No Man’s Sky – Viel Rauch um ziemlich wenig

Hübsch, aber…

No Man’s Sky war das in der letzten Zeit mit Abstand am meisten gehypte Game der Szene. Von heiligem Gral der Exploration Games mit unbegrenzten Möglichkeiten war die Rede. Crafting, Forschung und Entdeckung neuer Technologien, mit denen das eigene Equipment gepimpt werden kann, eine mysteriöse Story mit Tiefgang, interagierende Rassen, Fraktionen, in Game Events, an denen man sich beteiligen kann – oder auch nicht, je nach eigenem Gusto. Es klang nach dem feuchten Traum jedes SciFi Gamers.

Ja, es klang danach und auch ich war richtig dolle angetan von dem, was da verheißen wurde. 60 Euro Pre-Order rausgetan und brav gewartet, immer wieder mal die Vorankündigungen gelesen oder auch die hübschen Videos des Studios betrachtet und voller Vorfreude auf den Release-Day gewartet. Am 12.08.2016 war es dann soweit: Unendliche Weiten warteten auf mich.

Erste Ernüchterung: Das Spiel war beim Release nahezu unspielbar laggy und ruckelte wie bekloppt. Okay, rumlaufen und sich an den wundervoll poppig und bonbonfarbenen Umgebungen erfreuen, das ging schon. Aber so richtig toll war es dann doch nicht. Es folgten in den ersten Tagen mehrere Patches: Nvidia brachte eigens optimierte Treiber und auch Hello Games lieferte ein paar Tage nach Release zwei eigene Patches. Danach war es dann flüssig spielbar. Und doch: irgendwie war das nicht das Game, das ich erwartet habe.

Rumlatschen und Zeugs sammeln

No Man's Sky BiomEs folgte schnell rapide Ernüchterung. Ja, die prozedural und zufällig generierten Welten sind genial gemacht und sehr, wirklich sehr abwechslungsreich. Den ersten Planeten im Detail erkunden machte richtig Spaß. Alle Tierarten aufspüren, ihnen Namen geben, das hatte was. Auch gut versteckte Stationen entdecken und auf den Kopf stellen war spannend. Aber irgendwann dämmerte es: Warum sammelt man das Zeugs eigentlich?

In manchen Stationen stehen fremdartige Wesen herum. Die versuchen einem mitzuteilen, was man in der Station zu tun hat – und nur dort. Nicht etwa, dass es Details um die Handlung gäbe oder weiterrechende Ziele. Das war wahrscheinlich zu viel verlangt. Am Anfang reine Raterei kommt man schnell dahinter, dass man für ein paar umgepflügte Bäume die Geheimnisse der Sprache lernen kann. Gib ihm 20 Einheiten Kohlenstoff und er bringt dir ein Wort bei. Hier zeigte sich für mich die erste echte Schwäche des Spieldesigns: Was zur Hölle soll der Quatsch? Wenn ich zwanzigtausend Einheiten des gewünschten Materials in der Tasche habe, dann soll der mir doch auf einmal alles beibringen. Himmel, was soll der unnötige Blödsinn, sich stundenlang wieder und wieder durch dasselbe Menü klicken zu müssen, nur um ein weiteres von ungefähr 300 Worten zu lernen? Wo liegt der tiefere geistige Nährwert?

Irgendwann hatte ich die Sprache zusammen. Nicht etwa, dass No Man’s Sky daraus etwas lernen würde und sich im Spiel etwas ändert. Wo kämen wir da denn hin? Wissenssteine erklären mir immerhin: „Dein Wissen über die Gek“ – so heißt meine first encounter Rasse – „hat sich vergrößert!“ Astrein! Aber dann: „Nichts erfahren.“ Bidde was? Samma…?! Okay, Ruinen, Tafeln und Wissenssteine anfliegen ist damit plötzlich vollkommen sinnlos. Die Tierwelt dieser Welt ist auch zur Genüge erkundet. Und nu? Also, ab in den Weltraum. Super smooth und neuartig umgesetzt. Nahtlos vom Boden in die Luft, in den Weltraum. Das ist ein (weiteres) echtes „first“ in der Welt der Games. Das gab es so noch nicht.

Der Weltraum – unendliche Langeweile

No Man's Sky Raumstation InnenAsteroidengürtel um jeden Planeten. Gut, Logik und Games sind nicht unbedingt beste Freunde, aber was genau soll das bitte? Jeder einzelne Planet ist von schier unendlichen Wolken von Myarden von Asteroiden umgeben. Die kann man zwar zerlegen (und erhält dafür Treibstoff) aaaber… Was soll das? Auf zur Raumstation. Im Anflug beinahe ein Feeling wie bei Elite damals, am C64 und so. Man kann in die Station rein! Ja geil!

Drinnen dann maßlose Enttäuschung: No Man’s Sky besticht durch gähnende Langeweile und schockierende Einfallslosigkeit. Alle Raumstationen bestehen aus einem Parkplatz, auf dem sich mal mehr, mal weniger andere NPCs tummeln und zwei Trakten. Der erste – immer der rechte – hat einen jedem zugänglichen Raum, ähnlich den Basen auf der Planetenoberfläche, immer mit einem Handelsterminal und einem „Rätsel“. Der andere Trakt (immer der linke) benötigt immer einen ominösen „Atlas Pass“. Darin findet man fast immer ein Terminal, an dem man sich eine Rucksackaufwertung kaufen kann, aber sonst nichts Neues. Auch die auf beiden Seiten meistens vorhandenen Sektionen, die mal einen Atlas Pass V2 oder V3 verlangen, sind nicht viel besser. Oft enthalten sie schlicht nichts.

Draußen herumfliegen. Ja, ganz toll, nur ist die Steuerung so gar nicht FlugSim-Like, sondern unterstes Konsolenniveau. Dafür sind die Möglichkeiten, sich im All zu betätigen wenigstens begrenzt. Man kann Rumfliegen und Asteroiden farmen, was nach spätestens zwei Stunden so aufregend ist, wie Farbe beim Trocknen zuzusehen. Dann gibt es da noch große Frachter. Die sehen zwar beeindruckend aus, aber die stehen da einfach nur rum. Manchmal werden sie von Piraten angegriffen und rufen um Hilfe, aber sonst?

Himmel, wer hat sich dieses Flugmodell ausgedacht?

No Man's Sky WeltraumRaumkampf kann echt Spaß machen. Man denke an X-Wing vs. Tie Fighter damals. Allerdings hat No Man’s Sky es geschafft, den Raumkampf völlig zu vergurken. Ich habe selten eine schlechter gemachten 1st Person Flightsim gesehen. Um sich seinen Gegnern stellen zu können, wäre es für den Anfang zum Beispiel äußerst hilfreich zu wissen, wo die denn wohl sind. Das sieht man bei den Machern von No Man’s Sky wohl anders. Zwar hat das Spiel den Raumschiffen ein Radar spendiert, aber das ist so aussagekräftig wie ein Sack Sülze und genauso hilfreich: Gar nicht. Es ist winzig klein und möglicherweise hilfreiche Informationen darf man raten.

Dafür gibt es aber je nach Anzahl der Gegner mehr oder weniger viele ziemlich leicht zu übersehende kleine Dreiecke auf dem Bildschirm, die völlig unkoordiniert und aussagefrei am Rand des Displays herumtanzen und gerne mal darin verschwinden, weil irgendein Coder vergessen hat, dass weiß-auf-weiß etwas schwer zu erkennen sein könnte. oder rot-auf-rot, je nach dem. Was einem dies Dreiecke und die Farben sagen? Keine Ahnung! Ich vermute „Ungefähr in diese Richtung war vorhin ein Gegner“. Anflugvektor? Geschwindigkeit? Relative Ausrichtung und Position zum Rest? Zielt der auf mich? Vollkommen überschätzte Details! Übersicht passiert bei No Man’s Sky in erster Linie anderen.

Bei mehr als 5 Gegnern artet das Spiel einfach nur noch in Scheibenschießen für die KI aus. Echte Chancen hat man kaum, denn der Gegner ist immer schneller und immer wendiger als man selbst. Da kommt echte Freude auf. Spätestens nach dem dritten Geficke dieser Art lässt man es einfach sein. Abwarten, bis man abgeschossen wurde. Danach seinen Schrott wieder einsammeln und weitermachen, wie bisher.

Ja… und?

No Man's Sky Atlas Story EndeIrgendwann dämmerte es mir: Bei No Man’s Sky geht es darum, sein Inventar auf vernünftige Größe zu pushen. Dazu braucht es Geld und das bekommt man über Erze sammeln. Okay. Begriffen. Grinding galore. Sobald man aber einen enigermaßen großen Rucksack und einen einigermaßen handlichen Kofferraum im Flieger hat? Folgen wir der Story-Line. Die ist bei No Man’s Sky erschreckend schlecht gemacht. Es braucht eigentlich nur einen gewissen Vorrat an Warp-Kapseln und man kann sich an der Story-Line direkt entlang klicken. Am Ende angekommen stellt man sich vor allem eine Frage: DAS war’s jetzt? Echt? Mehr habt ihr nicht zu bieten?

Also versucht man eine neue Galaxis. Aber auch da: Same old. Im Prinzip dasselbe wie in der zuvor, nur in neuer Kombination. Spätestens nach dem 30 Planeten erkannt man auch deutlich die Wiederholungen im Weltengenerator. Diese Tentakelpflanzen hab ich doch schon mal gesehen? Diese Steinsäulen stehen doch irgendwie auch auf jedem zweiten Planeten? Echte Abwechslung ist begrenzt durch das Arsenal an Grundbausteinen und das ist bei No Man’s Sky erschreckend klein.

Was gibt es wirklich zu erkunden? Die Technologischen Erweiterungen des eigenen Equipments sind mehr oder weniger nützlich und vor allem hat man sie schnell zusammen. Ob man sich die Mühe macht, alle Viecher einer Welt zu entdecken, ist eine Frage des eigenen Ehrgeizes. Zwar gibt’s dafür Kohle, aber mit Grinding (Emeril!) bekommt man in kürzerer Zeit erheblich mehr. Aber braucht man es? Wozu?

Die größten Herausforderungen sind: Selber sehen, was man mit den Atlas-Steinen anfangen kann, was im Zentrum der Galaxis abgeht und alle drei Atlas-Pässe zusammen zu bekommen. Die Atlas Steine bekommt man automatisch hinterhergeworfen, wenn man sich nicht strunzendämlich anstellt. Das Zentrum der Galaxis zu erreichen ist auch eher eine Fleißübung als eine Herausforderung. Lediglich die Atlas-Pässe muss man sich „erarbeiten“ (Tipp des Tages: Koloniale Außenposten).

Hat man irgendwann sein 24-Slot-Multitool, seinen 48-Slot Rucksack und sein 48-Slot Raumschiff, was bleibt dann noch zu tun? Die Antwort lautet schlicht: Nichts. Man kann zwar herumfliegen und rumgucken, aber es gibt keine „Ziele“. Es gibt keine Interaktion. Es gibt keine „offene Herausforderung“. Erze Sammeln wird irgendwie sinnfrei, denn es gibt nichts zu kaufen für das Geld. Bei mir haben sich mittlerweile einige hundert Millionen „Units“ angehäuft und ich weiß nicht mehr, wohin damit.

Richtig enttäuschend, weil unfertig

No Man's SkyBei aller Begeisterung für viele tolle Ideen und Ansätze, die das Spiel liefert: Es ist eine fürchterliche Enttäuschung. Es ist im Kern ein halbherziges Survival-Crafting-Game, das viele Fehler wiederholt, die andere Crafting- / Survival Games vorher auch schon gemacht haben. Wer auch immer glaubt, der Kampf gegen ein permanent zu kleines Inventory sei „toll“, hat solche Spiele nie wirklich gespielt.

Das Interface ist eine Frechheit. Es fühlt sich an, wie in Kleister getaucht. „Maaaaan! Komm in Schweiß!“ brüllt man dem Game irgendwann zu, während mal wieder ein nichtssagend langweiliger Letterbox-Effekt schnarchlahm Zeit schindet. Oder ein Text in ermüdender Erschöpfung Buchstabe für Buchstabe über den Bildschirm kriecht, während man verzweifelt darauf wartet, endlich den Button für die Lösung drücken zu können.

Sich während eines Raumkampfes durch mehrere Menüs hangeln zu müssen, um irgendein gottverdammtes Mineral in irgendein verschissenes Stück Technik zu stopfen, ist nicht nur nervig, es ist frustrierend und beinahe ein Garant, jeden zweiten Raumkampf zu verlieren – nein, es gibt keine Tastenmakros dafür. Scanner und Radar sind sinnfreie Scheiße. Der „Zu Fuß“ Scanner zeigt einem nur an, wozu er Bock hat. Warum das Gerät mal etwas anzeigt, mal nicht, Tiere und Gebäude vollkommen ignoriert, ist eine Designentscheidung, die wahrscheinlich nicht mal die Designer erklären können.

Leider scheitert das Game nicht am Konzept oder seinem Kern, sondern daran, dass es halbherzig zusammengeklempnert wurde. Für Konsolen. Und dann überhastet und ohne echte Überzeugung auf den PC übersetzt wurde. Dazu kommen etliche Unzulänglichkeiten und fundamentale Fehlentscheidungen, angefangen von einem Interface, dass sich anfühlt, als würde es gleich einschlafen, über zig zugesagte Features, die Kommentarlos aus dem Spiel geworfen wurden (z. B. die Möglichkeit, sein eigenes Schiff benennen zu können, um nur eine Sache zu erwähnen) bis hin zu der unfassbar dämlichen Idee, bei einem Erkundungsspiel nicht nur auf eine „local Map“, sondern gleich auch auf Kompass, künstlichen Horizont, Höhenmesser und generell alles zu verzichten, was bei Navigation oder Orientierung irgendwie hilfreich sein könnte. Man fragt sich, ob die Macher des Spiels es jemals selber gespielt haben. Es gibt beinahe unendlich viele Kleinigkeiten, an denen das Spiel offenbart, dass es entweder nicht durchdacht, oder mit der heißen Nadel zusammengeklempnert wurde.

Hrmpf.

No Man's Sky BasisIch könnte echt kotzen. No Man’s Sky hätte ein geiles Spiel sein können. Das Potenzial dazu ist da, es schreit einem in jeder Ecke an und wedelt verzweifelt mit den Armen. Wie gesagt: Hätte. Aber das Spiel ist entweder nicht fertig oder die Designer hatten auf halber Strecke keinen Bock mehr oder haben noch nie gute Spiele gespielt. Es fehlt an echter Langzeitmotivation. Eigene Basen bauen. Eigene Schiffe bauen. Eine Raumstation. Große Frachter kaufen. Irgendwie sowas. Aber nö, nichts dergleichen. Hinzu kommt, dass Hello Games zwar ursprünglich angekündigt hatte, dass alle Erweiterungen für No Man’s Sky kostenlos kämen, inzwischen wurde da aber herzhaft und schwungvoll zurückgerudert. Stzattdessen wurden kostenpflichtige DLCs in Aussicht gestellt. Naja, wenigstens stürzt das Game regelmäßig „einfach so“ ab. Ist ja auch was.

Es tut mir ehrlich leid das sagen zu müssen, aber 60 Euro für dieses Game in seinem jetzigen Zustand sind Geldverschwendung. 30 Wäre vielleicht okay, aber jeder Cent mehr ist einer zu viel.

No Man’s Sky ist erschienen am 12.08.2016 bei Hello Games

Offizielle Webseite zu No Man’s Sky

No Man’s Sky: Galaxy gameplay trailer

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