Aufregung über Marionetten – Viel Rauch um Pop-Musik

Jan Böhmermann langt zu

Jan Böhmermann hat in der ZDF Sendung Neo Magazin Royale dem aktuellen Album MannHeim der Söhne Mannheims und ganz besonders dem Song Marionetten seine satirische Aufmerksamkeit gewidmet. Mit seinem Gedicht um den Präsidenten der Türkei, Recep Tayyip Erdoğan, hat Jan Böhmermann schon vorher Aufmerksamkeit erregt. Nachdem er sich jetzt mit den Söhnen Mannheims beschäftigt, liegt die Frage nahe, warum? Was soll die Aufregung?

Xavier Naidoo und die Söhne Mannheims

Die Söhne Mannheims ist eine deutsche Musikgruppe, die 1995 in Mannheim gegründet wurde. Sowohl die Besetzung als auch die Anzahl der Mitglieder variieren von Zeit zu Zeit. Ursprünglich bestand die Band aus 17 Mitgliedern. Aktuell gehören zur Band 14 Mitglieder: Michael Klimas (Vocals), Henning Wehland (Vocals), Tino Oac (Vocals), Dominic Sanz (Vocals), Edward Maclean (Bass), Andreas Bayless (Gitarre), Kosho (Gitarre), Jonny König (Schlagzeug), Bernd Herrmann (Schlagzeug / Percussion), Florian Sitzmann (Keyboard), Marlon B. (Rap), Metaphysics (Rap), Billy Davis (DJ), Xavier Naidoo (Vocals).

Stilistisch ist die Band im weitesten Sinne im Pop und Soul angesiedelt. Trotzdem verwendet sie immer wieder wechselnde Elemente auch anderer Stilrichtungen. Besonders Soul, Gospel, Reggae, Rock, Balladen, aber auch Einflüsse auch Techno und Hip-Hop gehören zum Repertoire der Band. Sänger Xavier Naidoo ist das wohl bekannteste Mitglied der Band, dem außerhalb der Söhne Mannheims beeindruckender Erfolg als Solokünstler gelang. Jedes der sieben unter seinem Namen in Deutschland veröffentlichten Alben wurde ein Nummer 1 Charterfolg.

Die Söhne Mannheims sind ebenfalls bemerkenswert erfolgreich. Jedes der sechs bislang veröffentlichten Alben der Söhne Mannheims wurde ein Top10 Erfolg in Deutschland Österreich und der Schweiz. Noiz (2004) wurde in Deutschland mit dreifach Platin ausgezeichnet. Die Band erhielt 2001 und 2005 die Goldene Stimmgabel, 2005 den Echo (Beste Band Rock/Pop national) sowie ebenfalls 2005 sowohl den Comet für Bestes Album für Noiz, als auch Bester Download-Song für Und wenn ein Lied.

Politik

Musik und Politik haben einen direkten Bezug zueinander. Zwar gibt es auch unpolitische Musik, aber sehr häufig hat Musik auch eine politische Aussage und Botschaft. Jedes politische Spektrum hat “seine” Künstler und “seine” Songs. Das ist durchaus keine Erfindung der Gegenwart, sondern ist durch die gesamte Geschichte der Menschheit hindurch belegt. Es ist deshalb auch nur legitim, wenn erfolgreiche Künstler sich einer politischen Sache widmen. Gerade erfolgreiche Künstler haben die Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen.

Allerdings gibt es politische Themen und Aussagen, die umstritten sind. Grundsätzlich wird um jedes politische Thema gestritten, aber manche Themen sind einfach Tabu, weil schon die Idee dahinter völlig daneben ist. Das Thema Rassismus zum Beispiel. Wer rassistische Gedanken hegt, hat mindestens einen an der Waffel. Punkt. Darüber braucht man nicht zu diskutieren, sondern nur ein Mindestmaß an Verstand und vielleicht 30 Sekunden Zeit zum Nachdenken. Dann kommt jeder von alleine drauf.

Introducing: Xavier Naidoo

Xavier Naidoo allerdings scheint das alles etwas anders zu sehen. Schon 1999 sagte er in einem Interview mit dem Magazin Musikexpress:
Xavier Naidoo Mika Väisänen Wikimedia Commons CC 3.0 - Marionetten

Naidoo: Mir ist Gott und danach der Mensch als seine Schöpfung heilig. Und bevor ich irgendwelchen Tieren oder Ausländern Gutes tue, agiere ich lieber für Mannheim.
Musikexpress: Sieh an: Xavier, der Rassist?
Naidoo: Ja. Aber ein Rassist ohne Ansehen der Hautfarbe. Ich bin nicht mehr Rassist als jeder Japaner das auch ist.
Musikexpress: Ist ein Amerikaner weniger wert als ein Mannheimer?
Naidoo: Natürlich nicht. Aber ich muss als erstes sagen: Bevor ihr uns diktiert, was wir zu tun haben, hört erst mal auf, uns mit eurer Musik zuzuscheißen. Alles ist amerikanisiert. Da muss ich doch wie ein Gallier dagegen angehen, gegen diese blinde Verherrlichung Amerikas. Gegen die Art, wie Amerika mit der Welt umgeht. Keine Demut, keine Achtung. Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein. Und als Schwarzer kann ich das ohne irgendwelche Hintergedanken sagen. Wie würden sich die Mannheimer fühlen, wenn ich plötzlich nach Monaco ziehe und dort meine Steuern zahle?
Musikexpress: Immerhin bekommst du dein Geld von einem japanischen Plattenkonzern.
Naidoo: Deshalb will ich ja einen eigenen Vertrieb für meine Platten aufbauen.
(Quelle: Musikexpress)

Legt man dieses Interview zugrunde, dann hat Xavier Naidoo sein eigenes Plattenlabel nur deshalb aufgebaut, weil er nicht von einem japanischen Plattenkonzern bezahlt werden wollte. Gegen die Bezahlung durch einen deutschen Plattenkonzern schien er damals nichts einzuwenden zu haben. Da darf man schon ein paar Fragen stellen, finde ich. Haben danach dann ja auch etliche Leute getan und es wurde viel unternommen, um das PR-Desaster wieder in den Griff zu bekommen. Das Thema wäre in Vergessenheit geraten, wenn Xavier nicht irgendwann mit seinen Ansichten die große Öffentlichkeit gesucht und leider auch gefunden hätte.

An die große Glocke gehängt

2011 erstattete Naidoo (erfolglos) Strafanzeige wegen Hochverrats gegen den damaligen Bundespräsidenten Köhler und verschiedene Mitglieder der Regierung. Bei mehreren Gelegenheiten behauptete er, dass Deutschland sei kein freies, sondern ein besetztes Land ist. Den Zwei-plus-Vier-Vertrag sieht er nicht als gültigen Friedensvertrag an. Am Tag der Deutschen Einheit 2014 trat Xavier Naidoo in Berlin unter anderem auch bei einer Veranstaltung der “Reichsbürgerbewegung” auf. Dort bezeichnete er die Darstellung der Terroranschläge am 11. September 2001 in Wissenschaft und Medien als unwahr.

Diese Auftritte wurden viel kritisiert. Die an ihn gerichteten Vorwürfe beginnen beim Vertreten “radikal libertären, anti-staatlichen Positionen”. Ihm wurde außerdem vorgeworfen, “bestimmte Muster der Rechtsextremen” zu bedienen. Darüber hinaus würde sein Verhalten, so der Vorwurf, den Begriff der Systemkritik insgesamt diskreditieren, weil Xavier Naidoo nicht zuletzt unter dem Deckmantel der scheinbaren Systemkritik Verschwörungstheorien verbreite.

Nie mehr Krieg

Ein weiterer Höhepunkt war der Eklat 2015 um das Lied Nie mehr Krieg von Xavier Naidoo / Die Söhne Mannheims. Darin heißt es:

(…)
Muslime tragen den neuen Judenstern
Alles Terroristen, wir hab’n sie nicht mehr gern
(…)
Wenn wir das nicht sagen dürfen, dann läuft doch etwas schief
(Söhne Mannheims / Xavier Naidoo – Nie mehr Krieg)

Dem Sänger wurden daraufhin in den Medien “bizarre Ansichten” und “bizarre Vereinfachung” vorgeworfen. Die FAZ urteilt, Naidoo polarisiere “nicht, weil er scharfe Provokationen auf Lager hätte, sondern weil er wirr redet”. Die Süddeutsche Zeitung nannte ihn “gefährlichen Weltinterpreten” und stellte erneut den Zusammenhang zwischen Naidoo und Verschwörungstheorien her. Selbst Konzert- und Festivalveranstalter Marek Lieberberg (u.a. Rock am Ring) nannte den Vergleich mit dem Judenstern “ebenso fragwürdig wie unzutreffend und überflüssig”.

Innere Einstellung

Xavier Naidoo bezeichnet sich selbst als religiös und gläubig. Er sagt, dass er am Silvesterabend 1992 ein persönliches Bekehrungserlebnis erfahren hat. Er ist überzeugt davon, in der Endzeit zu leben und glaubt an einen Bibel-Code, der zukünftige Ereignisse vorhersagen kann. Seine Heimatstadt Mannheim identifiziert er mit dem Neuen Jerusalem. Xavier Naidoo verarbeitet in seinen Liedtexten religiöse Motive. Er sieht es als seine Berufung an, eine christliche Botschaft zu verbreiten.

Xavier Naidoo Zwischenspiel Alles für den HerrnIn seinem zweiten Album Zwischenspiel / Alles für den Herrn thematisiert Xavier Naidoo vor allem seinen persönlichen Glauben. Das Album enthält nach Ansicht von Ute Flink (in: Rock, Pop – Amen?!: Christlicher Glaube und zeitgenössische Musik, ISBN-13: 978-3830916604) “apokalyptische Pop-Visionen” sowie “entspannte Reggae-Psalmen”. Nach Ansicht von Alexander G. Weheliye (in: My Volk to come) Verwendet Naidoo inhaltliche Bezüge zum Alten Testament. Diese verbindet er oft mit der Erwartung der Wiederkunft Christi in naher Zukunft oder Beschreibungen einer bereits in Gang befindlichen Apokalypse.

Soweit die Vorgeschichte. Die Positionen sind damit recht deutlich umrissen. Xavier Naidoo bzw. die Söhne Mannheims haben eine gesellschaftskritische Sichtweise und andere sehen diese Sichtweise nicht per se, sondern wegen der vorgebrachten Argumentation als sehr problematisch an. Es bleibt jedem selbst überlassen (und meiner Meinung nach dringend angeraten), sich dazu eine Meinung zu bilden.

Marionetten

Schwung bekommt die Debatte um diese Ansichten jetzt durch das Lied Marionetten vom aktuellen Album MannHeim der Söhne Mannheims, mit dem sie aktuell auf Tour sind. Der Songtext, vorgetragen durch Xavier Naidoo, enthält einige kritische Äußerungen. Diese richten sich speziell gegen die politische Elite, insbesondere in Deutschland. Grundsätzlich ist Kritik an Politikern legitim und auch notwendig. Allerdings ist speziell dieses Lied problematisch, weil es ein Vokabular benutzt, das reichlich Stoff zum Nachdenken gibt.
Dazu der Songtext (klick auf den Button):

Songtext Marionetten

Söhne Mannheims MannHeim - Marionetten

Wie lange wollt ihr noch Marionetten sein?
Seht ihr nicht? Ihr seid nur Steigbügelhalter
Merkt ihr nicht? Ihr steht bald ganz allein
Für eure Puppenspieler seid ihr nur Sachverwalter
Wie lange wollt ihr noch Marionetten sein?
Seht ihr nicht? Ihr seid nur Steigbügelhalter
Merkt ihr nicht? Ihr steht bald ganz allein
Für eure Puppenspieler seid ihr nur Sachverwalter
 
Und weil ihr die Tatsachen schon wieder verdreht
Werden wir einschreiten
 
Und weil ihr euch an Unschuldigen vergeht
Werden wir unsere Schutzschirme ausbreiten
Denn weil ihr die Tatsachen schon wieder verdreht
Müssen wir einschreiten
Und weil ihr euch an Unschuldigen vergeht
Müssen wir unsere Schutzschilde ausbreiten
 
Wie lange wollt ihr noch Marionetten sein?
Seht ihr nicht? Ihr seid nur Steigbügelhalter
Merkt ihr nicht? Ihr steht bald ganz allein
Für eure Puppenspieler seid ihr nur Sachverwalter
Wie lange wollt ihr noch Marionetten sein?
Seht ihr nicht? Ihr seid nur Steigbügelhalter
Merkt ihr nicht? Ihr steht bald ganz allein
Für eure Puppenspieler seid ihr nur Sachverwalter
 
Aufgereiht zum Scheitern wie Perlen an einer Perlenkette
Seid ihr nicht eine Matroschka weiter im Kampf um eure Ehrenrettung
Ihr seid blind für Nylonfäden an euren Glieden und hackt
man euch im Bundestags-WC, twittert ihr eure Gliedmaßen
Alles nur peinlich und sowas nennt sich dann Volksvertreter
Teile eures Volkes nennt man schon Hoch- beziehungsweise Volksverräter
Alles wird vergeben, wenn ihr einsichtig seid
Sonst sorgt der wütende Bauer mit der Forke dafür, dass ihr einsichtig seid
 
Mit dem zweiten sieht man …
 
Wir steigen euch aufs Dach und verändern Radiowellen
Wenn ihr die Tür’n nicht aufmacht, öffnet sich plötzlich ein Warnhinweisfenster
Vom Stadium zum Zentrum einer Wahrheitsbewegung
Der Name des Zepters erstrahlt die Neonreklame im Regen
Zusamm’n mit den Söhnen werde ich Farbe bekennen
Eure Parlamente erinnern mich stark an Puppentheaterkästen
Ihr wandelt an den Fäden wie Marionetten
Bis sie euch mit scharfer Schere von der Nabelschnur Babylons trennen!
 
Ihr seid so langsam und träge, es ist entsetzlich
Denkt, ihr wisst alles besser, und besser geht’s nicht, schätz’ ich
Doch wir denken für euch mit und lieben euch als Menschen
Als Volks-in-die-Fresse-Treter stoßt ihr an eure Grenzen
Und etwas namens Pizzagate steht auch noch auf der Rechnung
Und bei näherer Betrachtung steigert sich doch das Entsetzen
Wenn ich so ein’n in die Finger krieg’, dann reiß’ ich ihn in Fetzen
Und da hilft auch kein Verstecken hinter Paragraphen und Gesetzen
 
Wie lange wollt ihr noch Marionetten sein?
Seht ihr nicht? Ihr seid nur Steigbügelhalter
Merkt ihr nicht? Ihr steht bald ganz allein
Für eure Puppenspieler seid ihr nur Sachverwalter
Wie lange wollt ihr noch Marionetten sein?
Seht ihr nicht? Ihr seid nur Steigbügelhalter
Merkt ihr nicht? Ihr steht bald ganz allein
Für eure Puppenspieler seid ihr nur Sachverwalter
 
(Quelle: Die Söhne Mannheims / Xavier Naidoo – Marionetten aus dem Album MannHeim)

Interpretationsfragen

Die erste Strophe lässt anscheinend oder vielleicht auch scheinbar offen, worum es in dem Lied geht. Wer sind die Marionetten? Wer sind die Steigbügelhalter und für wen? Allerdings kann dieser schon noch recht harmlos wirkende Text auch so gelesen werden, dass er sich auf ein antisemitisches Vorurteil bezieht. Der manipulierende Puppenspieler, der im Hintergrund die Fäden zieht, ist ein uraltes antisemitisches Klischee.

Darüber hinaus ist der Begriff des Sachverwalters sehr verwandt mit der Vorstellung der Reichsbürgerbewegung, nach der die Bürger der Bundesrepublik nur Personal einer von Amerika und / oder dem Weltjudentum gelenkten GmbH sind. Insbesondere die Bezeichnung Personalausweis wird in diesem Lager häufig als “Beweis” dafür herangezogen.

Die Gefahr besteht, dass hier eine antisemitische Verschwörungstheorie unterschwellig oder vielleicht auch unbewusst befördert wird. Die Gefahr, dass eine solche These ohne darüber nachzudenken benutzt wird, ist so groß, dass sogar die Bundeszentrale für politische Bildung davor eindringlich warnt, denn Antisemitismus wird gemeinhin nur hinterfragt, wenn er sich offensichtlich rassistischer oder religiöser Vorurteilsstrukturen bedient. Nur durch Betrachten des Songs wird nicht klar, was die Band hier meint.

Der Song kritisiert verdrehte Tatsachen. Es ist nicht weit hergeholt, hier im Hintergrund jemanden “Lügenpresse” skandieren zu hören. Ein Vorwurf, der sich gegen “die Medien” insgesamt richtet und unterstellt, dass alle Medien von oben, von den Machthabern, gesteuert und kontrolliert werden. Nicht jedem ist bekannt, dass der Begriff “Lügenpresse” während des Ersten Weltkrieges entstand. Mit dieser Bezeichnung wurden Medien der feindlichen Staaten bezeichnet. In der Zeit der Nationalsozialisten wurde diese Begriff insbesondere vom Propagandaministerium als Grundlage zur Hetze gegen Juden und Kommunisten verwendet.

Der Eindruck der rechtspopulistischen Tendenz wird im zweiten Teil des Textes unangenehm stärker. Der Begriff Volksverräter ist wieder ein Schlagwort, das in enger Verbindung zu rechten Szene steht. Auch die Demonstranten in Dresden skandierten “Volksverräter” und meinten damit die Regierung Merkel.

In der Sprache der Nationalsozialisten wird dieser Begriff umfangreich verwendet. Oft eben auch in der Variante Volksschädling oder Volksfeind, sehr oft mit unmittelbar antisemitischem Bezug.

Der Text gibt darüber hinaus noch an anderen Stellen Anlass zu Fragen an die Band. So wird außerdem mit dem Bauern mit der Forke gedroht. Ein klassiches Bild des revoltierenden Volkes gegen seine Herrscher. Man kann darin einerseits einen Aufruf zum bewaffneten Widerstand bis hin zur Gewalt gegen Politiker sehen. Andererseits verteidigt die Band den Text:

Rolf Stahlhofen Carstor Wikimedia Commons CC 3.0 - Marionetten

Ich kann verstehen, dass da manche aufschreien. Aber das Lied ist kein Aufruf zur Gewalt, es ist ein Aufruf zum Dialog
(Rolf Stahlhofen, Die Söhne Mannheims)

Henning Wehland - An-d - Wikimedia Commons CC 3.0 - Marionetten

Ich verstehe das Lied als Appell zum Nachdenken darüber, dass Politik oft missbraucht wird. Und da wollen wir – mit zugegeben überzeichneten Worten – aufrufen, etwas dagegen zu tun.
(Henning Wehland, Die Söhne Mannheims)

Dennoch macht der Liedtext deutlich, dass das in Deutschland demokratisch gewählte Parlament nach Ansicht der Songschreiber ein Puppentheater ist. Offen bleibt die Frage, wer diese Puppen steuert. Auch hier ergibt sich vielleicht ein größerer Zusammenhang, wenn das Verhalten und die Äußerungen von Sänger Xavier Naidoo näher betrachtet werden.

Bei einem Auftritt im Morgenmagazin am 24.10.2011 wurde er in Bezug auf seinen Song Freiheit von den Moderatoren gefragt, ob er sich in Deutschland frei fühle. Seine Antwort:

Aber nein, wir sind nicht frei. Wir sind immer noch ein besetztes Land. Deutschland hat keinen Friedensvertrag und dementsprechend ist Deutschland auch kein echtes Land.
(Xavier Naidoo, ARD Morgenmagazin)

Am bereits oben erwähnten Tag der Deutschen Einheit 2014 zog der Sänger im Berliner Regierungsviertel über die von den USA besetzte Bundesrepublik her. Auch dort rief er bereits zum Widerstand auf und wurde dafür von den Zuschauern langanhaltend applaudiert. Die berechtigte Frage lautet, ob hier vielleicht doch ein Zusammenhang zwischen Marionetten und den politischen Äußerungen der vergangenen Jahre von Xavier Naidoo besteht. Wenn das zutrifft, dann wird die Band mit den Puppenspielern im Song Marionetten wahrscheinlich die USA meinen.

Der Song nimmt auch Bezug auf Pizzagate. Dieses Schlagwort bezieht sich auf eine nachweisliche Falschmeldung, mit der Hillary Clinton während des letzten Wahlkampfes um die US-Präsidentschaft mit einem Kinderpornoring in Verbindung gebracht wurde. Die Gerüchte hatten ihren Ursprung auf einem Twitter-Account, der zweifelsfrei dem Neonazi-Umfeld zugeordnet werden konnte. Obwohl schnell Verschwörungstheorien entstanden, die in den Emails Codewörter erkennen wollten, wurden nie Zeugen oder Beweise gefunden.

Reaktionen

Selbstverständlich lässt Kunst immer Raum für Interpretationen, doch im Fall von Marionetten ist es wahrscheinlich nicht zu weit hergeholt, auf eine bewährte Redensart zu verweisen: Einmal ist Zufall, zwei Mal ist seltsam, drei Mal ist ein Muster. Nicht nur der Schreiber dieser Zeilen sieht das so und hat deshalb starke Vorbehalte, auch andere haben Bedenken.

Wenn das Kunst ist, dann ist es ziemlich braune Kunst. Hetzerisch, vergiftet, es ist ein fürchterlicher Text. Ein Text zum Fürchten.
(Nikolaus Blome, stellvertretender Chefredakteur der Bild)

Spinnt Xavier Naidoo jetzt völlig?
(Der Westen)

Was Naidoo da singt, zeigt, dass er jetzt wirklich zu einer untragbaren Gestalt im deutschen Musik-Geschäft geworden ist – und dabei ist, vollkommen durchzudrehen.
(Katharina Schneider, Huffington Post)

Introducing: Jan Böhmermann

Jan Böhmermann ging noch einen Schritt weiter. In seiner ZDF-Sendung Neo Magazin Royale präsentierte er neues Satire-Video, mit dem er das Album und die Band auf seine ganz eigene Art und Weise kritisiert: Er benannte die Band kurzerhand von “Söhne Mannheims” in “Hurensöhne Mannheims” um und macht in dem Video “Werbung” für das (Zitat) “neue, nicht-antisemitische Hitalbum ,Death to Israel‘”.

Hurensöhne Mannheims – Album Trailer | NEO MAGAZIN ROYALE mit Jan Böhmermann – ZDFneo

 
Jan Böhmermann lässt es sich nicht nehmen, selber Xavier Naidoo zu parodieren, inklusive der typischen gelbgetönten Brille, Schiebermütze und Kapuzenpulli. Er dichtete einige der bekanntesten Hits des Musikers um und wählt bitterböse neue Bilder, um den Zuschauer wachzurütteln. Extrem wird Jan Böhmermann im Video mit der Formulierung “Der Jud‘ ist schuld, das steht zu hundert Prozent fest”, untermalt von der Melodie von “Wenn ein Lied meine Lippen verlässt”. Nicht weniger krass: “Alles wird besser werden, wenn endlich die Politbonzen sterben.”

Mit diesem Album ist “jeden Tag Montagsdemo in deinem CD-Player”. Eine deutliche Anspielung auf die Pegida-Mahnwachen. Das Album sei darüber hinaus mit dem Lutz-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Dies nimmt Bezug auf den Gründer der diffus rechtspopulistischen Pegida-Bewegung. Garniert wird das Video mit frei erfundenen Zitaten von Fans der Hurensöhne Mannheims. Herausragend:

Ich bin ja kein Nazi, aber ich finde diese Platte echt stark!
Adolf Hitler, Maler und Lebenskünstler

Das sich abzeichnende Politikum

Peter Kurz Oberbürgermeister Mannheim Wikimedia Commons CC 3.0 - MarionettenDie Bedeutung des sich abzeichnenden Skandals wird auch dadurch deutlich, dass sich vor allem Lokalpolitiker Mannheims besorgt um den Ruf ihrer Stadt gezeigt haben. Für die Stadt Mannheim waren Die Söhne Mannheims in der Vergangenheit Vorzeigekünstler und lieferten erst vor kurzem den offiziellen Song zum 200. Fahrradjubiläum der Stadt ab. Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz reagierte deshalb vor einigen Tagen harsch auf den Song Marionetten und das Album der Band. Er unterstellte den Musikern, antistaatliche Texte zu verbreiten.

Die Söhne Mannheims bemühen sich gegenüber der Stadt Mannheim inzwischen intensiv um Schadensbegrenzung. Die Band lud Oberbürgermeister Kurz zu einem “klärenden Gespräch” ein. Der wiederum nahm die Einladung der Band um Sänger Xavier Naidoo zu einem Treffen “möglichst in den nächsten Tagen” an, wie ein Sprecher der Stadt mitteilte. Den genauen Termin wollten beide Seiten nicht mitteilen, berichtet die Deutsche Presse Agentur DPA.

Unmittelbare Folgen

Der Sender Bremen 4 zog aufgrund des Liedes Marionetten die Unterstützung für die gerade begonnene Tour der Söhne Mannheims und das in Bremen geplante Konzert zurück. Dazu Bremen 4:

Eigentlich wollte Bremen Vier das Konzert der Söhne Mannheims nächsten Samstag im Pier 2 und das Konzert von Xavier Naidoo im Dezember in der Bremer ÖVB-Arena präsentieren – nun haben wir uns entschieden, die Kooperation zu canceln.
 
Bremen-Vier-Chef Helge Haas dazu:
“Wir haben eine hohe Achtung vor künstlerischer Freiheit. Und ich bin immer skeptisch, wenn einzelne Zeilen aus einem Songzusammenhang gerissen werden und damit argumentiert wird. Und – auch das finde ich wichtig – man muss sich Songs anhören und kann sie nicht nur auf dem Papier lesen. Es heißt ja nicht umsonst: Der Ton macht die Musik.
 
Wenn man sich aber ‘Marionetten’ anhört, ist der Song im Ganzen im besten Falle sehr missverständlich. Er befeuert Verschwörungstheorien, nimmt mehrfach Bezug auf die Theorien der ‘Reichsbürger’ und der Rechtspopulisten – und zwar in einer Art, die man kaum anders verstehen kann, als dass dies die Meinung von Xavier Naidoo ist und er nicht nur darüber singt. Der Song ruft zu Selbstjustiz auf und verneint im Kern die Unabhängigkeit demokratisch gewählter Parlamente.
 
Das kann man alles so in Songs ausdrücken und veröffentlichen – das ist aber so weit von den Werten entfernt, die wir mit Bremen Vier vertreten, dass wir diese Künstler und ihre Konzerte nicht präsentieren wollen. Deshalb haben wir unsere Präsentationszusagen für die Söhne Mannheims und Xavier Naidoo zurückgezogen.”
 
(Radio Bremen, Bremen 4, Presseerklärung)

Natürlich soll, kann und darf Musik politisch sein und es ist eindeutig zu begrüßen, wenn Musik es schafft, die politische Debatte in großen Teilen der Bevölkerung zu beleben. Ob es allerdings gut ist, das so zu tun, wie die Söhne Mannheims / Xavier Naidoo es jetzt mit Marionetten getan haben, halten wir für mindestens fragwürdig. Bemerkenswert finden wir nebenbei bemerkt auch, dass die Band zum Tourauftakt darauf verzichtet hat, das Lied Marionetten zu spielen. So ganz überzeugt ist man bei den Söhnen Mannheims dann vom eigenen Werk wohl doch nicht.

(Bilder: “Uncle Rastus” MonmouthMuseumWales, W.A. Call via Andrew Helme / Wikimedia Commons CC3.0; “Xavier Naidoo”, Mika Väisänen / Wikimedia Commons CC 3.0; Rolf Stahlhofen Carstor / Wikimedia Commons CC 3.0; Henning Wehland – An-d / Wikimedia Commons CC 3.0; Peter Kurz – Wikimedia Commons CC 3.0;)

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