Ben Frost – Threshold Of Faith

Höhlenmusik

Musik wird dann spannend, wenn sie Dich an die Grenzen bringt. Dort, wo die Grenze verläuft zwischen dem Gewohnten, dem, wo du klar sagen kannst, dass es Dir zu hart, zu schnell, zu soft oder zu nichtssagend ist und dem, was Dich emotional und intellektuell nicht nur fordert, sondern herausfordert. Ben Frost – Threshold Of Faith ist ein solches Album.

Doch von vorne. Ben Frost ist bekannt dafür, dass seine Musik weit jenseits des Trivialen passiert. Sólaris, Sleeping Beauty, By The Throat, The Deep – jedes seiner Alben ist speziell. Seine Musik funktioniert auf einer Ebene, die wenig mit den gewohnten Konzepten von Rock oder Pop oder Electro gemein hat. Sein 2013 erschienenes Werk The Wasp Factory erregte international Aufmerksamkeit. Seine Werke sind gekennzeichnet durch eine beinahe außerweltliche Schönheit, Kreativität im Grenzbereich des Machbaren. Auf seine Art ist Frosts Musik gleichermaßen Mysterium wie Monolith.

Der aus Australien stammende Frost lebt auf Island, was zumindest für mich einen Teil seiner Musik erklärt. Zumindest dann, wenn man andere von dort stammende Künstler und deren Schaffen berücksichtigt. 2016 traf sich Ben Frost mit Steve Albini um Musik aufzunehmen. Steve ist… speziell. Er ist ein großartiger Produzent (auch wenn er selbst diese Bezeichnung für sich vehement ablehnt). Steve arbeitet ausschließlich mit analoger Technik und ist was das angeht sehr gnadenlos. Er ist Gründer, Eigentümer und Chefingenieur von Electrical Audio, einem über alle Maßen herausragendem Tonstudio in Chicago mit nahezu mystischem Ruf.

Steve Albini hat nach eigenen Angaben an “wahrscheinlich 1500 Alben” mitgewirkt und hat nachhaltigen und maßgeblichen Einfluss auf Genres wie Noise Rock, Post-Hardcore und Math Rock. Er war und ist selber Musiker und hat seine Wurzeln irgendwo im Punk. Zu seinen Bands gehören unter anderem Big Black, Rapeman und Shellac. Als Toningenieur war er unter anderem tätig für Nirvana, Pixies, Mogwai, PJ Harvey, Jimmy Page, Helmet, Cheap Trick, Vecura Salt und viele, wirklich sehr viele andere. Sein Ruf im Business ist legendär.

Diese beiden, vielen völlig unbekannten Riesen, verbrachten 2016 10 Tage gemeinsam damit, Audioequipment in einem höhlenartigen Studio an die Grenzen zu bringen. Heraus kamen zwei Stunden Material, die jetzt häppchenweise veröffentlicht werden. Den Anfang macht die EP Threshold Of Faith.

Threshold Of Faith

Ben Frost Threshold Of Faith Review Credit Salar KheradpejouhWer Fan von E-Gitarren, Bass, Schlagzeug und Synthie ist, wird Threshold Of Faith völlig ratlos gegenüber stehen. Egal wie sehr Du glaubst, dass Dich Deine Musik fordert, Albini und Frost legen lässig einen drauf – und fangen dann an, die Latte höher zu legen. Auf diese Musik kann man sich nicht vorbereiten. Das, was hier passiert, ist kein brachialer musikalischer Kraftakt, der Dir mit Gitarrensoli das Hirn wegballert. Es ist keine sorgsam durchgestylte und glattgebügelte Mainstreamscheibe, die Du während der nächsten drei Monate zwischen den besten Hits der 80er, 90er und dem Geilsten von heute hören wirst.

Threshold Of Faith ist eine Wand. Es ist eine Wand, die sich mit der Zärtlichkeit und Zurückhaltung einer Dampfwalze durch Deinen musikalischen Horizont wälzt. Threshold Of Faith hinterlässt keine Schneise, sondern eine Ebene. Dies ist Musik, deren basales Funktionieren so verblüffend einfach wie vollkommen unverständlich ist. Aus beinahe kakofonischem Geräusch entsteht einer sich öffnenden Blüte gleich, Melodie, die so verblüffend fragil ist, wie die sie erzeugenden Klänge brachial sind.

Es ist kaum möglich, das zugrundeliegende Konzept mit Worten zu beschreiben, denn es entzieht sich allen gewohnten Mustern. Es gibt keine Bridge im herkömmlichen Stil. Da ist kein Solo, kein Refrain oder Chorus. Selbst das klare Benennen der spielenden Instrumente ist nahezu unmöglich. Und trotzdem steht unverkennbar klar Melodie im Raum, strahlend, schön und doch zerbrechlich und unnahbar.

Hypnotisches Chaos mit klarer Sturktur und unnachahmlicher Eleganz

Die hypnotische Wirkung der aus dem Chaos sprießenden Strukturen haben viel von Soundtrack, vielleicht auch Ambient und Minimal. Und doch sind sie wieder anders, schwerer zu fassen. Die Grenzen verschwimmen, lösen sich auf und hinterlassen ein Vakuum, in dem sich Sound ausbreitet und wie von selbst die Gestalt annimmt, die Du bereit bist, ihm zuzugestehen. Die Intelligenz und Kreativität, die hinter diesem Sounddesign stehen, sind mit den normalen Begriffen der Musikwelt kaum zu umreißen, geschweige denn zu fassen.

Ben Frost – Threshold Of Faith ist ein in sich geschlossenes und gleichzeitig grenzenloses Meisterwerk, das vorführt, wie eng gefasst und kleingeistig häufig Musik gedacht wird. Es ist Musik, die sich weder erklärt noch in irgendeiner Form eine Anleitung liefert. Sie überlässt nahezu alles Dir und bestimmt doch glasklar, wo vorne ist. Dies ist Musik, die Dir auf unbeschreiblich elegante Art zeigt, was Du alles nicht weißt.

Aber ganz unter uns: Weniger hätte ich den beiden auch echt übel genommen.

Ben Frost – Threshold Of Faith erschenit am 28.07.2017 bei Mute

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Ben Frost – Threshold Of Faith (Official Audio)

(Foto: Salar Kheradpejouh)

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