Lindemann – Des Wahnsinns fette Beute

Lindemann. Till Lindemann. Solo. Der Frontmann von Rammstein hat es wirklich getan: Er hat ein Soloalbum aufgelegt. Er hat es tatsächlich getan! Ramm ohne Stein, quasi. Wobei… „ohne“ klingt nach Reduktion, nach weglassen. Skills in Pills, so der Name des Albums, ist aber meiner Meinung nach genau das nicht. Lindemann ist zu etwas vorgedrungen, was seiner Kreativität vielleicht mehr entspricht. Vielleicht spricht dieses Album auch mehr aus seinem Innern.

Deutlich, beinahe übermächtig sind Handschrift und Erbe der Band, die sich in diesem Album wiederfinden. Überall spüre ich Anklänge, Erinnerungen an diesen oder jenen Song. Und doch: Irgendwas ist anders. Es ist verhaltener? Nachdenklicher? Tiefgründiger? Schwer zu sagen. Die Songs versprühen eine eigene Form von Wahnsinn und Till spielt geschickt mit der Verwirrung des Zuhörers: Wer ist denn nun wahnsinnig? Ist es der Künstler? Der Zuhörer? Die Welt? Till spricht aus, was sonst eher verschämt, oder vielleicht hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen wird.

Lindemann – Skills in Pills ist ein Album, das den wohlsituierten Eltern gar nicht gefallen wird. Es ist ein Album, das an der Wurzel packt. Die Songs sind hart, ganz wie gewohnt, vielleicht sollte ich sagen „wie erwartet“, und doch schwingt eine Spur Melancholie mit. Da ist etwas in der Musik dieses Albums, das sehr Till ist. Einerseits ist die Musik rückwärtsgewandt, sieht zurück, greift auf, was vielleicht hier und da auf dem musikalischen Weg fallengelassen wurde. Oder vielleicht sogar vergessen. Aber gleichzeitig ist es auch weit vorwärtsgewandt und sieht in Richtungen, in die Till vielleicht nur alleine gehen kann, die für seine Band vielleicht so nicht geeignet sind.

Mit Lindemann – Skills in Pills erlebt die NDH einen langersehnten frischen Schub, der Hoffnung macht. Das Album ist dicht, es ist schnell, es ist hart und es ist all das, was ich lange vermisst und gesucht habe. Alleine „Fish On“ ist Grund genug, dieses Album zu lieben. Ja, Tills Englisch ist… naja, „gut“ wäre ein Euphemismus. Aber es ist gerade dieser spezielle Charakter seines Gesangs, der diesem Album eine besondere Note gibt. Das Feuerwerk, das dieses Album in Deiner ganz persönlichen Hölle Deines Wahnsinns abfackelt, brennt umso heller, je mehr Du verstehst – und Du wirst es lieben.

Was soll ich sagen? Till Lindemann – Skills in Pills ist ein Album, das ich auflege, wenn es zur Sache geht, wenn ich es ernst meine. Stimmungsmäßig irgendwo zwischen tiefster Verzweiflung und vollkommenem Wahnsinn angesiedelt, ist dieses Album eins der wenigen Alben, mit denen ich mich intuitiv auf einer tiefergehenden Ebene verbunden fühle, die weit über alles hinausgeht, was ich mit Worten ausdrücken kann. Auch wenn es in seiner Machart komplett anders und musikalisch kaum vergleichbar ist, ist es für mich ein Album, das auf einer Stufe steht mit „The Light The Dead See“ und „Weathersystems“.

Lindemann – Skills in Pills ist erschienen am 19.06.2015 bei Warner

Webseite des Künstlers: http://www.skillsinpills.com/

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