Westernhagen, der ESC und die Musikbranche

In einem Interview mit der Bielefelder Neuen Westfälischen sagte Marius Müller-Westernhagen (68), dass die Musikindustrie insgesamt mutlos geworden sei. Produktionen wären häufig ein reines Konsumprodukt:

„Musik ist beliebig geworden und damit auch entwertet.“ „Das führt dazu, dass von vorneherein mit Kalkül produziert wird. Aber wenn man künstlerische Arbeit mit Kalkül macht, ist sie schon verfälscht.“

Bezogen auf seine eigene Kariere sagte Marius Müller-Westernhagen:

„Ich hatte das Glück, in einer Zeit aufzuwachsen, in der für die Jugend Geld und Karriere keine große Rolle spielten.“ „Das war mein Antrieb, nicht der Wunsch, ein Star zu sein.“

Diese Aussagen lassen sich gut auf den gestrigen ESC übertragen. Seit ich dieses „Spektakel“ zum ersten Mal ertragen musste, frage ich mich, wer sich das freiwillig nüchtern antut, denn wer und was auch immer da seit (gefühlten) Jahrhunderten vorgeführt wird: Um Kunst im eigentlichen Sinne geht es dabei eher nicht.

Das Endergebnis (null Punkte für die Darbietung aus Deutschland) und Sieg für Schweden verdeutlicht das Ausmaß dieser Verökonomisierung der Musikproduktionen. Eigentlich steht nur noch die Show im Vordergrund. Die Musik ist „Mittel zum Zweck“. Der ESC ist nicht anders als all die anderen Casting-Shows, nur dass beim ESC die „Schwergewichte“ der Branche hinter den Kulissen gegen, nein, miteinander antreten. Es gewann die hippste „Performance“ (überrascht es irgendjemanden, in der Musik einen Begriff aus der Ökonomie wiederzufinden?) mit dem – im Vergleich zum Rest – ungewöhnlichsten Bühnenprogramm. Dass die Darstellung aber weder neu noch kreativ ist, zeigt einmal mehr, wer das Konsumiert und wie intensiv der sich damit auseinandersetzt. Im Internet kursieren seit Jahren mehr als genügend Musikvideos, bei denen Strichmännchen die Akteure sind oder unterstützen. „Neu“ geht echt anders.

Egal wie. Natürlich geht jetzt die „Fehleranalyse“ los, das Suchen nach dem oder der Schuldigen. Schon jetzt steht fest, wer nicht Schuld ist: „Ann Sophie trifft keine Schuld“ (SPON), „Die Stimme war da, die Bewegungen saßen, die Performance war rund.“ (Stern). Aber die Frage, ob das, was dem Konsumenten da als „Kunst“ verkauft werden soll, vielleicht einfach als Nullnummer wahrgenommen wird, als reines Produkt zum Geldmachen, und deshalb durchfällt, die Frage stellt natürlich niemand.

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