Gehör und MP3 – Ein Test

Wie viele Debatten ich schon darüber gehört habe, wie gut manch einer doch die Unterschiede zwischen MP3-Kompression und unkomprimierter Aufnahme heraushören zu können meint, kann ich nicht mehr zählen. Ich erinnere mich aber noch gut an den einen oder anderen Musik-Abend bei mir zu Hause, wo mir erklärt wurde, wie gut man hier doch jenes Detail hören könne, oder wie sehr da doch die Kompression auffalle. Sehr zu meinem erstaunen wurde gern behauptet, dass dieser Song doch „auf jeden Fall“ maximal 128kbps MP3 codiert sei und im Vergleich jener Song mit „maximaler Bitrate“ doch klanglich um „klarer und luftiger“ klinge.

Ich höre viel Musik, sehr viel sogar. Oft höre ich Musik, weil ich damit arbeite, genauso oft höre ich Musik aber auch, weil ich einfach nur Musik hören will. Mein Audio-Equipment ist nicht unbedingt das, womit Normalsterbliche Musik hören, aber es ist auch nicht aus der Kategorie „Arschteuer“. HiFi Puristen und selbsternannte „Experten“ würden sicherlich die Nase rümpfen. Immerhin: noch hat sich niemand über den Klang bei mir beschwert und meine Nachbarn haben das Meckern auch aufgegeben, seit sie ihren Musikgeschmack meinem angepasst haben.

Nun gibt es noch immer Leute, die hartnäckig behaupten, sie könnten das Gras wachsen hören und den Unterschied zwischen den verschiedenen Kompressionsraten sowieso. Im Schlaf. Mindestens. Die Jungs drüben bei NPR hatten davon offenbar die Nase so dermaßen voll, dass sie einen Test gebaut haben, in dem jeder für sich selber herausfinden kann, was er (oder sie) denn nun wirklich heraushören kann. Der Test besteht aus sechs Song-Schnipseln aus verschiedenen Genres in jeweils drei Versionen: 128kbps („das hört doch jeder sofort raus!“), 320kbps („ja gut, kann man machen, wenns sein muss“) und WAV (das digitale Äquivalent einer analogen Audioaufnahme, frei von jeder Kompression).

Zum Test geht es hier: http://NPR.org (Der Link öffnet ein neues Fenster)

Ich habs immerhin geschafft, drei Aufnahmen korrekt als „WAV“ zu identifizieren. Bei zweien habe ich stattdessen auf die 320kbps MP3 Version getippt und einmal lag ich voll daneben und hielt das 128kbps MP3 für die beste Qualität. Wie gut wart ihr so?

Natürlich ist die Frage berechtigt, wie „lebensecht“ der Test ist, wie „realistisch“. Ich könnte aus dem Stand mindestens drei Leute benennen, die sofort ankämen mit „ja aber Vinyl…“ Aber mir stellt sich nach diesem Experiment die Frage, wie sinnvoll all diese angedrohten „High End“ Streaming Dienste und „High End“ digital Audio Player sind, die da gerade an den Markt drängen. Ich denke da insbesondere an dieses „Beats“ (oder wie das jetzt heißt) von Apple oder diese sauteuren Player von FiiO oder das Teil von Neil Young bei Kickstarter.

Ich will gar nicht bestreiten, dass Musik mit mies eingestellten Codecs ziemlich unterirdisch klingen kann. Aber sein wir ehrlich: Bei den meisten scheitert es doch wohl bei der Technik eher an der Anlage zu Hause oder im Auto, den Boxen, der Soundkarte, den Kopförern, dem Radio oder aus welchen Brüllwürfeln für das Kilo zu zwei Mark vom Flohmarkt sie sich wo auch immer beschallen lassen. Von den Ohren und dem Gehör will ich jetzt gar nicht erst anfangen.

Mir zeigt dieser Test einmal mehr, dass viel von diesem „High End“ Gerede und der Streiterei um das Audioformat genau das ist: Gerede.

1 KOMMENTAR

  1. Vier mal WAV erkannt
    Einmal 320 und einmal 128 gewählt. letzteres war bei harvest – neil young und das fand ich mit auch am schwersten.
    Wenn ich nicht lange überlege und intuitiver rangehe, lag ich richtig. Kann aber auch Zufall sein. Ich denke, dass ich keinen Unterschied zwischen 320 und WAV erkennen kann. Zwischen 128 und 320 hab ich ihn schon oft in meiner privaten Sammlung rausgehört. Vinyl erkenne ich sogar nur am kratzen.

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