Andre Cymone – 1969

Geschichte wiederholt sich

Man muss schon ein wenig Fan des am 21.04.2016 viel zu früh verstorbenen Prince sein, um aus dem Stand die Verbindung zwischen ihm und Andre Cymone herstellen zu können: Er und Prince sind seit ihrer Schulzeit befreundet und haben immer wieder Musik zusammen gemacht. Nicht nur das, auch ihre Väter haben schon zusammen in einer Band gespielt, ohne das Andre oder Prince das vorher gewusst hätten. Es entstand eine Freundschaft und Andre war sogar Gründungsmitglied der ursprünglichen Revolution Band seines Freundes. Aber auch wenn Andre Cymone viel mit Prince verbindet, ist seine Musik anders. Sein Album 1969 ist eigenständig und doch atmet es auch dieses großartige Minneapolis-Flair, den Freigeist und das Ungewöhnliche.

Obwohl der Name es vermuten lässt, ist 1969 kein Oldie-Album oder eine Compilation von Reworks oder Coverversionen. Der Name entspringt der Überlegung, dass vieles heute an die Situation von 1969 erinnert:

„Man schaut sich die Nachrichten an und sieht all die verrückten Dinge, die geschehen und muss feststellen, dass wir immer noch mit denselben Problemen wie damals zu kämpfen haben. Das hat mich zu vielen der Songs inspiriert.“
(Andre Cymone)

Die Songs sind alle sehr politisch aufgeladen. Am Deutlichsten wahrscheinlich Black Lives Matter und Black Man In America, die genau das Thema verarbeiten, das ihre Titel erwarten lässt. Im großartig atmosphärischen namensgebenden Song des Albums 1969 versucht Andre Cymone mit Polizeischießereien abzurechnen. 1969 ist thematisch eher ein amerikanisches Album, doch grundsätzlich sind die angesprochenen Themen und die gestellten Fragen überall gültig und aktuell. Die Herangehensweise ist elegant, denn Andre klagt zwar an, aber im Gegensatz zu beispielsweise Public Enemy oder Archie Eversole greift Andre Cymone zu eleganter, anspruchsvoller Musik, die über kulturelle Grenzen hinweg sofort klickt und eine ganz eigene Geschichte erzählt.

1969

1969 brilliert durch einen großartig frischen Sound, greifbaren Groove und hervorragende Umsetzung. Andre Cymone erinnert eher an eine lässigere, weniger abstrakte Version von Lenny Kravitz. Rückgriffe auf ursprünglichen Blues, Verweise auf die Stones, Hendrix, Janis Joplin und viele mehr sind großartige Bezüge zum namensgebenden Jahr des Albums und werden als Schlaglichter oder vielleicht Andeutungen gekonnt angerissen. Die Musik auf 1969 ist nicht die Musik des Jahres 1969, sondern top moderner Rock, der mal funky, mal sehr elementar, mal bluesig, mal akustisch, aber immer sehr lebendig und voller Energie gespielt wird.

Immer wieder finden sich Parallelen zur Musik, die auch Prince gemacht hat. Besonders Black Lives Matter und It Ain’t Much erinnern sehr an seinen Stil. Aber Andre versucht nicht, ein zweiter Prince zu sein. Es sind dieser spezielle Minneapolis-Stil und die Musik jener Zeit, die eben auch Prince nachhaltig geprägt haben. Die Einflüsse von Hendrix, den Byrds, den Monkeys und vielen anderen sind immer wieder deutlich spürbar und verschaffen 1969 ein bemerkenswert zeitloses Flair, das eben auch die Musik von Prince immer wieder durchzieht.

Inspirierender Wow-Faktor

Es fällt schwer, irgendetwas an diesem Album zu finden, das ernsthaft zu kritisieren wäre. Die Musik spricht für sich. Es ist ein Album, das gemacht werden wollte und deshalb für sich selbst und für Andre Cymone steht. Das Konzept ist unkonventionell und vielleicht gerade darum so erfrischend. Der Blick zurück auf das Jahr 1969 und die musikalische Aufarbeitung mit der Erfahrung als erfolgreicher Produzent, Songwriter und Musiker sind modern und ungezwungen. Daraus entstand ein Album, das nicht nur handwerklich beeindruckend ist, sondern gerade wegen seiner Herangehensweise auch außerordentlich inspirierend.

Die nachdenkliche Note, die immer wieder dominiert, macht das Album sehr erwachsen. 1969 zeigt einen Musiker, der erwachsen geworden ist, dessen Leben Wendungen genommen hat, die deutliche Spuren hinterlassen haben. Verpackt in eine Musik, die auch jüngere Menschen erreichen kann, versucht Andre Cymone einerseits, die Älteren an „damals“ zu erinnern und andererseits auch den Jüngeren etwas mitzuteilen, ohne als Oberlehrer oder alter Sack rüberzukommen.

Die Melange aus Rock, Psychedelia, Funk, Soul, Acid, R’n’B und Gitarrenpop ist emotional abwechslungsreich, mal treibend, mal nachdenklich. Die Texte machen nachdenklich, sind aber nicht erdrückend depressiv, sondern eher animierende Protestsongs. Der innere Zusammenhang der Musik und der Zusammenhalt des Albums insgesamt sind nachgerade genial. Trotz aller Gegensätze, die beim unmittelbaren Gegenüberstellen einzelner Songs unbestreitbar offensichtlich werden, ist 1969 im wahrsten Sinne des Wortes ein Album, dass Dir etwas gibt, weil es etwas zu sagen hat und trotzdem auch Spaß macht.

Andre Cymone – 1969 erscheint am 22.09.2017 bei Leopard / Jazzline / GoodToGo

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Andre Cymone – We All Need Somethin‘

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