Tatort – Fegefeuer: Ein paar Bier und die Welt wird gut

Tatort deutsches Fernsehen

Gestern ging es durch die Postillen der Nation: Der Tatort „Fegefeuer“ mit Till Schweiger sorgte für Aufregung. Weniger die Episode selber, sondern vielmehr die Reaktionen darauf. Ich mache um die meisten Krimiverfilmungen einen großen Bogen, insbesondere um solche aus Deutschland. Daran ist auch die Serie Tatort schuld, mit der ich vor allem zwei Dinge verbinde: Auf der einen Seite eine der meiner Meinung nach gelungensten Charakterdarstellungen eines Polizeibeamten, zerrissen zwischen Alltag und Job, Leben und Kariere und auf der anderen Seite endlose Langeweile.

Ich weiß nicht genau woran es liegt, aber seit Tanner und Schimanski weg sind, kann ich Tatort gar nichts mehr abgewinnen. Der legendäre „Zahn um Zahn“ schaffte es – völlig berechtigt – in die Kinos und ist bis heute für mich Maßstab für alle Tatort Filme, die danach kamen. Dennoch: Mutig habe ich mir vergangene Nacht die Wiederholung des Tatorts von Vorgestern, bewaffnet mit einigen Bier und einer großen Dose Haribo, angesehen.

Fegefeuer – Worum geht’s hier eigentlich?

Tatort – Fegefeuer war der zweite Teil einer Doppelfolge mit Til Schweiger, Fahri Yardim, Luna Schweiger, Tim Wilde, Britta Hammelstein, Erdal Yildiz und anderen, Drehbuch Christoph Darnstädt, Produzent Christian Alvart und Siegfried Kamml. Die Handlung ist schnell erzählt: Til Schweiger spielt Nick Tschiller vom LKA Hamburg. Sein Erzfeind Firat Astan (Erdal Yildiz) ist auf der Flucht. Tschiller weiß, wo er Astan finden kann, überwältigt ihn, packt ihn in sein Auto und los geht’s. Unterwegs kommen Terroristen, ein gekapertes Fernsehstudio inklusive Geiseln, Sondereinsatzkommandos, der russische FSB, Kurdische Widerstandsgruppen, Tschetschenen, die Hamburger Lokalpolitik, Zwangsprostitution und zwielichtige Banker ins Spiel. Ausreichend Potenzial für Action, Drama, Thrill und Handlung.

Tatort Fegefeuer Til Schweiger Erdal Yildiz - PolyprismaTatorte haben kein riesiges Budget und der Zeitrahmen für die Verfilmung ist auch eher begrenzt. Das sollte bei aller Kritik immer bedacht werden. Auch sind die internen Vorgaben durch die ARD auch nicht gerade einfach. Deshalb ist es etwas unfair, einen Tatort an einem Blockbuster aus Hollywood zu messen. Dennoch: Die Ankündigungen waren schon etwas groß und Til Schweigers Ansage, Christian Alvart habe „ein Stück deutsche Fernsehgeschichte geschaffen“ ist auch nicht gerade zurückhaltend.

Die Kritiken nach der Erstausstrahlung waren nicht gut. Bemerkenswert war Til Schweigers Reaktion auf diese Kritiken. Ungehalten ätzt er über „die Trottel, die darüber schreiben“, nennt die Kritiker „schwach“, unterstellt ihnen Ahnungslosigkeit und Unfähigkeit, preist diesen Tatort als „bahnbrechend“ und nennt „Deutschland das Land der Neider“. Ich habe eine Schwäche für Underdogs mit Charisma. Til Schweiger hat zwar oft eine etwas… nun ja, große Klappe, aber einiges, was er sagt, ist durchaus intelligent. Was also ist dran am Tatort-Bashing? Grund genug, mir selber eine Meinung zu bilden und mir das Abenteuer Tatort anzutun.

Fegefeuer der Eitelkeiten

Tatort Fegefeuer SEKEin Cop, der im Alleingang gegen ein Oberhaupt einer schwer bewaffneten Verbrecherorganisation ausrückt? Klar. Jeden Tag. Machen alle Polizisten so. Besonders die vom LKA. Die sind ja am allerwenigsten geschult und ausgebildet und haben gar keine Ahnung von Taktik und so. Und psychologisch sind die sowieso durch mit allem und völlig unberechenbar. Darum versammelt man die auch in einer speziellen Behörde. LKA steht nämlich nicht für „Landeskriminalamt“, sondern für „Wilder Westen“. Die Polizei – Ein Haufen durchgeknallter Egomanen. Meinetwegen, mit Hilfe von ein paar Bier sehe ich über diese Lappalie hinweg.

Was mich echt ankotzt? Das Rumgeballere. Nichts gegen eine handfeste Schießerei. In einem ordentlichen Action-Streifen wird geballert. Alles okay. Aber: Es sollte schon ein ganz klein wenig Sinn machen und die Handelnden nicht als völlig hirnentkernte Vollpfosten darstellen. Dieser Tatort vermittelt das Bild, das im Hamburger LKA ausschließlich ahnungslose Schreibtischtäter herumsitzen, die ohne High Tech nicht mal ein Loch in den Schnee gepinkelt bekommen. Und wild in der Gegend herumballernde Cowboys auf Egotrip.

Wenn Du willst, dass etwas funktioniert…

Na klar: Tschiller moppt im Alleingang die halbe Mafia um. Die haben ihre Schießprügel ja auch nur wegen der Optik dabei. Und wie clever nachts in weißen Overalls herumzulaufen. Beste Tarnung im Dunkeln und hilft gleichzeitig dabei, die Bösen besser erkennen zu können. Win-Win, sozusagen. Ein markiges „Verpiss Dich“ würde mich als schwer bewaffneten Freiheitskämpfer, der seinen Boss in Sicherheit bringen will, natürlich auch sofort davon überzeugen, die Flinte fallen zu lassen und zu Fuß(!) durch den Hafen nach Hause zu wieseln. Ganz klar! Prost.

In Hamburg gibt es genau einen Ort, an dem man entlaufene Schwerverbrecher unterbringen kann. Leider weiß nur niemand so ganz genau, wo der ist. Darum muss unser Hauptdarsteller erstmal stundenlang durch die Stadt kurven. Verstärkung? Wozu? Kommissar Hilflos kann das alleine! Andere Polizeireviere? Gibt’s nicht. Mehr als ein Gefängnis? Nicht in Hamburg. Dieses Kaff ist wahrscheinlich auch nur sowas, wie der Flughafen Berlin-Brandenburg, nur etwas dichter bevölkert.

Tatort Fegefeuer Sondereinsatzkommando SEK MEKEin Sondereinsatzkommando stümpert sich gewohnt dilettantisch die Erstürmung des Senders zusammen – okay, als Komparsen dürfen die natürlich nicht wichtiger oder gar besser sein, als Kollege Wichtig, der planlos und hormonüberladen mit seinem Elitegefangenen durch Hamburg gondelt, schon klar. Warum wundert es mich jetzt gar nicht, dass die Polizeiführung Optimismus und Führungswillen verbreitet: „Sind sie sich sicher, dass wir die Geiseln befreien können?“ Was sollen die Jungs jetzt sagen? „Nein, sind wir nicht, aber im Drehbuch steht das halt so drin“? Die Qualität der Dialoge pendelt zwischen unterirdisch und grenzdebil. Mithilfe einiger weiterer Biere gebe ich mir Mühe, dieses Niveau irgendwie zu erreichen. Es ist ein harter Kampf.

Preisfrage

Wie schaltet man ein Handy aus? Na klar! Auf die Straße legen und aus fünf Zentimetern Entfernung drauf ballern! Warum bin ich da nicht selber drauf gekommen! Die Amis sind deshalb so geil auf ihre Ballermänner, weil die sonst ihre Handys nicht ausgeschaltet bekommen! Jetzt ergibt das alles plötzlich Sinn! Akkus rausnehmen? Ach pfff. Neumodischer Scheiß! Colt aus der Tasche und BÄMMM! So geht das in Fegefeuer! Haben wir noch n Bier?

Ah, die gute alte Verfolgungsjagd mit Polizeiwagen im Schlepp. Immer wieder ein Traum, Fegefeuer ist da keine Ausnahme. Erfahrene, ortskundige Beamte irren planlos umher und verschrotten ihre Autos und das Eigentum anderer – kost ja nix! Selbstverständlich hängt unser bis gerade noch irgendwie etwas ortsfremd herumirrender Hauptdarsteller die ganze Meute spielend ab, indem er durch nur ihm bekannte Hinterhöfe und Gassen jachtet und schließlich völlig überraschend unter einer Autobahnbrücke zwei Mal links, zwei Mal rechts abbiegt und so die gesamte Polizei der Hansestadt ratlos vor der Bühne stehend zurücklässt: „Ja wie hat der denn das jetzt gemacht?“ Langsam werden die Biere knapp, aber noch haben wir ja.

Und die Moral von der Geschicht’…

Tatort Fegefeuer Til Schweiger Erdal YildizUnd da ist sie schon, die Story in der Story, die große Moral-Keule von Fegefeuer. Natürlich ist unser Mann vom LKA auch nur ein Kerl wie jeder andere Schwerverbrecher. Die Unterschiede sind gering, denn beide setzen sich mit Überzeugung für ihre Sache ein. Beiden ist jedes Mittel recht, um ihr Ziel zu erreichen und beide stehen außerhalb des Systems. Warum bin ich da nicht selber drauf gekommen? Die Polizei hat es halt nicht so mit Recht und Gesetz. Die machen doch eh immer was sie wollen. Wurde das Drehbuch bei der Bild abgeschrieben? Und warum ist die Pulle schon wieder leer?

Klar, wildes Geballere und männlich Fresse dick. Kein Actionknaller kommt ohne aus. Wie gut, dass man in Hamburg an jeder Straßenecke wild rumballern kann, ohne dass irgendjemand irgendwas dazu sagt. Kenne ich auch aus anderen Städten. Damaskus, zum Beispiel. Oder Beirut. Oder Kobain. Das ist quasi auch sowas wie Hamburg. Passt schon. Oh, ein Hummer mit voller Christbaumbeleuchtung verfolgt unauffällig einen Polizisten! Der merkt das natürlich auch erst, als ihm sein Gangsterobermöpel das verrät. Mitten in der Nacht und allein auf der Straße, da kann man sowas schon mal übersehen. Erstrecht in Fegefeuer.

Die Russen kommen!

Tatort Fegefeuer Fahri Yardim FSB HubschrauberUnd dann mein ganz persönlicher Favorit. Der Hubschrauber aus dem Nichts! Irgendwann taucht plötzlich Hubschrauber auf. Keiner weiß so richtig wo der herkommt, aber der kann unbehelligt durch Hamburg fliegen. Völlig klar: Die Flugsicherung des Hamburger Flughafens beachtet sowas Kleines wie einen Hubschrauber einfach nicht! Voll besetzt mit bis an die Zähne bewaffneten Kleiderschränken. Die stürzen sich nicht etwa auf unseren Hauptdarsteller, sondern auf dessen Kollegen, der inzwischen auch durch die Gegend schippert und verzweifelt nach irgendwas sucht. Vielleicht nach der Handlung oder nach dem Ende des Films, keine Ahunung. Aber es kommt noch besser! Der Hubschrauber hat Verstärkung von zwei großen dunklen Limousinen!

Und so wird der (sekundäre) Held gestoppt: Vorne Hubi, hinten Limmos. Der Knüller? Das ist nicht die Polizei, das ist nicht die Kavallerie der Terroristen, das sind Russen! Der Äff-Äss-Beh! Ja, ernsthaft! Der russische Inlandsgeheimdienst FSB turnt in Fegefeuer unbehelligt schwerstbewaffnet in Norddeutschlands Luftraum herum und nimmt mal eben irgendjemanden hopps. Janee, iskla. Und die sprechen natürlich alle kein Deutsch. Dafür spricht die arme Sau von Polizist, die denen ins Netz geht, auch kein Englisch. Wie gut, dass es noch ein paar unzerschossene Handys gibt. Wen würdest Du in dieser Situation anrufen? GENAU! Den planlos im Nirgendwo herumirrenden Cop mit seinem Supergangsterboss im Heck! Genau den würde ich auch als allerersten anrufen!

Bier alle

Tatort Fegefeuer Til Schweiger mit Rakete - Bild: NDR/Gordon Timpen - PolyprismaNaja. Zum Ende des Bieres ist auch das Ende von Fegefeuer erreicht. Irgendeiner der Geiselnehmer erschießt passenderweise zwei seiner strunzdämlichen und ahnungslosen Kollegen, bevor das Sondereinsatzkommando das halbe Studio sprengt. Kollege Hilflos hat inzwischen eine Lagerhalle mit einem anderen Sondereinsatzkommando gefunden und ballert sich den Weg frei. Wie günstig, das gerade zufällig auf dem Beifahrersitz eine Panzerabwehrrakete liegt! Zufälle gibt’s! Dann verschwindet noch eine ganze Bank, aber der Inhalt taucht in einer anderen wieder auf, ein hoher Politiker wurde angeblich bei perversen Sex-Spielen mit Minderjährigen gefilmt und springt lieber vom Balkon statt zurückzutreten und ausnahmsweise kommt die Bahn mal pünktlich. Am Ende sind dann endlich ein paar Cops zur Stelle, der Oberboss wird eingesammelt, der inzwischen etwas ramponierte Hauptdarsteller wird in den Arm genommen und aus die Maus, Abspann.

Fazit

Tatort Fegefeuer Polizeichef Politiker Senator - PolyprismaIch habe schon viel Schwachsinniges im Fernsehen und im Kino gesehen. Ich habe auch schon viele unterdurchschnittliche Darsteller durchlitten. Aber dieser Tatort – Fegefeuer vereint beides so elegant, dass man einfach nur heulen möchte. Für SOWAS werden unsere GEZ-Gebühren verbraten? DAS soll „ein Meilenstein des deutschen Fernsehens“ gewesen sein? Echt jetzt? Mal ganz abgesehen von dem Herumreiten auf den typischen Klischees und Ressentiments gegenüber Ausländern – natürlich inklusive Ehrenmord und niedersten Beweggründen. Mal ganz abgesehen von der etwas sehr weltfremden, völlig realitätsfernen und dünnen Story und der etwas haarsträubenden Darstellung der Polizei und deren intellektueller Befähigung. Die schauspielerische Leistung der meisten Akteure war unterirdisch, abgesehen von Til Schweiger, Erdal Yildiz und Fahri Yardim. Wenn DAS das Beste war, was Deutschlands meistgesehene Fernsehserie gebacken bekommt, dann steht es um unsere Kulturlandschaft richtig beschissen.

Tatort – Fegefeuer, Erstausstrahlung 03.01.2016, ARD / NDR, erscheint am 07.01.2016 bei Warner Home Video

Mit Til Schweiger, Fahri Yardim, Luna Schweiger, Tim Wilde, Britta Hammelstein, Erdal Yildiz und anderen
Drehbuch Christoph Darnstädt
Produktion Christian Alvart und Siegfried Kamml

Webseite Tatort: http://www.daserste.de/unterhaltung/krimi/tatort/index.html

Til Schweiger auf Facebook: https://www.facebook.com/TilSchweiger

Bilder: NDR/Gordon Timpen (S2)

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