Irie Révoltés – Anschmiegsame Meinungsmache

Deutsch-französischer HipHop gehörte bis heute zu den weißen Flecken auf meiner musikalischen Landkarte, aber Irie Révoltés haben dieses Defizit beseitigt. Die Band stellte sich mir mit ihrem gleichnamigen Album „Irie Révoltés“ vor und gaben sich alle Mühe, mich für sich und ihre Musik zu begeistern. Das Bandkollektiv gibt es seit inzwischen 15 Jahren und ist komplett unter meinem Radar durchgetaucht. Bei „Rap“ sind schnell Assoziationen zu „Gangster“ und allerlei sinnfreiem Habitus und noch sinnentkernterer Attitüde da. Irie Révoltés geben sich alle Mühe damit aufzuräumen.

Beim Durchhören des Albums Irie Révoltés sah ich mich gänzlich unerwarteten Schwierigkeiten gegenüber: Wie nennt man das, was die Jungs da machen? Pop-Rap? Lounge-HipHop? Polit-Sprech-Soul? Ich bin echt ratlos. Klar, das Fundament ist Rap, daran gibt es keinen Zweifel, aber die Präsentation ist so gänzlich anders, als ich diese Musik bisher einsortiert hatte. Das ist gut hörbar und vermittelt so gar nicht das Gefühl von Aggro oder Gangster. Irie Révoltés geht viel mehr in die Richtung Spaß und gute Laune, aber die Texte passen so gar nicht dazu.

Mal Élevé, Frontmann über den Kern der Musik der Band:

Musik und Politik, das sind die beiden Säulen, auf denen Irie Révoltés stehen. Wenn eine Säule wegbrechen würde, dann würde die ganze Band in sich zusammenfallen

Carlito, der zweite Frontmann der Band über das Feeling der Musik:

Es geht um Freude, Mut, Entschlossenheit. Es geht darum, dass wir gemeinsam etwas verändern wollen.

Die Musik wird dadurch sehr… nunja… anschmiegsam. Beinahe samtig. Inhaltlich ist das schon deutliche, handfeste Kritik an Politik und Gesellschaft, aber die Verpackung passt so rein gar nicht zu dem, was ich sonst aus der HipHop Szene zu solchen Themen kenne. Das hier ist deutlich durchgestylt, melodisch glatt, beinahe kantenlos. Ich bin verwirrt. Trotzdem ist die Musik angenehm, unaufdringlich und hat ein ganz eigenes Drehmoment. Anfangs war ich gefangen zwischen der Frage „Mag ich das jetzt wegen seiner Inhalte?“ auf der einen Seite und der Frage „Mag ich dass jetzt nicht, weil es phasenweise so poppig klingt?“ auf der anderen Seite.

Ich gab dem Album Zeit und gönnte mir Ruhe, um mir ein Urteil zu bilden. Ich glaube jetzt mit Entschlossenheit sagen zu können, dass ich es immer noch nicht weiß. Qualitativ ist das, was Irie Révoltés abliefern, klasse gemacht. Das ist in sich sehr stimmig und fein abgestimmt und das gefällt mir. Aber ich bin glaub ich nicht die richtige Zielgruppe. Ich mag es lieber kantig, etwas rougher und irgendwie bissiger. Mit dieser neuen Art des Kuschelprotestes bin ich irgendwie überfordert, wahrscheinlich auch deswegen, weil er entgegen meiner Instinkte so gut funktioniert.

Die Scheibe funktioniert richtig gut! Sie funktioniert selbst für mich, weil ich sie laufen lassen kann, ohne genervt zu sein. Irie Révoltés kann locker mitlaufen und passt einfach. Die Einstellung, die Carlito beschrieb, kommt in der Stimmung der Musik gut rüber. Das Album kann entspannt den Tag über eingestreut werden und man läuft trotzdem nicht sofort Gefahr, von den Kollegen mal wieder schräg angesehen zu werden, weil „schon wieder so’n Aggro-Zeug“ aus dem Boxen perlt.

Irie Révoltés – Irie Révoltés erscheint am 19.06.2015 bei ferryhouse productions / Warner

Webseite der Band: http://www.irie-revoltes.com/

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