Edifier S550 Encore – Ordentlich Bums im Quadrat

Um Musik hören zu können, muss man Musik hören können. Eine Tatsache, deren tiefere Wahrheit sich insbesondere dann in ihrer ganzen Pracht entfaltet, wenn es am „hören können“ scheitert. In meinem Fall ließ mich nach erst knapp 20 Jahren meine altgediente, kampferprobte, bewährte, innig geliebte Allround- und Allzweckwaffe von JBL im Stich. Friede ihrer Asche. Aus verschiedenen Gründen (Platz, Kabelage, Mischtechnik, etc.) kann hier kein zusätzlicher Verstärker auf den Tisch und Direktmonitore mit aktivem Subwoofer sind finanziell derzeit einfach nicht drin – jedenfalls nicht die, die ich haben will.

Vor einigen Monaten begab ich mich für einen Bekannten, der damals aus ganz anderen Gründen auf der Suche nach ziemlich genau so einem integrierten 5.1 Aktiv-System war, auf die Suche. Andere Bekannte und Kollegen aus Übersee zeigten damals mit einigem Nachdruck auf die Firma Edifier. Diesem Vorschlag wurde sich damals seitens meines Bekannten hartnäckig widersetzt. Aber jetzt, nachdem ich an der Reihe war, dieses Problem für mich selbst zu lösen, erinnerte ich mich an die Empfehlungen von „damals“. Eine Edifier S550 Encore sollte es sein.

So ergab es sich, dassf ich neulich Donnerstagnachmittag mit dem überaus hilfsbereiten Distributor von Edifier in Deutschland, der Firma HMC in Bremen telefonierte und eloquent mein Leiden beklagte („Is put!“) und ebenso wortreich um Abhilfe ersuchte („GIEP!“) Ich wurde erhört. Freitagmorgen wurde ich benachrichtigt, dass meine S550 Encore der Spedition übergeben worden sind („Et kömmt!“) und heute, am späten Nachmittag, astet die arme Sau von der Spedition zwei wandschrankgroße Kartons auf Sackkarre durch Gebäude zu mir. Fünf Euro und eine Tasse Kaffee für den armen Teufel von Kistenschlepper später begann ich, „nur mal eben kurz“ die alte Anlage gegen die neue auszutauschen.

Ich erspare uns allen die Beschreibung des Umbaus. Geneigte Leser mögen an „Durchmarsch der Goten“, „Belagerung durch die Vandalen“ oder auch „die Eroberung Roms“ (egal welche) denken. Der Zusatz „nur mal eben kurz“ sollte ein weiterer, deutlicher Hinweis auf Umfang und Intensität des Unterfangens sein. Die zwei gewaltig großen Kartons entpuppten sich in Sachen Verpackung als beeindruckendes Matrjoschka-Spiel. Edifier und HMC überließen nichts dem Zufall und steckten die zwei überaus großzügig dimensionierten Kartons, in denen dir Boxen verpackt waren, für den Versand in fugenlos passende Umkartons. Wahrscheinlich damit dem Transportschutz auch ja nichts passiert.

Die inneren Kartons waren innen mit mehrere Zentimeter dickem Polsterschaum gegen Beschädigungen des Inhalts durch Erdbeben, direkte Meteoritentreffer und wahrscheinlich auch böswilligste Spediteure gesichert. Kiste 1 enthielt den Subwoofer, Kiste 2 die 5 Lautsprecher, eine Menge Kabel, die Fernbedienung und noch eine Fernbedienung und ein dünnes Heftchen. Letzteres wahrscheinlich für Warmduscher, die immer erst irgendeinen Zettel in der Hand haben müssen, bevor sie irgendetwas mit Kabeln anfassen.

Edifier S550 Encore SubwooferDer aktive Subwoofer ist ein Frontfire mit zwei seitlichen… äh… in Ermangelung besserer Beschreibungen nenne ich es „Backen“. Diese Backen sind großflächig gummigelagerte Platten, die jeweils die linke und rechte Seite des Subwoofergehäuses ausfüllen. Sie erfüllen eine den Bassreflexöffnungen vergleichbare Rolle. Diese „Backen“ machen die Aufstellung des Subs etwas Anspruchsvoll, denn dadurch braucht der links und rechts ausreichend Luft zum Atmen. Aus eigener Erfahrung: „Ein paar Zentimeter“ sind nicht ausreichend. Vor dem Aufstellen sollte deshalb über die zukünftige Heimstatt des Subwoofers sorgsam nachgedacht werden, will man das Abenteuer erneuter Umbaumaßnahmen inklusive eines erneuten heimischen Saustalls vermeiden. Außerdem ist der Subwoofer angesichts seines 26 cm durchmessenden Basstreibers erwartungsgemäß einigermaßen schwer.

Der übrige Anschluss gestaltet sich problemlos, wenn man schon mal Lautsprecher in der Hand gehabt hat. Für Räume mit mehr als 9 Quadratmetern empfiehlt sich vor Aufstellen der Boxen das Anschaffen ausreichend langer Kabel. In meinem Fall waren die mitgelieferten viel zu kurz: Vorn 3x ca. 2,50 Meter, für hinten 2x ca. 7,50 Meter. Ist alles verkabelt, wird die Steuereinheit der Anlage, die Kabelfernbedienung, wird mit ihrem 15poligen Stecker mit der entsprechenden Buchse auf der Rückseite des Subwoofers verschraubt, wo sich auch der Hauptschalter der Anlage befindet.

Wurden das Aufstellen und Verkabeln erfolgreich von Immobilie, Mitbewohnern und dem Großteil des Mobiliars überlebt, kommt der große Augenblick: Das Einpegeln. Leider verfügt die Anlage über kein eigenständiges Messverfahren und kann auch kein Testsignal generieren, was aber okay ist, solange man einigermaßen mit seinen Ohren umzugehen weiß. Der große runde Knopf der Fernbedienung ist gleichzeitig Dreh- und Druckschalter. Drehen: Ändere Wert, im Uhrzeigersinn: rauf, andersrum: runter. Drücken: Nächster Parameter. Selbsterklärend und beinahe Idiotensicher.

Die zweite Fernbedienung ist eine Infrarotfernbedienung, mit der sich alle Einstellungen auch aus größerer Entfernung vornehmen lassen. Die Kabelfernbedienung doppelt als IR-Empfänger. Die IR-Fernbedienung ist wirklich recht klein und ich hatte sie selbstverständlich erfolgreich beim Aufstellen der Anlage verbaselt. Im Gestrüpp des Kabel- und Gerümpelurwalds kann sie sehr leicht verschollen gehen und so nervenaufreibende archäologische Expeditionen erforderlich machen. Wurde das verlorene Gimmick wiedergefunden, empfiehlt sich die Lagerung der IR-Fernbedienung im dafür vorgesehenen Slot auf der Rückseite des Halters der Kabelfernbedienung der Edifier S550 Encore.

Die Verarbeitung der Boxen ist klasse. Die Monitore wirken für ihre Größe robust genug, um auf ihnen Autobahnbrücken zu bauen. Sie sind massiv und beeindruckend schwer. Angenehm: Auf der Rückseite sind Ab Werk Stege mit Bohrung für Wandmontage mit Schrauben oder Haken vorhanden. Die Kabel werden mit einfachen, aber verblüffend fest zupackenden Schnappklemmen befestigt, die allerdings für Kabel mit maximal 1,5mm2 gedacht sind. Ein kleines Detail, das bei mir hingegen auf sehr viel Gegenliebe stieß: Die Boxen haben auf der Unterseite Gumminoppen, was sie einigermaßen vom Untergrund entkoppelt und außerdem Streit mit der Göttergattin ob zerschrammter Kommoden und Regalborten vermeiden hilft.

Edifier S550 Encore SatelliteDen Hörtest unternahm ich zur passendsten Zeit: um 22:30 Uhr. Beatmet durch RME und Allen & Heath durfte die Edifier S550 Encore zeigen, was sie denn so kann. Ich bin ja nicht anspruchsvoll, darum durfte sich die Anlage zuerst am aktuellen Album von Trent Reznor und Atticus Ross beweisen. Laut kann schließlich jeder, aber Feinzeichnung und Auflösung sind mir wichtiger. Zu sagen, dass ich „angetan“ war, wäre jetzt eine krasse Untertreibung. Der Klang der zweiwege-Satelliten ist klar, vielleicht einen Hauch zu nüchtern. Gibt man dem Affen Zucker, respektive der Anlage Dampf, geht die Post richtig ab. Sind Pegel zwischen 20 und 30 auf der bis 60 reichenden Skala des Lautstärkereglers der Edifier S550 Encore durchaus „wohnungstauglich“, wird der Musikgenuss spätestens ab 40 ein Gemeinschaftserlebnis für alle, ab 45 auch für die Nachbarn. Die Endstufen der Edifier S550 Encore sind erfreulich laststabil und Impulsfest. Die Vorstufe der Edifier S550 Encore reagiert etwas empfindlich auf hohe Eingangspegel und möchte deshalb eher konservativ beschickt werden, was aber für den normalsterblichen Endanwender überhaupt kein Thema sein wird. Wer aber mit einem Setup wie ich zu Werke geht, sollte mit dem Main Mix Level etwas zurückhaltend sein.

Die räumliche Auflösung der Anlage erkundete ich mit Bruckners Te Deum aus der 9. Symphonie, eingespielt vom Philharmonischen Staatsorchester Hamburg unter der Leitung von Joseph Keilberth. Es gibt Anlagen, die in diesem Punkt besser abschneiden, aber nicht in der Preisklasse dieser Anlage (zurzeit ca. 450 Euro). Die Instrumente sind recht gut zu orten. Die 25mm Hochtöner reichen weit hoch. Eine vernünftige Pegelung und Aufstellung der Boxen macht hier allerdings extrem viel aus. Obwohl von mir nur nach Gehör Pi mal Daumen eingepegelt, waren die einzelnen Streichergruppen beim Te Deum klar zu verorten und die Solisten im Rahmen des Möglichen einwandfrei herausgestellt.

Die Dynamik der Anlage überließ ich dem Stresstest durch Perplexer – Acid Folk (Single Mix) und Yello – Live at the Roxy NY Dec. 83. Die Anlage war hinreichend beeindruckt – ich allerdings auch. Ich habe schon deutlich teurerer Anlagen gesehen, die hier elendig versandet sind und die Waffen frühzeitig streckten. Zugegeben, Bagpipes sind bei hohen Pegeln für jede Anlage ein K(r)ampf und was Yello mit Synthesizern anstellen, kann die Elektronik jeder Anlage im Vorbeigehen zur Verzweiflung treiben, die S550 Encore ist da keine Ausnahme. Trotzdem hat sich die Anlage auch dank ihrer straffen 9cm Mittentreiber bis in die hohen Lautstärken wacker geschlagen.

Insgesamt ist das Klangbild ausgewogen bis analytisch, kann aber durch die individuellen Einstellmöglichkeiten der Edifier S550 Encore den individuellen Vorlieben angepasst werden. Insbesondere im Tiefbassbereich fällt schnell auf, wenn der Standort des Subwoofers falsch gewählt wurde: Sind die Seitenabstände zu klein, klappern und dröhnen die Möbel.

Edifier liefert mit der S550 Encore eine rundherum gelungene „all inclusive“ 5.1 Lösung, die für Normalsterbliche in dieser Preisklasse mehr als empfehlenswert ist. Die Anlage ist klanglich weit besser als ihr Paketpreis erwarten lässt. Die Verarbeitung ist astrein, die Optik respektabel. In den oberen 5-10% schwächelt die Anlage ein wenig, aber im Hausgebrauch fällt das nicht auf. Im direkten Vergleich mit meinen ACR Monitoren, die allerdings pro Stück das Zehnfache des gesamten Edifier S550 Encore Systems gekostet haben, offenbaren sich zwar hier und da Schwächen, aber die fallen wirklich nur dann auf, wenn man einen unmittelbaren Vergleich hat.

Technische Daten laut Hersteller:

Leistung: L/R/C/SL/SR: 60W X 5 (DRC ON) SW: 240W (DRC ON)
Rauschabstand: ≥85dBA
Eingänge: 5.1 / Aux/ CD (jeweils Chinch)
Eingangsempfindlichkeit: 900mV±50mV
Frequenbereich: Satelliten: 130Hz-20KHz (±5dB) Subwoofer: 42Hz-140Hz (±5dB)
Adjustment: Wired controller, IR remote control
Subwoofer: 260mm, 8Ω
Mitteltöner: 92mm, 4Ω
Hochtöner: 25mm Silk Dome, 6Ω
Maße: R/L/SL/SR: 116 x 203 x 160mm (BxHxT) C: 316 x 117 x 157mm (BxHxT) SW: 367 x 397 x 489mm (WxHxD)

Hersteller: Edifier

Distributor Deutschland: HMC

Straßenpreis zur Zeit: ca. 450 Euro

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