Streaming – Wohin geht die Reise mit Apple?

Der Ende Juni startende Musik Streaming-Dienst von Apple und das Verhältnis zu den Indie-Labels ist gerade ein ziemlich heißes Eisen. So richtig hochgekocht ist das alles, als “neulich” Anton Newcombe seinen Hass über das Verhalten von Apple zum Ausdruck brachte. Stein des Anstoßes ist dabei wohl einerseits, dass seitens Apple von den Künstlern verlangt wird, bei jedem neuen Kunden drei Monate lang auf alle Tantiemen zu verzichten. Das klingt jetzt erstmal harmlos, aber für Indie-Labels und -Künstler, die oft insgesamt nur geringe Umsatzzahlen erzielen, ist das gar nicht so witzig. Andererseits steht die Behauptung im Raum, Apple habe Labels und Musikern gedroht sie von iTunes zu verbannen, wenn sie an Apples Streaming-Dienst nicht teilnehmen.

Zumindest zu letztgenannter Behauptung gibt es eine verklausulierte Stellungnahme von Apple, die man lesen kann, wie man will. Ein Firmensprecher sagte bezugnehmend auf den Musikkatalog von Newcombes Band “Brian Jonestown Massacre”: “It will not be taken off”.

Auf die Frage, wie das denn mit den drei Monaten und der Bezahlung generell aussieht, kamen von Apple bemerkenswerte Aussagen:

“A lot of artists are confused,” “If you get 100 million streams on a song and you’re only being paid on 20 percent, the check’s not going to look good. The money’s not going to look fair.” “People will pay for great services” “They said they wouldn’t pay 99 cents for a song but they did. We’ve always believed that. When you go to work, you don’t work for free; nobody works for free. Nobody can say, ‘I want to work for free.’ Nobody says that.”

Eine Menge Künstler sind verwirrt? Wenn man einhundert Millionen Streams eines Songs erzielt und nur für 20% der Streamings überhaupt bezahlt wird, und das dann infrage stellt, dann ist man “verwirrt“? Die Leute werden schon dafür bezahlen, keine Bange? Bin das jetzt nur ich oder fallen Euch da auch noch ein paar Fragen und Anmerkungen zu ein?

Beggars_Group_AppleBeggars Group, eins der größten Indie Labels überhaupt hat eine generelle Stellungnahme zum Thema “Apple Music” veröffentlicht (siehe Bild links) und stellt ein paar berechtigte Fragen: Warum sollen die Künstler die Kosten tragen, die Apple für das Gewinnen neuer Kunden entstehen? Wie kann Apple behaupten, Indies und Major-Labels würden zu den gleichen Bedingungen behandelt? In der Konsequenz stellt Beggars Group fest, dass ihre Verträge es nicht erlauben, an Apple Music teilzunehmen.

Bemerkenswerter Weise melden sich parallel dazu der deutsche Verband unabhängiger Musikunternehmen e.V. (VUT) und die französische Union des Producteurs Phonographiques Français Indépendants (UPFI) zu Wort. Es sieht so aus, als wenn Apple bei der ganzen Hast, mit der der Streaming-Dienst Apple Music an den Start geprügeltbracht wird, *hust* “vergessen” *hust* wurde, überhaupt mal mit den Indies zu verhandeln, geschweige denn nach deren Ansichten zu fragen. Bei denen, speziell bei der VUT und der UPFI ist deshalb der nachhaltige Eindruck entstanden, Apple interessiere sich für diese Verbände nicht. Mich würde es gar nicht überraschen, wenn das tatsächlich so wäre, denn “Ignoranz” steht bei mir ganz weit oben auf der Liste der Attribute, die ich mit dieser Firma verbinde, aber das ist meine private Meinung. Die Konsequenz daraus ist jedenfalls, dass VUT und UPFI ihren Mitgliedern eher davon abraten, irgendwelche Verträge mit Apple zu unterschreiben.

Apple Music ContractNun kann man sich ja lange darüber streiten, was wer wann zu wem wie gesagt haben könnte. Im Netz kursiert der Vertrag (siehe auch Bild links), den Apple den Indies für die Teilnahme an Apple Music vorgelegt hat. Ein kaum 60 Seiten langes Meisterwerk juristischer Glanzleistungen, die ein eigentümliches Licht auf die Industrie und auch die Firma werfen.

Ich finde es schon sehr befremdlich, dass eine Firma sich überhaupt in solch eine Lage manövriert und sich mit voller Absicht mit allen anlegt, denn “wir sind Apple, darum fuck you!” Irgendjemand hat da im Entscheidungsprozess ganz eindeutig mal wieder nicht mitgedacht oder nicht daran gedacht, dass “One Size Fits All” eben nicht allen und schon gar nicht immer passt. Natürlich verstehe ich die Sichtweise, dass sich die Ausfälle der Künstler durch die dreimonatige Einlaufphase im Laufe der Zeit wieder ausgleichen werden.

Allerdings weiß ich aus direkten Gesprächen mit Musikern, wie knapp deren Kalkulationen häufig zwangsläufig sind und wie oft diese im wahrsten Sinne des Wortes an jedem Cent hängen. In einer Zeit und Branche, in der es gängige Weisheit ist, dass eine Neuveröffentlichung während der ersten fünf Tage “hot” ist und danach niemanden mehr interessiert, ist es um so verwunderlicher, dass eine Firma, die sich auf den Musiksektor fokussiert, diese Tatsache entweder vergisst oder – und das wäre viel schlimmer – einfach ignoriert. Ob Apple Music dieses mittelprächtige Desaster in den Griff bekommt oder nicht, ist aber tatsächlich nebensächlich, denn Apple ist, trotz der Größe des Konzerns, im Musikmarkt ein Fisch unter vielen Haien.

Daniel Ek, CEO von Spotify, gab jüngst bekannt, dass er seine Firma eher schließen werde, bevor Spotify sein Freemium Modell aufgäbe, wovon gerade die Major Label gar nicht begeistert sind, denn dadurch unterläuft Spotify das Preismodell seiner Mitbewerber, die sehr viel besser für eben diese Majors gestaltet sind. Natürlich ist die Rede hier wieder von Apple Play. Apple hatte in der Vergangenheit ultimativ verlangt, dass alle(!) Anbieter von Streaming-Diensten gefälligst ihre kostenlosen Modelle aufzugeben hätten. Da sich Apple und die Major Labels gerade auf Spotify eingeschossen haben, stellt der CEO von Spotify eine bemerkenswert kluge Frage:

SoundCloud isn’t paying, YouTube is paying almost nothing, and Spotify is the bad guy?

SoundCloud geriet ebenfalls jüngst in die Diskussion, aber tatsächlich ist Youtube / Google der echte 500 Pfund Gorilla im Raum. Das Gerücht hält sich hartnäckig, dass auch Google Künstlern gedroht hat, ihre Inhalte von Youtube zu verbannen, wenn sie nicht bereit wären, bei Googles Premium Musikservice Youtube Music Key mitzumachen. Bisher stammen Gerüchte dieser Art aber nur aus einer Quelle, die Behauptet, Google habe das in einem Telefonat so gesagt. Google bestreitet das vehement – Die Ähnlichkeiten zur Causa Apple sind dennoch frappierend.

Eine Lösung habe ich auch nicht auf Lager. Schon gar keine einfache. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass die Anbieter dieser Streaming-Dienste an die Stelle der Distributoren von früher treten und von etwas Gewinn abschöpfen, an dem sie eigentlich gar keinen produktiven Anteil haben, denn: Was ist denn ein Streaming-Dienst großartig anderes, als Platenplatz irgendwo im Netz, auf den man von außen zugreifen kann? An welcher stelle von “Plattenplatz anbieten” war noch gleich der das Produkt im Wert steigernde Anteil? Es will mir nicht gelingen, das irgendwie zu sehen. Von daher verstehe ich auch nicht, warum sich Künstler und Labels ewig über die lästigen, nahezu parasitären Strukturen der Distributoren aufgeregt haben, nur um sich jetzt deren Nachfolgern mit entblößtem Gemächt voran in den Rachen zu werfen.

(Bild: Lindsay McClane, CCA3.0)

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