Abney Park – Wasteland: Nie war Steampunk so modern

Am Anfang war alles schwarz

Abney Park – Wasteland ist das 18. Album der Band aus Seattle. Gegründet 1997 als eher Gothic-Industrial Band, begann sie 2005, mit der Veröffentlichung des Albums “The Death Of Tragedy”, sich umzuorientieren. Steampunk wurde zum zentralen Element der Band und ihrer Musik. Die Band identifizierte sich tiefgreifend mit der Thematik. Das ging so weit, dass die Band einen eigenen fiktionalen Hintergrund für die Band erfand (drei Bücher, The Airship Pirate Chronicles) und für jedes Bandmitglied einen fiktionalen Charakter. Auf diesem Weg erklärte die Band ihre Umbrüche und wo sie sich selbst jetzt sieht und bereitete die Bühne für ihre neue Musik.

“Lost Horizons” war 2008 das erste thematische Steampunk Album der Band. Dieses Album ist für mich bis zum heutigen Tag ein Meilenstein, insbesondere wegen der Songs “Airship Pirate” und “She”. Beide Songs dieser Band, die ich sehr verehre, stehen bei mir hoch im Kurs und sind ein Stück weit die selbstbestimmte Messlatte, an der ich neue Veröffentlichungen der Band messe. Im Laufe der letzten Jahre hat sich die Zusammensetzung der Band immer wieder verändert. Auch die Musik hat sich gewandelt. Sie ist moderner geworden, elektronische Elemente wurden prägnanter, dominanter. Nicht allen Fans gefiel das.

Abney Park – Wasteland

Abney - Wasteland - Park Bandfoto 2015 - PolyprismaEnde letzten Jahres erschien “Wasteland”. Ich bin um das Album herumgeschlichen, wie die Katze um den heißen Brei. Ich hatte ernsthafte Bedenken, dass die letzten Veränderungen in der Besetzung der Band die Musik und den Charakter zu stark beeinflussen könnten. Zurückblickend fällt mir gerade hier auf, wie groß der Einfluss von Gerüchten sein kann. Gerüchte, Hörensagen anderer. “Abney Park ist ja gar nicht mehr Abney Park”. “Die Musik ist ja jetzt ganz anders, gar nicht mehr wie früher”. Generell sprach eine profunde Enttäuschung aus den Bemerkungen, was letztendlich Grund für meine Zurückhaltung war.

Abney Park hat sich verändert – daran gibt es keinen Zweifel. Als Band, aber auch musikalisch. Die Musik ist teils rockiger, teils elektronischer geworden, aber sie ist auch professioneller geworden – im positiven Sinne. Abney Park – Wasteland ist ein Album einer Band, die auf viele intensive und wechselhafte Jahre zurückblicken kann. Es ist ein Album, das eine Band präsentiert, die sich in verschiedener Hinsicht orientiert: Einerseits in Hinblick auf die eigene Vergangenheit und das eigene Erbe, andererseits aber auch auf die Gegenwart und Zukunft.

Robert of Abney Park - Wasteland - Foto: Dmitry Strots - PolyprismaDie Musik ist deutlich elektronisch beeinflusst. Man sollte nicht vergessen, dass die Band ihre Wurzeln im Industrial, einer extrem elektronisch geprägten Musikrichtung hat, bevor sie zum Rock wechselte. Erfahrungen im Umgang mit elektronischer Musik hat die Band auf jeden Fall. Es sollte deshalb nicht überraschen, dass die Band diesen Schatz an Wissen und Erfahrungen nutzt. Das ermöglicht der Band moderne, tanzbare Tracks zu veröffentlichen, die auch eine Chance haben, in Clubs gespielt zu werden. Machen wir uns nichts vor: “Airship Pirate” oder “To The Apocalypse In Daddy’s Sidecar” sind zwar tolle Songs, aber clubtauglich sind die nicht so richtig. Die Band hat verstanden, dass sie einerseits Musik für ihre Fans machen muss, sich selbst auch treu bleiben muss. Aber sie muss eben auch in Clubs und im Radio gespielt werden, damit sie gehört wird. Nur so können neue Fans erreicht werden.

Damals und heute

Josh Georing & Robert of Abney Park - Wasteland - Foto: Photography Naturally - PolyprismaAbney Park – Wasteland versucht diese beiden scheinbar widersprüchlichen Interessen zu vereinen. Das Album hat drei fließend in einander übergehende Teile: Der Anfang ist modern, tanzbar, clublastig. Spätestens mit “Witch Hunt” zeigt die Band, dass sie ihren einzigartigen Charakter nicht verloren hat und “bloß” moderner geworden ist. Der Song vereint Abney Park von “früher” mit Aspekten, die vielleicht zeitgemäßer, moderner sind. Für mich ist gerade dieser Song eine Art Wegweiser, wohin die Reise bei Abney Park gehen könnte. Der dritte Teil des Albums richtet sich an die alteingesessenen Fans und zeigt denen, dass Abney Park noch immer Abney Park ist.

Die Band beweist, dass sie nichts von ihrer verblüffenden Vielseitigkeit verloren hat. “Hired Gun” spielt auf überraschende Art mit den Western-Aspekten, die eng mit der Thematik “Wateland” verknüpft sind. Der Song verbindet das Moderne, das vielleicht an Bands wie The BossHoss erinnert, mit dem Feeling der alten Westernschinken mit John Wayne und Charles Bronson. Herausgekommen ist ein stimmungsvoller TexMex-Western-Country-Song, der die unverkennbare Handschrift von Abney Park trägt und doch irgendwie gänzlich unerwartet ist.

Das swingend-groovige Cover des Jazz-Klassikers “Minnie The Moocher” ist genial gelungen. Diese Adaption ist für mich eins der Highlights des Albums. Die Band fährt hier zu voller Größe auf und zeigt, dass sie eine Klasse für sich ist. Mein Favorit des Albums ist jedoch das langsame, unter die Haut gehende “The Prayer”. Die Gänsehaut auslösende atmosphärische Dichte, die ich speziell seit “She” mit Abney Park verbinde, kommt hier zur vollen Blüte: Modern, dicht, berührend, unaufgeregt und ohne großes Gehabe.

Long Story Short

Abney Park - Wasteland - Derek - PolyprismaAbney Park – Wasteland ist ein vielseitiges Album, das ich rundum gelungen finde. Es verbindet viele Aspekte der Band. “Wasteland” zeigt neue musikalische Wege auf, die die Band gehen könnte, unterstreicht aber auch, dass sich die Band ihrer Geschichte nicht nur bewusst ist, sondern diese Geschichte ein unauflöslicher Teil von ihr ist. Die Gerüchte, Abney Park von heute sei nicht mehr das, was die Band mal war, stimmen teilweise. Die Musik hat sich gewandelt. Allerdings zeige man mir eine Band, deren Musik sich über achtzehn(!) Alben und fast zwanzig Jahre hinweg nicht gewandelt hat.

Zu sagen, Abney Park würde sich selbst untreu, ist einfach nicht wahr. Wasteland beweist das. Mir gefällt das Album sehr. Es könnte vielleicht einen Schubs rockiger sein, ein Quäntchen mehr “Nomad” vertragen, aber hey, nur weil dieses Album vielleicht etwas weniger rockig ist, heißt das noch lange nicht, dass die Band nicht rocken kann – siehe Nomad. Für mich ist Wasteland vielleicht nicht das beste Album, das die Band jemals veröffentlicht hat, aber es ist eins der besten, weil es die Vielseitigkeit und Wandlungsfähigkeit der Band genauso unter Beweis stellt, wie es zeigt, dass Abney Park nicht in irgendeinem Wolkenkuckucksheim fernab jeglicher Realität vor sich hin dudelt und so vielleicht den Anschluss an den Zeitgeist verpennt.

Wie gesagt: Das Album finde ich toll und weil ich Abney Park sehr mag und sie unterstützen will, habe ich das Album extra für diese Rezension gekauft. Deshalb ein Wort der Warnung: Es ist schon etwas schmerzhaft, für EINE einzelne CD 12 (zwölf!) Euro Porto (versand nach Deutschland) zahlen zu müssen. Auf dem Postwege hätte die CD so unverschämte 25 Euro gekostet. Darum entschied ich mich für den Download. Da war zwar zusätzlich “Wasteland” als instrumentale Version mit dabei, aber die MP3 sind weder gut komprimiert, noch kann man das Format auswählen. Die Kompression mit Joint Stereo 200kb/s VBR ist teilweise grottenschlecht: Die Artefakte sind überdeutlich und die Musik klingt häufig übersteuert, verzerrt und insgesamt der Musik der Band nicht würdig. Im Radio spielen kann man sowas jedenfalls nicht.

Abney Park – Wasteland ist erschienen am 07.11.2015

Webseite: http://www.abneypark.com/

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