Synthesizer – Die heimliche Kehrtwende der Musikwelt

Es klingt nach einem Anachronismus: Technologie der 70er ist nicht nur wieder zu kaufen, sondern „the big thing“. Was zunächst nach einem Spleen einiger Retro-Fans klingt, ist tatsächlich eine massive Bewegung in der Musikindustrie: Modulare Synthesizer. Im Laufe des Jahres wird Roland mit dem System-500 den ersten eigenen modularen Synthesizer seit 25 Jahren in den Handel bringen. Kork überarbeitet und verkauft sein über 40 Jahre altes ARP Odyssey, das unter anderem auf Kraftwerks Autobahn verwendet wurde.

Das deutlichste Zeichen setzt Moog. Der Hersteller kleiderschrankformatiger Modularsysteme zur Klangerzeugung bringt eine limitierte Reihe der frühesten Synthesizer aus eigener Produktion in den Handel. Darunter Legenden wie das System 35 und das System 55, ohne die Giorgio Moroder niemals „I Feel The Love“ hätte machen können. Von der Neuauflage des legendären Fairlight CMI ganz zu schweigen, dessen neu aufgelegtes CMI-30A 2009 in Musikerkreisen für einige Aufregung sorgte.

Was bringt in Zeiten kompletter Studios auf dem Laptop namhafte Musiker und Produzenten dazu, sich die Räume mit eigentlich total veralteter Hardware vollzustellen? Immerhin ist die Klangerzeugung per Plugin und Softwaresampler doch angeblich dem Original ebenbürtig, die richtige Soundhardware vorausgesetzt.

Warum bringen The Grid (Swamp Thing!), von denen außerhalb der Szene seit den 90ern kaum jemand irgendetwas gehört hat, demnächst ein Album heraus, das ausschließlich auf einem Moog System 55 entstand? Wer The Grid nicht kennt: Swamp Thing war einer DER Knüller damals. The Grid selbst ist das Projekt von Dave Ball (Soft Cell, „Tainted Love“ etc.) und Richard Norris (Produzent, z.B. Jack The Tab).

Norris erklärte die Wahl der Instrumente damit, dass er einfach keinen Bock mehr darauf hat, mit einer Maus auf einem winzigen Bildschirm herum zu klicken. Für ihn fühlt sich das Benutzen von Musiksoftware inzwischen an, als benutze man Spielzeuge. Eigentlich will man aber Lee ‚Scratch‘ Perry im Black Ark sein, der sich sein Feder-Echo mit Gaffer Tape unters Pult geklebt hat und jedes Mal, wenn man auf Pult trommelt, macht das Ding Geräusche, so Norris. Das System 55 macht genau das. Man muss aufstehen, sich bewegen, denn man muss andauernd alles Mögliche verändern.

Norris ist nicht alleine. Meine Interviews mit zum Beispiel Ronan Harris, „VNV Nation“, Rogue „The Crüxshadows“, und Andreas Henneberg, „The Glitz“, bestätigen diesen Trend. Es geht nicht einfach nur darum, sich von der breiten Masse derjenigen abzusetzen, die nur deshalb in der Musikindustrie aktiv sind, weil Software ihnen jegliches Verständnis über Musik abnimmt. Es geht auch darum, Musik wieder zu einem Handwerk zu machen.

Fast jeder Musiker, mit dem ich im Laufe der letzten Jahre gesprochen habe, ist entsetzt darüber, was viele selbsternannte EDM-DJs der Musik antun. Viele dieser DJs glauben, ein wenig Mausschubsen, etwas Knöpfchen drücken und hin und wieder mal den Loopcatcher anzuwerfen wäre schon alles. Dabei geht „Musik machen“ an dieser Stelle eigentlich erst los.

Es geht um den fundamentalen Unterschied zwischen diesem:

und diesem:

Es geht darum, zurückzuerobern, was nicht nur liberalisiert wurde, sondern egalisiert: Das Machen von Musik, das Musizieren. Es ist ein zentrales Problem der Musikwelt, dass inflationär viel Musik entsteht. Vieles davon entsteht, obwohl die an der Entstehung der Musik Beteiligten eigentlich kaum Ahnung von dem haben, was sie da tun. Ein auch von mir häufig beobachteter Irrglaube ist, dass es ausreicht zu wissen, wo in der Software die Automatisierungsfunktionen zu finden sind. Häufig höre ich auch, dass Instrumente zu erlernen, sich Grundsätze der Kompositionslehre anzueignen reine Zeitverschwendung ist, weil die Software einem das abnimmt.

Musizieren ist eben nicht das von einer Software an die Hand genommen werden und mit ein paar bunten Knöpfen herumzuspielen. Musizieren ist nicht alles auf ein Tempo trimmen und übereinanderbügeln. Musizieren ist vielmehr tongewordene handwerkliche und intellektuelle Kreativität, Individualität mit einem Stück Unvorhersehbarkeit. Das gilt generell für jedes Genre, aber speziell in der elektronischen Musik ist das weitgehend verloren gegangen.

Für Musiker macht der Reiz der analogen Synthesizer auch die Haptik aus, das „anfassen können“, aber auch der ganze Workflow, der mit Software kaum nachzubilden ist. Ein echtes Instrument – egal ob Synthesizer, Gitarre oder Schlagzeug – lädt ganz anders zum Experimentieren, zum Herumspielen, ein als ein paar Fenster auf einem Monitor. Lange Zeit sah es so aus, als wäre „Digital“ die Zukunft, die Antwort auf alle Fragen. Mehr und mehr Musiker sattelten um auf die „neuen“ Technologien. Produktionsstudios stellten in den 1980ern auf ProTools etc um, und schließlich folgten die Musiker selbst, die ihre Instrumente durch Software ersetzten. Das Ergebnis erleiden heute wir tagtäglich.

Jetzt endlich, wo die Musikwelt mehr und mehr mit „Nachwuchskünstlern“ überflutet wird, die selbst bei gutmütigster Betrachtung wenig Talent und noch weniger Ahnung, dafür aber oft spendable Eltern haben, findet eine Rückbesinnung statt. Es sieht so aus, als wäre die analoge Technik speziell in der elektronischen Musik zu früh abgeschrieben worden. Moog, Roland, Kork und anderen dürfte diese Erkenntnis nur Recht sein, aber auf lange Sicht auch den Musikern, auch wenn dadurch das Machen von Musik erst einmal wieder teurer wird. Ich vermute, dass diese einsetzende Rückbesinnung zu einer Bereinigung des Marktes führen könnte, die nicht nur die Qualität der Musik insgesamt, sondern auch die Situation der Musiker verbessern kann, weil die Hörer, die Kunden, das Geschaffene wieder wertschätzen.

(Bild: Moog)

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