Watch Paint Dry: Britten erteilen Jugendfreigabe für 10 Stunden Film

Von der Redewendung zum Filmtitel

In der englisch Sprache gibt es die Redewendung „to watch paint dry“ – „Farbe beim Trocknen zusehen“. Dieser Ausspruch steht für eine extrem langweilige und sinnfreie Beschäftigung: Farbe beim Trocknen zuzusehen lässt wohl kaum auf dramatische Ereignisse hoffen. Glaube ich zumindest. Im Deutschen gibt es entsprechend „dem Gras beim Wachsen zusehen“. Meint dasselbe, ist genauso spannend.

Der Jugendschutz ist Schuld

Wie in Deutschland, so gibt es auch bei den Britten ein System, das eine Einteilung von Filmen in Altersfreigaben vorsieht. Stichwort Jugendschutz. Eigentlich ganz sinnvoll, aber auch irgendwie etwas… naja, verbesserungsfähig. Was in Deutschland die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft GmbH (FSK), ist in Groß Britannien das British Board of Film Classification (BBFC). Die hat gestern einem Film hochoffiziell das Rating „U“ für „Universal“ gegeben, das einen Film als „geeignet für alle Altersklassen“ kennzeichnet. Soweit – so unspektakulär.

Zensur?

Interessant wird es jedoch schon beim Titel des Films: Watch Paint Dry, zu Deutsch in etwa: Trocknender Farbe zusehen. Dieser Film ist das Ergebnis einer Kickstarter Kampagne. Ziel war es, Zensoren dazu zu bringen, Farbe beim Trocknen zuzusehen. Zensoren? das „C“ in „BBFC“ stand früher für „Censors“, zu deutsch „Zensoren“. Die 1912 gegründete BBFC hatte mal den Auftrag (kein Scherz), Filme frei zu halten von „unschicklichem Tanzen“, „Referenzen auf kontroverse politische Themen“ und – wer hätte es gedacht – „Männer und Frauen zusammen im Bett“.

Die Zeiten haben sich seit dem ein wenig geändert, doch noch heute wird der BBFC vorgeworfen, Filme zu zensieren und sie durch Zensurmaßnahmen zu unterdrücken. Insbesondere die Indiependent-Filmszene soll davon häufiger betroffen sein. In Groß Britannien ist es geltendes Recht, dass kein Film veröffentlicht werden darf, der nicht von der BBFC zertifiziert wurde – gegen Bezahlung durch die Filmemacher, versteht sich. Knapp 1.000 Britische Pfund kostet die Beantragung eines solchen Zertifikates für einen 90 Minuten langen Film. Nicht gerade „günstig“, besonders für besagte Indiependent-Filmemacher.

Watch Paint Dry

Charlie Lyne war von der BBFC wohl etwas arg genervt und rief deshalb die Kampagne „Make the Censors Watch ‚Paint Drying'“ ins leben, die letztendlich zu einem 10stündigen Film führte, der – der Name verrät es – nichts anderes zeigt, als trocknende Farbe. Die Kampagne Watch Paint Dry hatte Erfolg. Der Film wurde produziert und erreichte zweierlei: Erstens wurde er mit 775 Minuten Laufzeit der bislang längste bei der BBFC eingereichte Film, und zweitens wurde er offiziell zertifiziert.

Die BBFC ordnete den Film als „Dokumentation“ ein und fasste die Handlung lakonisch zusammen:

SUMMARY: PAINT DRYING is a film showing paint drying on a wall
(BBFC)

Der Film musste tatsächlich von den Gutachtern in ganzer Länge angesehen werden. Vorspulen oder beschleunigte Wiedergabe sind nicht gestattet. Unbekannt ist, welche Highlights des Films die Gutachter besonders bemerkenswert fanden.

Bleibt uns nur noch zu sagen: Herzlichen Glückwunsch!

Webseite des Projekts: https://www.kickstarter.com/projects/charlielyne/make-the-censors-watch-paint-drying/description

Webseite der BBFC: http://www.bbfc.co.uk/

 

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