Diary of Dreams – Grau im Licht: Grenzgänger im Reich der Schatten

Bedrückende Bilder

Im Oktober erschien Diary of Dreams – Grau im Licht, das inzwischen – wenn man EPs mitzählt – fünfzehnte Album der Band. Thematisch behandelt „Grau im Licht“ die großen Themen unserer Zeit: Krieg, Zerstörung, Fanatismus, Leid und Trauer und die damit einhergehende Abstumpfung des Einzelnen, Egoismus und Verzweiflung. Das Gefühl des Ausgeliefert seins ist omnipräsent auf Grau im Licht. Es ist ein Album mit wechselnden Schattierungen von Dunkelheit und Hoffnung, Melancholie, aber auch Widerstand.

Wuchtig eröffnet „Sinferno“ das Album, fordert Aufmerksamkeit. Der Song wühlt auf, ist ein Stück weit Ouvertüre des Albums. Die Zusammensetzung aus dem englischen Wort für „Sünde“ („sin“) und Inferno fasst Ursache und Wirkung, eigene Verantwortung und dem konfrontiert sein mit den Auswirkungen zusammen. Der Bogen zum vorangegangenen Album „Elegies in Darkness“ wird immer wieder gespannt, für mich am Deutlichsten in „Endless Nights“.

Verlockung und Widerstand

Immer wieder verlocken die Songs von „Grau im Licht“ zu einem Gefühl trügerischer Ruhe, um sozusagen „hinten rum“ einen Strudel der Emotionen loszutreten. Schon das rein Musikalische des Albums macht nachdenklich, denn die Kompositionen sind nicht immer so gradlinig, direkt, wie sie auf den ersten Blick scheinen. Immer wieder weisen Wortspiele und Andeutungen weit über das Angesprochene hinaus. Speziell bei „Ikarus“ wird aus der Andeutung eine klare Aufforderung nachzudenken:

„Wenn Du Dich verdrehst
und Dich selbst nicht verstehst
Lass mich einsam sein
Lass mich hier allein“
(Diary of Dreams, Ikarus)

Grau im Licht ist immer wieder durchzogen von fast verwirrenden Klangpassagen und Bilder zeichnenden Soundkonstruktionen (insbesondere „Krank“ und „Schwarz“), die durch Adrians oft einschmeichelnd sanften Gesang eine trügerisch zwielichtige Stimmung erzeugen. Es ist diese Spannung zwischen dem Offensichtlichen und dem Doppeldeutigen, die „Grau im Licht“ anders macht, obwohl das Album ganz eindeutig ein Album ist, wie man es von Diary of Dreams erwarten darf. Es spannt stimmige Bögen zu „Elegies in Darkness“ und „Ego X“, erinnert einerseits an diese Alben, denkt sie jedoch andererseits weiter und weist in die Zukunft. Die Musik der Band verändert sich, entwickelt sich weiter.

Hinhören

Die Band denkt ihre eigenen Gedanken weiter. „Grau im Licht“ ist ein Album zum Zuhören, aber auch zum Loslassen. Manche Songs sind sehr gut tanzbar, andere sind eher dazu geeignet, in Ruhe gehört und durchdacht zu werden. Der typische Diary of Dreams Sound zeichnet ein mal düsteres, mal eingängiges Bild, das in harte und oft druckvolle Klänge eingebettet ist, aber auch leise Töne enthält, die ihre ganze Pracht und Wirkung sozusagen „hinten rum“ entfalten. Diary of Dreams – Grau im Licht fesselt. Das Album verführt, aber es führt auch, wenn man denn zuhört und versteht, zwischen den Zeilen zu lesen.

Diary of Dreams – Grau im Licht ist erschienen am 16.10.2015 bei Accession Records / Indigo

Webseite: http://www.diaryofdreams.de/

Konzertbericht zu „Grau im Licht“ auf Polyprisma.

Interview mit Adrian Hates von Diary of Dreams anlässlich der „Grau im Licht“-Tour

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