Streaming Musik

Oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben

Musik zu besitzen, egal in welcher Form, ist der heilige Gral jedes Musik Fans. Sei es auf CD, Vinyl, DVD, Download, Blu-ray, Kassette, Tonband oder was es sonst noch an Formen und Formaten gibt. Ich bin auch der Meinung, dass es immer „besser“ ist, die Musik tatsächlich irgendwo irgendwie „archiviert“ zu haben. Meine Erfahrungen mit irgendwelchen Verlagen oder sonstigen Bibliotheken oder Verlehern oder generell „Anbietern“ von Streaming Musik im Netz sind einfach zu schlecht. Ich habe in der Vergangenheit etliche Anbieter ausprobiert, die mir für teuer Geld „unbegrenzten Musikgenuss“ versprachen, um dann von heute auf morgen die Schotten dicht zu machen. Weg waren Geld, Playlisten, Favoriten und interessante Entdeckungen. Ganz toll.

Dennoch. Seit einiger Zeit gewinnt „Streaming Musik“, oder allgemeiner „Streaming Media“ immer mehr Anhänger. Jede halbwegs glaubwürdige Statistik aus der Branche zeigt deutlich, dass Musik aus dem Netz nicht einfach nur angesagt ist, sondern inzwischen selbstverständlich. Als Radio-Mensch habe ich diesem Medium gegenüber etliche Vorbehalte, nicht zuletzt auch den, dass mich diese Form der Musikpräsentation überflüssig machen könnte. Die Vorstellung, dass ich durch ein Programm, durch Software, durch Algorithmen, ersetzt werden könnte, bereitet mir erhebliches Unbehagen. Zeit, sich mit dem Thema ernsthaft zu befassen und zwar aus der Sicht derjenigen, die das auch benutzen.

Zweimal umziehen ist wie einmal ausbrennen

Als ich neulich mal wieder umzog, stellte ich fest, dass meine Musiksammlung einen recht unbequemen Umfang erreicht hat. Bücher und CDs machten lässig dreiviertel des Inhalts meiner Kisten und Kartons aus. Die Frage „wohin damit?“ stellte mich im neuen Domizil vor ein nerviges Problem, das ich am Ende nur durch deutlich mehr Geld als gewollt lösen konnte. Gleichzeitig fiel mir auf, dass ein Backup meiner digitalen Musiksammlung inzwischen auch nicht mehr ganz günstig machbar ist, sondern regelmäßig die Anschaffung einer neuen (externen) Festplatte erfordert und dann auch noch ziemlich lange dauert, ganz zu schweigen von den Problemen, die dem folgen: Wo lässt man die Platten? Wie behalte ich die Übersicht? Schön geht anders.

Wie ist denn das Wasser?

Amazon Musik Unlimited FrontendUngefähr zu diesem Zeitpunkt klärte mich Amazon darüber auf, dass es jetzt „Music Unlimited“ gibt. Der Streaming Musik-Service, der Prime Kunden für nur noch 7.99 Euro angeboten wird. Spielkind das ich bin, entschloss ich mich, diesen Service auszuprobieren. Die Tatsache, dass ich einen FireTV Stick besitze und mir Benutzerkomfort doch schon ziemlich wichtig ist, war eigentlich nur noch das Sahnehäubchen oben drauf. Und so meldete ich mich für den kostenlosen Probemonat an und tauchte ein.

Das Erlebnis war schon ganz cool. Mehr Musik, als ich jemals hören könnte, auf Knopfdruck. Auf PC, Laptop, Handy, TV… Das hatte schon was. Angenehme Klangqualität, „permanente“ Verfügbarkeit – vorausgesetzt, man hat Internet, was mit dem Handy manchmal schon so ein Thema für sich ist. Doch im Laufe der Zeit offenbarte das Angebot von Amazon mehrere Schwächen. Die App für FireTV war offenbar am grünen Tisch zusammengeklempnert worden und hatte vor allem eins nicht im Sinn: Den Anwender.

Ich stellte immer mehr fest, dass Amazons Angebot doch nicht so großartig war, wie ich erhofft hatte und zumindest mich nicht als Zielgruppe im Visier hat. Der Benutzerkomfort, der auf der einen Seite durch die Integration ins FireTV gewonnen wird, wird auf der anderen Seite wieder durch fragwürdige Designentscheidungen aus dem Fenster geworfen. Schlussendlich stellte ich fest, dass Amazon Music Unlimited zwar schon ganz nett ist, aber am Ende eben auch nicht mehr. Die Tatsache, dass Bands wie Rammstein über Amazon nicht gestreamt werden, machte für mich die Sache dann klar: Ich kündigte nach nicht mal anderthalb Wochen Probezeit.

Das Gras ist beim Nachbarn grüner…

Spotify FrontendAllerdings hatte dieses Experiment mir gezeigt, dass es eben doch ziemlich bequem ist, wenn man mal eben nebenher einfach Musik anwerfen kann, ohne lästiges „Carglas repariert….“ oder „Seitenbacher…“ Geplärre, ganz abgesehen von den mich endlos ankotzenden „besten Hits der 80er und 90er und dem Besten von heute“. Gut, Nebenbeiinformationen zum Album, zur Band oder zum Song fehlten komplett. Als ich dann aber wieder zum Radiohörer wurde, fiel mir erst in aller Deutlichkeit auf, wie – sorry – Scheiße die meisten Moderationen inzwischen sind. Überwiegend völlig belanglose, und viel schlimmer noch: SINNLOSE Laberei, selten mit ernsthaft recherchierten Informationen zur Musik, häufig mit roher Gewalt auf die von der Automationssoftware diktierte Länge der Moderationspause zurechtgestümpert. Es kotzte mich an.

Noch am selben Tag warf ich mich mit der Frage ins Getümmel, welcher Streaming Musik Anbieter denn wohl „das Mittel der Wahl“ ist. Mangels irgendwelcher Produkte aus dem Hause Apple und einer seit Jahren schwelenden Hassliebe zum ständig schlechter werdenden iTunes, schied Apple Music für mich von Anfang an aus. Am Ende entschied ich mich für den aktuellen Marktführer: Spotify.

Premium…

Premium ohne Werbung, dafür Musik wahlweise in hoher Qualität oder „Standard“ gestreamt, was höherer Kompression bei geringerer Dateigröße und reduzierter Audioqualität entspricht, wahrscheinlich Ogg Vorbis 96kbps (Standard) oder 320kbps (High Quality). Download für Musikkonsum ohne Netzzugang, nahtlose Übergabe der Streams an andere Geräte. Diese und viele andere Features fand ich vom Fleck weg klasse, besonders weil sie funktionieren und mir nicht im Weg stehen. Der Umfang des Angebots passt sehr zu meinem Musikgeschmack. Insgesamt habe ich nichts gefunden, was mich ernsthaft stört.

Jetzt, nach gut zwei Wochen mit Spotify stelle ich positiv erstaunt fest, dass die Software sich immer besser auf meinen Musikgeschmack und meine Hörgewohnheiten einschießt. Ja, man versucht mir immer noch regelmäßig Helene Fischer oder Sido als geilste Erfindung seit geschnitten Brot unterzujubeln und die vordefinierten Playlisten nach „Stimmung“ sind überwiegend – sorry – der letzte Scheiß in Sachen weichgespültem Ramsch. Aber die Playlisten, die mir Spotify aufgrund einzelner, von mir ausgewählten Songs generiert, sind inzwischen so gut, dass ich zugeben muss, selber per Hand selber nur mit viel Aufwand deutlich bessere Playlisten zusammenstellen zu können. Klar, manchmal greift Spotify voll daneben und glaubt, ich wolle unbedingt Schmusi-Busi-Einschlaf-Schnulzen-„Rock“ hören. Aber: Dank Like- und Dislike-Funktion kann ich hier zuverlässig eingreifen und notfalls auch mit roher Gewalt on the fly nachhelfen.

Ob Spotify der Weisheit letzter Schluss ist oder ob ein anderer Anbieter, egal ob Apple Music, Deezer oder sonstwas besser ist, oder ob „demnächst“ vielleicht ein noch viel besserer Anbieter an den Start geht, ist bestimmt auch vom individuellen Geschmack und den eigenen Vorlieben abhängig. Aber Spotify trägt für mich im Augenblick mit Abstand den Sieg davon. Als mir „nebenher“ dann auch noch angeboten wurde, doch „Spotify Premium Family“ zu erwerben, war die Sache klar: 15 Euro im Monat und bis zu fünf weitere Mitbewohner meines Haushalts können ebenfalls Spotify Premium nutzen. Ohne Mehrkosten, mit demselben Funktionsumfang, mit eigenen Playlisten, Empfehlungen, Downloads und so weiter. Als mir dann die Tage mein 3,5mm Klinkenkabel entwendet wurde, damit „ich endlich mal dieses neue Album im Auto hören kann“, war mir klar, dass selbst die „ich höre keine Musik übers Handy“-Fraktion von den Vorteilen von Spotify endgültig überzeugt und damit das Radio im Auto „Geschichte“ war.

Blick zurück

Transistorradio / Radio / WikimediaAus reiner Neugierde habe ich gestern Abend meinen ehemals Lieblingsradiosender eingeschaltet. Mir ging nicht nur auf den Sack, dass nicht dabei stand, welcher Song von welchem Album in welcher Version gerade lief, sondern dass ich auch noch bei jedem dritten Lied verzweifelt dachte „och nö, mach das weg“. Besonders erschreckt war ich aber, als ich mich bei dem Gedanken ertappte: „Kannst Du nicht einfach mal die Fresse halten und Musik spielen?“

Wie sehr ich die Like- und Dislike-Buttons inzwischen zu lieben gelernt hatte, fiel mir erst da so richtig auf. Und bei aller Liebe zur Profession des Moderierens: Ich kann inzwischen gut verstehen, warum immer mehr Leute immer weniger Leute Bock darauf haben, sich ihre wertvolle Freizeit mit dem viel zu oft hirnentkernten und zwanghaft gutgelaunten Gesabbel mancher Vertreter und Vertreterinnen meiner Zunft dichtlabern zu lassen.

Webradio

Besonders schlimm: Webradio. Mal ganz abgesehen davon, dass sich Webradio in Deutschland nie so richtig durchgesetzt hat und wohl immer mehr oder weniger eine Randerscheinung bleiben wird: Seit ich via Streaming Musik konsumiere, bin ich durch direkten Vergleich mehr und mehr davon überzeugt, dass mindestens 95% der Webradiomoderatorinnen und -moderatoren zugunsten ihrer Zuhörer besser einfach die Klappe halten, oder wenigstens die Finger von Alkohol und anderen Drogen während der Moderation lassen sollten. Meine ehemals mehr als 50 Einträge umfassende Linkliste zu verschiedenen Webradios habe ich jedenfalls gestern nach einer sehr frustrienden Rundreise durch die Sendungsangebote kommentarlos in die Tonne gekloppt.

Was bedeutet das?

Streaming Musik ist keine Konkurrenz, sondern eine Revolution. Konkurrenz wäre dasselbe Angebot in anderer Verpackung. Streaming macht aber nicht dasselbe wie Radio „nur anders“, Streaming Musik ist ein völlig anderes Konzept. Hörer und Macher haben einen sehr viel direkteren Draht zueinander. Genauer gesagt: Ich als Kunde kann mir sehr viel besser auf meinen Geschmack zugeschnitten aussuchen, was ich wann und wo hören will. Ich muss mir nicht vorschreiben lassen, dass „meine“ Lieblingsmusik ausschließlich dienstags zwischen 22 und 23 Uhr auf irgendeinem obskuren Sender läuft, den ich sowieso nur manchmal übers Internet empfangen kann, wenn es irgendeinem Rechteverwerter denn gerade in den Kram passt.

Wenn ich der Meinung bin, dass ich morgens um 7 Hamburger Schule aus den 90ern hören will, dann sind das dank Streming Musik zwei, drei Klicks und ich bin am Ziel meiner Wünsche. Und wenn es mir auf dann doch auf den Sack geht, hab ich mit ein, zwei weiteren Klicks genau das in den Boxen, was ich dann vielleicht gerade lieber hören will. Und das Beste ist: Ich weiß, dass der Musiker, den ich mag, in irgendeiner Form einigermaßen direkt Geld dafür bekommt, dass ich seine Musik höre – ob das Abrechnungsmodell passt, ist eine Frage, die mir als Konsumenten ehrlich gesagt scheißegal ist. Das ist das Problem der Musiker und der Streaming Anbieter, nicht meins. Im Gegensatz dazu kommt beim herkömmlichen Radio erstmal die Gema zum Zuge und was von dort beim Künstler ankommt… Reden wir nicht davon.

Und Radio?

Wenn dem klassischen Radio nicht ganz schnell eine Antwort auf das Streaming einfällt, ist es tot. Denn Spotify und Co. bieten auch Zugriff auf Podcasts, Hörspiele und andere Wortbeiträge an, die mir – abgesehen von vielleicht Deutschlandfunk, Deutsche Welle und BBC – kein Sender mehr anbietet. Konkurrenz? Nein, Streaming ist keine „Konkurrenz“. Streaming Musik Anbieter machen viel mehr etwas, was das klassische Radio von Grund auf falsch macht: Es ist weder interaktiv, noch auf den individuellen Geschmack zugeschnitten, noch liefert es echte Neuentdeckungen jenseits der üblichen Verlagsverträge. Kurz gesagt: Ich verstehe jeden, der dem Radio den Rücken kehrt und stattdessen streamt.

Ach ja, meine eigene Musiksammlung. Seitdem ich mir immer wieder Musik per Stream vorspielen lasse, sitze ich immer häufiger vor meinem CD-Regal und denke mir „da war doch…“, entdecke meine eigene Sammlung neu. Meine Sammlung auf Platte habe ich dafür seit dem nicht einmal wieder angefasst, mir dafür aber bestimmt 20 CDs gekauft…

Amazon Music Unlimited
Spotify
Apple Music
Deezer

(Bilder: Wikimedia / Mediehuset København / CC3.0, Heise, Stuart James Instrell)

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