprobieren. Teils aber auch, weil ich schlicht und ergreifend keine Zeit dazu hatte. Das Schicksal sollte mir helfen. Ein Bekannter rückte die Tage bei mir an und präsentierte mir stolz seine Anschaffung: Ein „Beats Studio2“ in schwarz, kaum 200 Euro teuer. Angesichts meiner Begeisterung für meinen Beyerdynamic DT 770 Pro war klar, was nun kommen musste: Pimmelfechten.

Der Beats Studio2 ist hübsch und stylisch. Die Optik ist ansprechend. Rot und mattschwarz abgesetzte Details peppen die Erscheinung des Kopfhörers auf, machen ihn zu einem jugendlich-ausgehtauglichen Accessoire. Dagegen sieht der DT 770 Pro schon etwas kantiger und… nunja, insgesamt „robuster“ aus. Dafür sieht man besonders auf dem Hochglanzplastik des Beats Studio2 jeden Fingerabdruck. Davon abgesehen hatte das Rennen um das Aussehen der Beats Studio2 klar für sich entschieden.

dt770proDas Anfassen ist ja immer so eine Sache. Mein DT 770 Pro gewinnt zwar nicht die Weltmeisterschaft in Sachen Handschmeicheln, aber dafür muss ich auch keine Angst davor haben, dass irgendetwas kaputtgeht, nur weil ich ihn benutze. Er fühlt sich auch nach inzwischen gut zwei Jahren Dauerbenutzung noch immer nach einem ernstzunehmenden und wertigen Arbeitsgerät an. Solide und für lange Lebensdauer gemacht. Beim Beats Studio2 hingegen hatte ich den Eindruck, in erster Linie eine Menge Plastik in der Hand zu halten, für dessen Robustheit ich meine Hand nicht unbedingt ins Feuer legen möchte. Wir waren uns wortlos darüber einig, dass wir beim Beats Studio2 auf den „zwei-Meter-Falltest“ verzichten.

Klasse fand ich beim Beats Studio2 das Falt-Design und die mitgelieferte Tasche. In dem Punkt gewinnt dieser Kopfhörer sofort, denn der Beyerdynamic DT 770 Pro lässt sich nicht falten. Auch die Tatsache, dass mehrere Kabel mitgeliefert werden, fand ich gut: Zwei Kopfhörerkabel mit um 90° abgewinkeltem 3,5mm Klinkenstecker, eins davon mit Handytasten und Mikrofon, sowie ein USB Ladekabel. Die abgewinkelten Stecker sind ganz klar ein Pluspunkt, insbesondere dann, wenn man die Kopfhörer unterwegs benutzen will. Das Fehlen eines 6,3mm Adapters fand ich störend. An der heimischen Stereoanlage lässt sich der Kopfhörer so unter Umständen nicht „out of the Box“ anschließen.

Was mit nicht ganz einleuchten will ist aber die Frage, warum ich Kopfhörer aufladen muss. Der Beats Studio2 hat einen eingebauten Akku, der aufgeladen werden will. Einmal geladen, soll er den Kopfhörer für gut 20 Stunden mit Saft versorgen. Den Ladezustand des fest eingebauten Akkus teilt der Beats Studio2 über eine Reihe LED an der rechten Ohrmuschel und eine einzelne LED im Powerbutton mit. Immerhin: Es wird ein (stylisches) USB Stecker Netzteil mitgeliefert, mit dem sich der Kopfhörer aufladen lässt. Will man aber alles Zubehör zusammen mit dem Kopfhörer in die zuvor erwähnte Tasche packen, wird’s eng. Das Netzteil entpuppte sich hier als Problem und machte das „Eintüten“ zu einer längeren und spannenden – leider nicht entspannenden – Fingerübung.

Der Beats Studio2 ist – je nach Größe der eigenen Ohren – entweder ein circumauraler oder ein superauraler Kopfhörer. Die Kopfhörer schließen entweder um die Ohren oder liegen auf ihnen auf. Bei „normalgroßen“ Ohren wird das Ohr jedoch sauber umschlossen. Der DT 770 Pro hingegen hat selbst für Lauschlappen des Formats „afrikanischer Elefant“ mehr als genug Platz. Die Qualität der Ohrpolster ist gut, der Tragekomfort sehr angenehm. Allerdings verwendet der Beats Studio2 einen Schaumstoff, der die Kopfform des Trägers „erlernt“ und sich entsprechend dauerhaft anpasst. Das ist gut, wenn man den Kopfhörer alleine verwendet, ist aber alles andere als toll, wenn andere den Kopfhörer mit benutzen.

beats studio caseWie viele das Ohr umschließende Kopfhörer neigt auch der Beats zum „Sauna-Effekt“: Bei längerer Benutzung werden die Ohren deutlich warm, mir sogar zu warm. Hier gewinnt der DT 770 Pro eindeutig. Auch das Kopfband fand ich beim Beats Studio2 nicht so angenehm zu tragen wie das des DT 770 Pro, auch wenn hier optisch der Beats Studio2 die Nase eindeutig vorne hatte. In Bezug auf den Tragekomfort waren wir uns einig, dass der Beats Studio2 toll zu tragen ist, aber er ist eindeutig nichts für ausgedehnte Sessions und wenn die Ohren glühen (z. B. im Sommer oder generell in warmer Umgebung) kann der Tragekomfort schnell verschwinden. Der DT 770 Pro hatte hier die Nase vorn, weil er als Arbeitsgerät für genau solche Zwecke ausgelegt ist. Wir einigten uns auf ein für beide Seiten absolut positives unentschieden.

Der Beats Studio2 will aufgeladen werden, weil er über eine Noise-Cancelling Technologie verfügt. Der Kopfhörer kann aktiv Umgebungsgeräusche unterdrücken. Vereinfacht ausgedrückt rechnet eine Schaltung im Kopfhörer Umgebungsgeräusche aus der Musik heraus, damit diese möglichst ungestört gehört werden kann. Der Beyerdynamic DT 770 Pro hat sowas nicht. Dessen Design beruht auf einer möglichst guten akustischen Abschottung des Ohrs. Aktiviert wird diese Technologie beim Beats durch das Einstecken des Kabels in den linken Ohrhörer. Lässt man das Kabel drin, ist der Akku irgendwann leer, wenn man nicht den in das „b“ des rechten Ohrhörers integrierten Schalter benutzt, der den Kopfhörer komplett an- bzw. ausschaltet. im linken Ohrhörer ist ein mute-Taster integriert, mit dem sich der Kopfhörer vorübergehend ausschalten lässt.

Bis hier hin gewann der Beats Studio2 optisch, der DT 770 Pro in Sachen Stabilität. Da Kopfhörer aber nicht nur zum rumwerfen und anglotzen gekauft werden (zumindest nicht in meiner Welt), bleibt ein maßgebliches Kriterium: Der Klang.

Die aktive Geräuschunterdrückung des Beats Studio2 arbeitet gut, ist aber nicht Weltklasse. Der Kopfhörer produziert keine vollkommene Stille, senkt aber Umgebungsgeräusche deutlich ab. Es bleibt häufig ein deutlich wahrnehmbares Zischen, das uns bei filigranen, leisen Passagen einiger Stücke nervig auffiel. Andererseits wird der normale Beats-Kunde eher selten Violinsoli oder Musik von Youn Sun Nah hören.

Die DT 770 Pro sind weitgehend klangneutral. Nun ist kein akustisches Gerät wirklich „neutral“, aber Beyerdynamic verzichtet auf künstlich betonte Anhebungen oder Absenkungen der Klangkurve und überlässt das der vorgeschalteten (Studio-) Hardware. Der Beats Studio2 hingegen besitzt neben seiner Geräuschunterdrückung auch eine Signalaufbereitung und liefert daher alles, aber keinen „neutralen“ Sound. Schon bei den ersten Takten von Dark Side Of The Moon mochte ich das Klangbild des Studio2 gar nicht. Ein zweiter Versuch mit Aiboforcen – Dédale machte es nicht besser. Über die Trimmstufe meines Mischpultes gelang es uns zwar das Klangbild zu entschärfen, aber der Beyerdynamic DT 770 Pro lag dennoch uneinholbar weit vorne.

Der Bass des Beats Studio2 ist deutlich (über-) betont. Im direkten Vergleich fiel uns das sehr negativ auf. Das Klangbild war stark verfärbt und das auch noch leider nicht zum Vorteil von Musik oder Hörer. Der Übergang der Mitten zu den Höhen wirkte auf mich sehr scharf angeschnitten, beinahe schrill, was aber vielleicht auch an meinen Hörgewohnheiten liegen konnte. Uns beiden fiel auf, dass eine räumliche Ortung und Differenzierung des Klangbildes mit dem Beyerdynamic um Längen besser gelang als mit dem Beats, bei dem filigrane Klangbilder schnell zu einem unauflösbarem Brei verschmolzen. Die Unterdrückung der Umgebungsgeräusche tat ihren Dienst beim Beats Studio2 gut, allerdings war die Kapselung des DT 770 Pro mindestens genauso effizient. Für EDM, Pop und eher basslastigen HipHop ist der Beats Studio2 okay, aber für ernsthaftes Hören sicher nicht.

beats zerlegt medium.comIch war von den Beats Studio2 bis zu diesem Punkt bei aller Fairness nicht sonderlich beeindruckt. 200 Euro wäre mir die Kopfhörer sicher nicht wert gewesen. Meine Skepsis diesem Produkt gegenüber fand dann heute aber ihre Bestätigung ganz anderer Art, als ich bei den Kollegen von Bolt / medium.com eine just letzten Donnerstag veröffentlichte komplette Demontage eines Beats Kopfhörers sah (allerdings ist nicht ganz klar, ob hier auch ein Studio2 begutachtet wurde oder ein anderes Modell.) Nur zur Erinnerung: Mein Beyerdynamic DT 770 Pro kostet zur Zeit (Straßenpreis) rund 150 Euro (z.B. hier) Bei dem kann jedes noch so kleine Teilchen ausgetauscht und als Ersatzteil nachbestellt werden.

Der Beats Studio2 sieht nicht nur nach Plastik aus, er besteht nach dem, was die Kollegen bei medium.com herausgefunden haben, auch weit überwiegend aus billigstem Plastik. Das gefühlte Gewicht, mit dem der Kopfhörer eine haptische Wertigkeit erfährt, stammt von eigens dafür eingesetzten Zusatzgewichten und nicht etwa von den verwendeten Materialien oder der verbauten Technik. Über 30 Gramm des Kopfhörers sind künstlich eingesetzter Ballast. Der Kopfhörer ist überwiegend verklebt oder besteht aus einschnappenden Kunststoffkomponenten. Ersatzteile dürften – mit Ausnahme der Kabel und des Netzteils – eher nicht zu bekommen sein, und selbst wenn: Selber austauschen ist ohne viel Zeit, Mühe, spezielles Werkzeug und einiges handwerkliches Geschick den meisten wohl nicht möglich.

Was mich aber am meisten entsetzt hat: Bei der Demontage des Kopfhörers fand der Ingenieur von Bolt, der den Artikel bei medium.com verfasst hat, nicht etwa spezielle, eigens gefertigte Treiber, sondern offenbar billige sehr preiswerte Massenware von der Stange. Die Treiber sind das, was aus dem elektrischen Signal hörbaren Ton macht. Mit einem Mal verstand ich, warum wir bei unserem Vergleich vom Klang des Beats Studio2 alles andere als beeindruckt waren.

Wem der Klang egal, Aussehen dafür umso wichtiger ist, der kann bei den Beats Studio2 zugreifen. Wer aber wert auf Klang, Stabilität Langlebigkeit legt, der sollte vielleicht zu anderen Produkten greifen.

Webseite des Herstellers des Beats Studio2: http://beatsbydre.com

Webseite des Herstellers des DT 770 Pro: http://www.beyerdynamic.de/

Bilder: beatsbydre.com, beyerdynamic.de, medium.com

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