Die Tonträgerdebatte und ich. Oder: Musik hören ist alles

Hören ist alles.

Hören ist der Schlüssel zu meiner Leidenschaft: Musik. Musik finde ich toll, egal welches Genre. In Musik entdecke ich für mich immer wieder Neues und Inspirierendes. Musik bietet Gesprächsstoff und bringt Menschen zusammen. Dadurch werde ich in letzter Zeit öfter Zeuge hitziger Diskussionen: Von welchem Tonträger klingt Musik am besten? Die LP sei das einzig Wahre heißt es von der einen Seite. Die Unterschiede sollen riesengroß sein und wem Musik wichtig ist, der hört ausschließlich Schallplatte. Die andere Seite sieht das anders. Weil ich mich ein wenig intensiver mit Musik auseinandersetze, werde ich immer wieder in solche Debatten hineingezogen.

Ich höre viel Musik. Sehr viel. Ich genieße Musik. Musik zu erleben, sie zu spüren, bedeutet mir viel. Musik, die mich bewegt, die mich im Innern berührt, wird ein Teil von mir. Solche Musik begleitet mich oft für den Rest meines Lebens. Darum ist mir Musik wichtig. Aber die Frage, von welchem Tonträger sie gespielt wird, ist mir mit in vielen Fällen ziemlich egal. Solange mir der Klang zusagt, ist für mich alles okay.

2015_12_05_4961Im Idealfall höre ich Musik live. Nichts ist geiler als Livemusik. Punkt. Das Problem ist nur, dass nicht immer jede Band gerade Zeit dazu hat, für mich zu spielen. Mal ganz davon abgesehen, dass der Platz in meiner Wohnung begrenzt ist. Ständig eine Band durch die Stadt neben sich her latschen zu haben, ist auch nur begrenzt lustig. Wenn ich Musik aber nicht live erleben kann, dann bleibt mir nur die Konserve.

Audio wie die Profis

Es ist kein Geheimnis, dass ich Radio mache. Ich bin mir sehr sicher, dass das Equipment im Sender in Sachen Klangqualität die meisten Stereoanlagen weit hinter sich lässt. Klangqualität und die Reinheit des Signals sind gerade für Radio überragend wichtig. Wer würde schon freiwillig einen Sender einschalten, der permanent scheiße klingt? Eben. Deshalb ist auch ein Großteil der Musikausstattung bei mir zu Hause eher von gehobener Qualität, weil es für das, was ich mache, schlichtweg eine Notwendigkeit ist.

CD Interference-colors Luis Fernández García WikipediaDer mit weitem Abstand Großteil der Musik kommt bei den meisten Radiosendern heute von CD oder von der Festplatte. Selbst Kollegen, die wie ich Radio machen, die in Diskussionen oft glühende Verfechter der LP sind, spielen im Sender „ihre“ Musik von CD oder vom Stick. Einen Plattenspieler tragen sie nicht mit ins Studio.

Zu Hause haben auch die Wenigsten einen Plattenspieler. Im Auto, bei der Arbeit oder beim Joggen habe ich auch noch keinen Plattenspieler gesehen. Und zu Hause? In den wenigsten Wohnungen stehen heute überhaupt noch aus sorgsam ausgesuchten Bausteinen zusammengestellte Stereoanlagen. Ganz zu schweigen von mehreren tausend Euro schweren High End Anlagen. Selbst Musiker haben oft nur erschreckend preiswerte Anlagen zu Hause. Warum? Sind denn all diese Menschen doof? Haben die alle keine Ahnung?

Wohl kaum. Musik hören passiert heute einfach anders. Ich kenne genau zwei Leute, die sich in ihren mit handverlesenem Audioequipment versehenen, aber ansonsten ziemlich leeren „Wohn“zimmern in einen an exakt ausgemessener Stelle platzierten Sessel setzen, um Musik zu zelebrieren. Bei den meisten hat bei der Einrichtung der Wohnung der Standort der Lautsprecher nicht gerade erste Priorität. Fragen wie „Reflexionsverhalten“, „Absorption“, „stehenden Wellen“ und so weiter, spielen für wenige eine bedeutende Rolle bei der Einrichtung ihres Domizils.

Diese Faktoren sind für den Klang der gesamten Anlage ausschlaggebend. Jeder Tontechniker kann darüber stundenlang dozieren. Was bringt ein Plattenspieler an einem exorbitant teuren Verstärker, wenn die mit Klingeldraht verkabelten Plastikboxen für 5 Euro pro Kilo irgendwo hinter dem Vorhang stehen? Genau: Nicht viel. Wer aber behauptet, es ginge ausschließlich um den Klang und dann solche Fragen als unwichtig abtut, der erzählt zumindest aus technischer Sicht ziemlichen Unsinn.

Die Schallplatte – Aufzucht und Hege

Plattenspieler PhonoCartridgeP23 Hubert Berberich WikipediaAber sei es drum. Setze ich für den Augenblick mal voraus, dass diese Leute irgendwie Recht haben. Schon mal versucht heute, 2015, einen Plattenspieler zu kaufen? Ich habe mir den Spaß neulich mal gegeben. Das ist ein Experiment, das ich nur jedem empfehlen kann. Selbst wenn Du irgendwann einigermaßen sicher weißt, ob Dein Verstärker zu Hause zu diesem Plattenspieler passt: Die Preise, die da verlangt werden, haben eine ganz eigene Komik. Die spannendste Frage bleibt aber: Woher bekommst Du Schallplatten?

Ich hatte früher etliche Plattenspieler: Technics, Akai, Siemens, Telefunken, Dual. Hat alles mal bei mir rumgestanden. Ich hatte Systeme von Audio Technica, Ortofon, Denon und etliche, an die ich mich nicht mehr erinnere. Irgendwann habe ich Plattenspieler gehasst. Es ging mir ehrlich auf den Sack spätestens alle 30 Minuten loslatschen zu müssen, um die Platte umzudrehen oder zu wechseln. Keine Zufallswiedergabe, keine eigene Musikzusammenstellung, es sei denn, man nimmt sich Kassetten auf (warum dann Plattenspieler?) Das Gefrickel mit dem Umschlag und dem Cover ging mir auch oft genug mächtig auf den Sack.

Die Schallplatten selber sind empfindlicher als dünnes Porzellan. Bei jeder neu gekauften Platte erstmal die bange Frage: Leiert die? Und wehe, die Sammlung steht zu nahe an der Heizung oder im Sommer im falschen Zimmer. Deshalb war der CD Player für mich eine Befreiung, wenn nicht sogar eine Erlösung. Die Erfindung und Etablierung von MP3 / AAC / FLAC und so weiter war für mich ein logischer, ein richtiger und notwendiger Schritt. Ich habe mich bis heute nie darüber geärgert, mir bei Umzug keinen Bruch an Kisten mit Platten oder CDs heben zu müssen.

Lautsprecher Logitech usb speakers Evan Amos WikipediaDie LP klingt besser, sagen manche. Mag sein. Obwohl mein Ohrenarzt meint, dass mein Gehör „ziemlich klasse“ ist, konnte ich in noch keinem Blindversuch zuverlässig heraushören, was nun wirklich Platte ist und was CD oder Datei. Okay, wenn die LP ausgelutscht war, Kratzer hatte oder verstaubt war, dann schon. Ich konnte oft heraushören, ob eine Aufnahme technisch gut war oder nicht. Oder ob eine Musikdatei gut oder schlecht komprimiert wurde. Aber den Unterschied zwischen einer verlustfrei komprimierten Audiodatei (zb. AAC, FLAC, OGG, WAV) und einer LP? Selten. Und wenn, dann klang die LP nicht immer besser. Wie eben schon angedeutet: Kratzer und Sprünge finde ich nicht gerade sexy beim Musikhören. Vielleicht bin ich da speziell, kann ja auch sein.

Fazit

Alles in Allem habe ich den Eindruck, dass es den meisten bei dieser Frage gar nicht darum geht, was wirklich besser klingt. Manchen scheint es eher darum zu gehen, sich von anderen abzugrenzen. Sie wollen vielleicht „elitärer“ sein, vielleicht besser als „die anderen“. Es geht vielleicht eher darum zu zeigen, was jemandem Musik wert ist – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Argumente, mit denen ich mich immer wieder konfrontiert sehe, sind manchmal haarsträubend. Frag mal den Besitzer eines fünfzigtausend Euro teuren SUV, warum es richtiger ist, damit zum Kiosk an der Ecke zu fahren, anstatt mit einem Golf für vielleicht 500 Euro. Die Argumentation ist oft vergleichbar.

Sonic Ranch Adobe Studio Greenkal WikipediaMeiner Meinung nach soll jeder Musik hören wann und wie es ihm und ihr gefällt. Überhaupt Musik zu hören und die Künstler durch den Kauf von Musik zu unterstützen, das ist wichtig. Der Rest ist doch eigentlich egal. Solange das benutzte Equipment genau diesen Zweck zufriedenstellend erledigt? Wenn es Spaß macht, was ist daran auszusetzen, dass die Anlage bloß 30 Euro auf dem Flohmarkt gekostet hat? War die Party neulich deswegen Mist? Musik kaufen, hören und sich darüber unterhalten, das ist wichtig. Über Stereoanlagen, die sich sowieso niemand leisten kann und sich über den vielleicht in der Theorie umsetzbaren „einzig wahren Weg Musik zu hören“ zu streiten, halte ich für ziemlich unsinnig. Aber ich bin eh speziell. Was für mich richtig ist, kann für Dich falsch sein.

(Bilder: Hubert Berberich CC3.0, Norman Bruderhofer Wikipedia, CC2.5, Luis Fernández García CC2.1, Eweht Gemeinfrei / Public Domain, Evan Amos Gemeinfrei / Public Domain, Greenkal / Wikipedia CC3.0)

1 KOMMENTAR

  1. Eine immer wieder schöne Auseinandersetzung….

    Ich habe vor einiger Zeit den Plattendreher meines Vaters erhalten (Braun Atelier). Geliebt habe ich dieses majestätische Gerät und würde es gerne wieder betreiben. Leider bin ich auf einem Flohmarkt mal meine Umzugskiste voller LP, Maxis und Singles…. verlustig geworden, insofern gibt es heute wenig Gründe, einen Plattenspieler „irgendwie sinnvoll an’s funktionieren zu bekommen“. Und ich möchte auch keine neue Vinylsammlung anfangen. Es ist zwar endlos schade, dass das große Format von LPs völlig verloren gegangen ist, die Beileger auf CDs wurden im Laufe der Jahre auch immer dürftiger und heute muss man schon etwas „limitiertes“ kaufen, damit überhaupt ein bisschen was dabei ist. Die letzten vernünftigen Aufmachungen hier waren Roger Waters (The Wall), David Gilmour (Rattle that Lock) und Pink Floyd (The Endless River). (Hmm, man merkt meine leichte Präferenz?)

    Die Qualitätsdiskussion finde ich überflüssig. Es ist einem damals auch zu Hochzeiten der Platten vorgekommen, dass die Pressung einfach Schrott ist und selbst eine hochwertige Anlage da nichts rausholen kann. Als Beispiel hier immer wieder gerne WEA-Pressungen. Die hatten keinen Pegel, Nichts, Null, Niente – und die wurden schon auf einer wirklich SEHR hochwertigen YAMAHA Natural Sound in der Schule wiedergegeben. Und es gibt ja auch nicht ALLES als Halfspeedmastering 160 Gramm. (Heute wohl bis 200 Gramm…)

    Ich bevorzuge heute schon aus praktischen Gründen… ja, ein iTunes mit alle den Nachteilen einer digitalen Reduktion. Es gefällt mir nicht immer, aber wie schon im Artikel: Hauptsache mit dem Material auseinander setzen, der Weg ist eigentlich irrelevant. Immerhin kommt man im iTunes nicht auf die Idee, der Aprilausgabe einer Hifi-Zeitschrift zu folgen und die Kanten einer CD mit einem grünen Edding zu bemalen. (Ist mal einem aufgefallen, wie oft man diese Aprilscherz-Relikte noch auf CD-Börsen oder auf dem Trödel findet? Zum Schießen!)

    Und richtig: Live ist selten zu schlagen. :) Hier als Beispiel wirklich David Gilmour Live in Oberhausen dieses Jahr, wo sich wohl alle im klaren waren, dass sie das Solo von Comfortably Numb wahrscheinlich zum letzen mal in ihrem Leben live gehört haben. Und da waren eine Menge gestandener Männer, die sich em Ende da mal eben verschämt die Augen abgewischt haben.

    Ja, ich auch. :)

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