Anderson/Stolt – Invention of Knowledge

Yes meets Transatlantic

Die alten Granden und Gründer des Progressive Rock sind seit etlichen Jahren zurückhaltend, wenn es um den Nachwuchs des Genres geht. Colaborationen sind selten, gelungene umso mehr. Es macht den Eindruck, als wenn die Urväter sich auf ihr Ding und ihre Leistungen zurückziehen und die nachrückenden Bands mit teilweise außerordentlicher Skepsis ignorieren. Hier eine Reunion, dort eine Neuauflage, aber davon abgesehen eher Tradition statt Fortschritt, der – ich schrieb es bereits – zu einem musikalischen Stillstand führt.

Auch die Band Yes, speziell Chris Squire, unterstrich immer wieder, dass die Band nicht daran interessiert sei, was der Nachwuchs leistet. Ein solches Statement einer das Genre mitbegründenden Band, ist für den Nachwuchs sicherlich nicht hilfreich, ob es dem Genre insgesamt hilft, ist auch mehr als fraglich. Gerade Labels haben ein naheliegendes Interesse daran, dass Musik lebendig bleibt. Neue Projekte bedeuten neue Anreize für alle.

Manchmal muss man nachhelfen

Anderson Stolt Invention of Knowledge Press_Photos_05Auch diese Überlegung dürfte letztendlich Thomas Waber Chef des Labels Inside Out, dazu gebracht haben, Roine Stolt und Jon Anderson zusammen zu bringen. Seit Jon Anderson und Yes sich – diplomatisch formuliert – getrennt haben, ist der sehr viel aufgeschlossener, was Projekte mit anderen Musikern angeht. Seine Zusammenarbeit mit Transatlantic 2014 ist bis heute ein mindestens bemerkenswertes Stück Musik. Da hier schon gemeinsame Erfahrungen gesammelt wurden, lag es wohl nahe, zumindest den Versuch zu wagen.

Invention of Knowledge

Egal was dazu notwendig war (Thomas Waber hat dazu bestimmt interessante Anekdoten zu erzählen), Anderson und Stolt gingen zusammen ins Studio und spielten „Invention of Knowledge“ ein und ich habe das Album hier vor mir liegen und versuche mir einen Reim darauf zu machen. „Versuche“ deshalb, denn das Album ist stark besetzt. Stolt und Anderson sind unbestrittene Größen mit herausragendem Können und Talent. Gleichzeitig bin ich aber auch von einigen gerade veröffentlichten Werken anderer Bands vorbelastet und weiß, dass Bewegung in der Szene ist.

Anderson Stolt Invention of Knowledge Press_Photos_09Die letzten Alben von Yes haben mich nicht überzeugt und die alten Alben sind eben genau das: Alt. Was passiert, wenn Jon Anderson aber eine richtig gute Band zur Seite gestellt bekommt? Man erhält Yes, aber auf einem neuen Niveau. Es klingt oft nach Yes aus den 70ern oder nach den Flower Kings, aber es klingt unverkrampfter und deutlich ist die Qualität der Musiker zu hören. Invention of Knowledge klingt frei und luftig, ist aber auch ein nahezu episches Zelebrieren des Prunk und Pathos des Progressive Rock von damals, mit deutlicher Betonung des Geistes der 70er, dem das Gefühl von Esoterik und das Zeitalter des Wassermanns auf die Fahnen geschrieben stand.

Invention of Knowledge

Invention of Knowledge ist wenig „rockig“. Auch komplexe Rhythmen fehlen weitgehend. Dennoch ist die Musik intensiv und ausladend, beinahe ausufernd. Midtempo und der schöngeistige Klang dominieren, durchzogen von wabernden Sound-Sphären und dichten Passagen, die die Intensität der Musik greifbar werden lassen. Insgesamt trägt das Album eine Starke Handschrift von Jon Anderson mit für meinen Geschmack etwas zu starker Betonung des Rückwärtsgewandten, aber das tut der Qualität des Albums keinen Abbruch, aber dadurch fehlen diesem Album meiner Meinung nach auch die echten Highlights.

Anderson Stolt Invention of Knowledge Press_Photos_03Die vielschichtige Instrumentierung ist qualitativ bemerkenswert. Auch die Idee des „Positive Thinking“ kommt gut rüber. Insgesamt ist Invention of Knowledge mehr oder weniger genau das Album, das von der Zusammenarbeit von Stolt und Anderson zu erwarten gewesen wäre, hätte man denn vorher davon gewusst und darüber nachgedacht. Bemerkenswert positiv überrascht bin ich aber von der Qualität des Albums insgesamt. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass das Album so gut wird, wie es tatsächlich geworden ist. Vielleicht wäre das Album noch anders geworden, wenn Stolt und Anderson tatsächlich zusammen ins Studio gegangen wären und sich nicht nur zweimal getroffen hätten.

Egal wie. Fans von Yes ist dieses Album wärmstens ans Herz gelegt, denn es ist ein Album, das viel liefert, was in den letzten Jahren nicht geliefert wurde. Zwar ist die Musik eher ruhig und vielleicht sogar besinnlich, aber auf der anderen Seite hat auch das seine ganz eigene Magie, insbesondere dann, wenn sie auf so hohem künstlerischem Niveau präsentiert wird.

Anderson / Stolt – Invention of Knowledge erscheint am 24.06.2016 bei Inside Out Music / Sony

Offizielle Webseite von Jon Anderson
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ANDERSON / STOLT – Invention Of Knowledge (Album Teaser)

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