Steve Albini: Die Musikindustrie ist ein Parasit

Für Steve Albini, 52, Musiker, Toningenieur, Plattenproduzent, Musikjournalist, Rebell und Querdenker aus Chicago, USA, ist die Musikindustrie ein Parasit und das Urheberrecht tot. Seit fast 40 Jahren macht er Musik und hat in dieser Zeit eigene und eigenwillige Ansichten über das Musikbusiness entwickelt. Von jemandem, der an gut und gerne 1500 Alben mitgewirkt hat (darunter Bands wie Nirvana, Pixies, Mogwai, PJ Harvey und sehr viele andere), ohne sich dabei an ein „Major Label“ zu hängen, erwarte ich das irgendwie.

Bevor man sich eine Meinung darüber bildet, was Albini sagt, sollte man sich in Erinnerung rufen, dass er Alben oft ohne Umsatzbeteiligung produziert. Bekanntestes Beispiel hierfür ist „In Utero“ von Nirvana. Häufig produziert er aus Prinzip Alben für einen vorher festgelegen Satz und verzichtet auf „das dicke Geld“, falls die Alben – wie „In Utero“ – dann doch millionenfach verkauft werden. Für ihn ist eine Gewinnbeteiligung des Toningenieurs oder Produzenten ungefähr vergleichbar damit, als wenn ein Handwerker Jahre nachdem er die Wohnung renoviert hat bei den Bewohnern ankommt und noch mal Geld dafür haben will, weil seine Arbeit ja so gut war.

In seinem 1993 erschienen Essay „The Problem With Music“ schrieb Albini, dass Major Labels für ihn von „gesichtslosen Lakaien der Industrie“ geführt werden, die Bands mit fragwürdigen Verträgen und mit unfairen Gewinnanteilen als „Geiseln“ halten. In der Rede von Steve Albini bei der Face The Music Conference in Melbourne 2014 erweiterte er seine Thesen. Das Internetzeitalter hätte eine durch den Zuhörer, den Konsumenten gesteuerten Vertrieb der Musik geschaffen. Dadurch sei des Alltagsgeschäft der Bands sehr viel einfacher geworden“.

Gestern, beim Primavera Pro in Barcelona, Spanien, erklärte Albini seine Thesen, ohne seine Angriffe auf die Musikindustrie zurückzunehmen oder abzumildern:

„I don’t feel like I’m part of the music industry, the music industry meaning the corporatised business structures where you have people who are in the lower level, people in the upper level, people in administration, and people making legal relationships between all those people.“ „All of that has always really bothered me.“ „When I think about it, it makes me angry that it exists as a parasite on the music scene, which is the fans, bands, shows, and the people who help them.“

(„Ich finde nicht, dass ich Teil der Musik Industrie bin, sofern mit Musik Industrie die in Firmen organisierte Geschäftsstruktur gemeint ist, in der es Leute in den unteren Ebenen gibt, Leute in den oberen Ebenen, Leute in der Administration und Leute, die die juristischen Beziehungen zwischen denen herstellen.“ „Wenn ich darüber nachdenke, dann macht es mich wütend, dass das überhaupt existiert als Parasit der Musikszene, die aus den Fans, Bands, Konzerten und den Leuten, die ihnen helfen.“)

“That all feels very organic to me, fraternal and comfortable.“ „This administrative business structure that’s syphoning money out of that whole scene has always seemed artificial and unnecessary and I’ve spent my life trying to remove its influence.“

(„Das fühlt sich für mich alles sehr gewachsen an, sehr brüderlich und komfortabel.“ „Diese administrative Geschäftstruktur, das Geld aus der gesamten Szene absaugt hat sich immer künstlich und überflüssig angefühlt und ich habe mein ganzes Leben damit verbracht zu versuchen, diesen Einfluss zu beseitigen.“)

„When bands were signed to record labels before, the contacts were unfair and the record label controlled the exposure.“ „Now there is so much music it’s hard to be noticed. But that means there’s so much music available because it’s so easy for music to become available.“ „So the barriers have been removed for exposure, and the relationships that bands build with their audience is going to be based on the music finding a sympathetic audience.“

(„Wenn Bands früher einen Vertrag bei einem Label unterzeichnet haben, waren diese Verträge unfair und die Platten Label haben die Verbreitung kontrolliert.“ „Heute gibt es so viel Musik, dass es schwer ist, wahrgenommen zu werden. Aber das bedeutet, dass es so viel Musik gibt, weil es so einfach ist, Musik verfügbar zu machen.“ „Die Barrieren, die eine Verbreitung verhindert haben, wurden beseitigt und die Beziehungen zwischen Bands und ihren Zuhörern wird sich dahin orientieren, dass Musik von sich aus diejenigen Hörer finden wird, die diese Musik mögen.“)

„If your music is not special, it’s no longer possible for hype and promotion to do all of the work. There are always going be a few mainstream pop stars, but that is no longer the main focus of music scene.“ „The main focus is going to be people finding music on their own and discovering stuff that they like specifically for themselves.“

(„Wenn Deine Musik nicht besonders ist, nicht herausragend, dann ist es für Hype und Promotion unmöglich, diese Arbeit zu übernehmen. Es wird immer ein paar Mainstream Popstars geben, aber die sind nicht mehr der Fokus der Musikszene.“ „Der Fokus wird darin bestehen, dass die Leute sich selber die Musik suchen, finden und aussuchen werden, die sie selber mögen.“)

„Streaming platforms don’t have very good sound quality for music but that’s not why you listen to music on a streaming platform, you listen to music on a streaming platform because it’s convenient.“ „In the 1960s there were transistor radios and the sound quality was terrible, but you could bring it with you to the swimming pool, you could listen to the radio while cooking.“

(„Streaming Plattformen haben keine besonders gute Klangqualität was Musik angeht, aber das ist nicht der Grund dafür, dass jemand Musik über solche Anbieter hört. Man benutzt diese Plattformen, weil es bequem ist.“ „In den 1960ern gab es Transistorradios und deren Sound war fürchterlich, aber man konnte die Dinger mit an den Pool nehmen und man konnte Musik hören, während man in der Küche stand.“)

„The idea that you have to have contracts to do agreements, that you have to have formal understanding between people in order to have a long relationship, is a complete fallacy.“ „If you enjoy working with someone and both feel the relationship is working out, you naturally carry on indefinitely.“ „That’s the way I’ve approached essentially all of my business, you don’t need contracts.“ „I think it’s the best, safest and also the most reasonable way to conduct, not just an informal things, but even very important things like millions of dollars worth of business between my band and a record company.“

(„Die Idee, dass man vertraglich vereinbarte Absprachen haben muss, dass man eine formale Vereinbarung zwischen Leuten abschließen muss, um darauf eine langanhaltende Beziehung aufzubauen, ist ein Trugschluss.“ „Wenn es dir Spaß macht mit jemandem zusammenzuarbeiten und beide fühlen, dass das für alle Beteiligten funktioniert, wird man ganz von selbst alles dafür tun, dass das auch immer so bleibt.“ „Mit dieser Einstellung ahbe ich eigentlich immer Geschäfte gemacht. Man braucht keine Verträge.“ „Ich glaube, dies ist der beste, sicherste und sinnvollste weg zu handeln, nicht nur im Kleinen, sondern auch im großen Rahmen, bei den wichtigen Dingen, wie zum Beispiel dem Millionenschweren Geschäft zwischen meiner Band und deiner Plattenfirma.“)

„The constructs of copyright and intellectual property ownership is not a realistic way to treat ideas. Ideas once expressed become part of the common mentality, music once expressed becomes part of the common environment.“ „I think the idea of intellectual property will naturally have to be modified to accommodate the way people exchange ideas and music and information.“

(„Das Konstrukt des Urheberrechts und des geistigen Eigentums ist kein geeigneter Weg um mit Ideen umzugehen. Ideen werden, einmal formuliert, Teil des Allgemeinwissens. Musik, einmal gespielt, wird Teil der allgemeinen Umgebung.“ „Ich glaube, die Vorstellung von geistigem Eigentum wird ganz von selbst verändert werden müssen, um sich dem anzupassen, wie Menschen ihre Ideen und Musik und Informationen untereinander austauschen.“)

„The old copyright model – the person who creates something owns it and anyone else that wants to use it or see it has to pay them – has expired in the same way that around the world you’re seeing structures and social norms that were standard for many years.“ „It’s going to take a lot for the business to catch up to where the audience is, in the same way it takes a while for the church and the laws to catch up to where the people are.“ „But there is no longer the possibility to exclusively control music through copyright.“

(„Das alte Copyrightmodell – die Person, die etwas erschafft, der gehört das und alle anderen, die das benutzen oder sehen wollen, müssen dafür bezahlen – hat seine Zeit genauso überdauert, wie rund um die Welt soziale Normen verschwinden, die für viele Jahre der Standard waren.“ „Es wird eine Weile dauern, bis sich die Geschäftswelt dem angepasst hat, wo die Hörer heute schon sind, genauso, wie es Kirche und die Gesetze eine ganze Weile brauchen, bis sie sich den Ansichten der Leute angepasst haben.“ „Es gibt keine Möglichkeit mehr, Musik ausschließlich durch das Urheberrecht zu kontrollieren.“)

(Mit Material von Musicbusiness Worldwide“, Fotos: Wikipedia)

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