Benjamin Richter – Memory Lane

Emotionen und Klavier

Im Zusammenhang mit Caliban, Emil Bulls, Moonspell und so weiter ist Benjamin Richter durchaus bekannt. Allerdings als Produzent. Als Musiker kann man den Namen auch kennen, denn Benjamin Richter ist Live-Keyboarder bei Krypteria und begleitet auch Marc Terenzi bei dessen Touren. Sein Debüt-Album „The Grand Momentum“ schaffte es in die Charts. Jetzt Veröffentlich Benjamin Richter Memory Lane, sein zweites Album.

Memory Lane ist eine musikalische Reflektion, ein Spiegelbild von Musik in der Erinnerung und der Versuch, diese Erinnerungen mit eigenen Worten wiederzugeben. Okay, „Worte“ passt nicht so richtig, denn Memory Lane ist ein instrumentales Album. Da singt niemand. Und das ist auch gut so, denn ein Klavier entfaltet noch immer seine größte Wirkung, wenn es für sich wirken darf. Diese Wirkung zu nutzen versteht Benjamin Richter vortrefflich.

Ganz vorsichtig flankiert er seine Interpretationen verschiedenster Hits und Klassiker auf dem Klavier, mal mehr, mal weniger dezent begleitet von Synthies. Stimmung steht im Vordergrund, nicht Bombast. Memory Lane ist ein Album, das gerade an solchen verregneten Tagen wie heute eine nachgerade magische Wirkung entfaltet. Die Musik löst die Gedanken, lässt sie treiben, schweben. Ganz von alleine kommen Erinnerungen, ähnlich einer Galerie, sind kurz präsent, verschwinden wieder.

Memory Lane

Memory Lane ist ein Album, das den Blick in die Ferne und nach innen lenkt. Ohne große Gesten, ohne Pomp und Circumstance. Klar, wenn das Klavier in Schwung kommt, dann ist das schon auf seine Art beeindruckend. Aber es ist eben eine andere Art von beeindruckend. Ihre Wirkung entsteht eben nicht durch Immer mehr Instrumente und Effekte und hier noch was und da noch ein Tüdelü. Memory Lane zeigt, dass weniger mehr sein kann.

Vielleicht wäre das Album noch schöner geworden, wenn es auf jede Begleitung verzichtet hätte. Vielleicht hätte das noch mehr von der Magie eingefangen, die nur ein solo gespielter Flügel im Konzertsaal entfalten kann. Wer das noch nie erlebt hat: Auf die ToDo-Liste. Besuche ein Klavierkonzert. Empfehlung: Rachmaninow Klavierkonzert Nummer 2 in C Moll und Brahms Klavierkonzerte Nummer 1 + 2. Ich liebe Brahms.

Klassisch interpretiert

Benjamin Richter Memory Lane Review Credit Gregor HohenbergZurück zu Benjamin Richter. Die Wirkung seiner Interpretationen ist mitreißend und bezaubernd. Es ist Musik, die einfach da ist, ihr Wirkung einerseits durch die Bekanntheit des Originals aber eben auch durch die Interpretation auf dem Klavier entfaltet. Zwar ist Benjamin kein Virtuose am Klavier und kann einem Horowitz oder einer Hess sicher nicht das Wasser reichen. Aber seine Interpretationen sind gut und – was viel wichtiger ist – sie sind modern gehalten, um eine breite Zuhörerschaft erreichen zu können.

Unter Nerds mag man sich jetzt streiten, ob „wahre Klassik“ oder die Herangehensweise von Benjamin Richter – Memory Lane „richtig“ ist oder nicht. Ich finde, dass eine solche Diskussion aber am Kern der Sache vorbei führt. Erstens ist die Musik gute Musik, die beim Zuhören Emotionen auslöst. Zweitens kann nur solche Musik überhaupt als „gut“ empfunden werden, die überhaupt gehört wird und da leistet Benjamin Richter etwas, was der Klassik sehr gut tut: Es öffnet Türen und ermöglicht den zwanglosen Kontakt. Man kann einfach mal seine Füße ins Wasser tauchen und herausfinden, ob das nicht doch was für hier und da sein könnte. Insofern ist dieses Album großartig. Ob Fachleute der Klassik das nun auch so sehen oder nicht, ist mir ehrlichgesagt wumpe.

Langer Rede kurzer Sinn. Benjamin Richter – Memory Lane ist ein schönes Album, vielleicht hier und da etwas zu poppig. Insgesamt ist es einfach nur schön und passt hervorragend zum sich langsam doch etwas nachdrücklich ankündigenden Herbst, Keksen und einer schönen Tasse Tee am Fenster.

Benjamin Richter – Memory Lane erscheint am 11.08.2017 bei Sony Classical / Sony Music

Offizielle Webseite von Benjamin Richter

Künstlerseite bei Facebook

Benjamin Richter – Faded

(Foto: Gregor Hohenberg)

KEINE KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT