Beyerdynamic DT 770 Pro 80 Ohm

„Welchen Kopfhörer soll ich mir kaufen?“ Kaum eine Frage wird mir in der letzten Zeit so häufig gestellt. Die Antwort ist einfach und kompliziert zugleich. Genauso wie die Frage nach der bevorzugten Automarke, Scotch oder Bourbon oder der Lieblingsband ist die Antwort häufig eher eine Momentaufnahme der eigenen Meinung. Das gilt für Audioequipment noch viel mehr. Wir alle hören anders und haben andere Vorlieben in Bezug darauf, wie das klingen soll, was wir da hören. Das wiederum hat damit zu tun, wie unser Gehör funktioniert, welche Frequenzen wir überhaupt hören und wie gut wir die einzelnen Töne auflösen können. Was wir als idealen Klang, als „linearen Frequenzgang“ empfinden, ist nicht selten weit davon weg. Diskussionen über den „richtigen“ Klang sind deshalb unglaublich schwierig und oft sehr esoterisch.

Ich musste mir neulich neue Kopfhörer zulegen. Ähnlich wie schon bei meiner Suche nach dem richtigen Bürostuhl stellte ich schnell fest, dass der Markt schier unüberschaubar ist. Für zwischen fünf und 5.000 Euro sind problemlos Kopfhörer aller Art zu finden. Aus meinen Erfahrungen, die ich im Laufe der Jahre und im Sendebetrieb gesammelt habe, habe ich für mich ein recht klares Anforderungsprofil entwickelt.

Ein Kopfhörer muss robust sein. Er darf nicht kaputtgehen, wenn er mal vom Schreibtisch fällt. Und er muss reparierbar sein. Ein paar hundert Euro in den Eimer zu werfen, weil ein Teil für fünf Cent den Geist aufgibt, ist einfach nicht drin. Er muss leicht sein und einen angenehmen Tragekomfort bieten. Ich habe Kopfhörer oft zwischen zwei und acht Stunden am Stück auf. Da merkt man schnell jedes Gramm. Die Polster dürfen nicht kleben und müssen austauschbar sein. Alle Polster verschleißen, die klebenden noch schneller. Besonders die oben auf dem Kopf.

Der Kopfhörer muss voll gekapselt sein. Umgebungsgeräusche können mir schnell den Tag versauen, wenn ich versuche, mich in anspruchsvolle Musik hineinzuhören. Die Ohrmuschel muss das Ohr umschließen. Eine „zircumaurale“ Bauform drückt nicht auf dem („supraaural“) oder gar im Ohr („intraaural“). Die Kabelführung muss einseitig sein. Kabel auf beiden Seiten sind einfach nur nervig.

Das Klangbild des Kopfhörers hat so neutral wie möglich zu sein. Irgendwelche Bass-Booster oder Brillanzverbesserer versauen eher das Klangbild als dass sie es verbessern. Der Frequenzgang muss einen möglichst großen Anteil des hörbaren Frequenzspektrums abdecken. Ein Kopfhörer, der den Klang kastriert, nützt mir nichts.

Mit diesen Vorstellungen im Gepäck habe ich mich viele Monate mit der Frage herumgeschlagen, was denn für mich der „richtige“ Kopfhörer sein könnte. Ich habe viele verschiedene Modelle fast aller Hersteller ausprobiert, und der Großteil der von mir ausprobierten Kopfhörer lag schlicht und ergreifend weit außerhalb meines Budgets. Alles jenseits 200 Euro habe ich ausgeklammert, ebenso sämtliche schnurlosen Modelle, denn Akkus sind bei mir immer genau dann leer, wenn ich es am wenigsten gebrauchen kann.

Wenn ein Verkäufer im Gespräch mit dem Kunden über HiFi-Equipment die Begriffe „Pro-Audio“ oder „professionell“ verwendet, ist das meistens gleichbedeutend mit „ab hier reden wir über Geld!“ Als ich mich mit meinen Vorstellungen über meinen zukünftigen Kopfhörer auf die Reise machte, bekam ich das fast durchgehend als erste Antwort: „Im Consumer-Bereich finden Sie so etwas nicht.“ Oder auch: „Da müssen wir im Pro-Audio-Segment nachschauen“. Oder ganz schlimm: „Im professionellen Bereich gibt es so etwas vielleicht…“

Erstaunlich hektisch und erfindungsreich werden Audio-Verkäufer aber erst, wenn man sie auffordert, die gerade noch vollmundig angepriesene Stabilität und Haltbarkeit des Gerätes doch mal bitte praktisch vorzuführen. Mir half das, die Liste der infrage kommenden Hersteller ganz schnell auf unter zehn zusammenzustreichen. In einem ortsansässigen Fachgeschäft für Musikerbedarf war man da erstaunlich unerschrocken. Der Verkäufer griff ins Regal, riss einen nagelneuen Karton auf, warf den Kopfhörer mit Schwung in die Luft, ließ ihn an der Decke abprallen und ungebremst wieder auf den Fußboden knallen. Ich hob eine Augenbraue und sah zu, wie er den Kopfhörer ohne größeres Gewese aufhob und das Kabel abwickelte.

Zu sagen, dass ich beeindruckt war, ist eine glatte Untertreibung. Er gab mir den Kopfhörer, den ich argwöhnisch und intensiv begutachtete. Nichts. Keine Macke. Nicht einmal eine kleine Schramme war im nachtschwarzen ABS Gehäuse des erstaunlich leichten Kopfhörers zu sehen. „DT 770 Pro 80 Ohm“ stand dort in großen, zeitlosen, weißen Lettern. Die großen, grauen Ohrpolster fühlten sich verlockend an. Der Kopfhörer verströmte eine professionelle Aura. Alles an diesem Kopfhörer sagte mir: „Benutz mich!“

Meinem Wunsch entsprechend legte der Fachmann die neue Nine Inch Nails auf und überließ mir Kopfhörer und Anlage. Mit den Worten „Das ist ein Beyerdynamic. Etwas anderes verkaufen wir nicht“ ließ er mich alleine und kümmerte sich um die übrigen Kunden. Über Hesitation Marks von Nine Inch Nails habe ich an anderer Stelle schon genug gesagt. Ich wusste – ungefähr – was ich zu erwarten hatte. Ich stellte die Anlage ein, setzte mich hin und den Kopfhörer auf. Harmonisch und beinahe schon wie schon immer dagewesen schmiegte, nein, kuschelte sich der Beyerdynamic DT 770 Pro an meinen Kopf. Die entgegen ihres schon fast schlanken Profils erstaunlich großen Ohrmuscheln umschlossen problemlos meine Ohren. Erwartungsvolle Stille machte sich breit. Ich drückte „Play“.

Leise, ganz weit weg ein elektronisches Zirpen. Sollte etwa…? Ich drehte am Lautstärkeregler.

Was dann passierte, in welcher Reihenfolge und wie lange es dauerte, weiß ich nicht genau. Wie ein Güterzug überrollten mich Nine Inch Nails in nie zuvor erlebter Klarheit mit ihrem Hesitation Marks und ließen mich sprachlos und mit Gänsehaut im Sessel zurück. Dieser Klang war… wow. Holla. Da geht was. Ich wurde mutig und spielte weiter am Lautstärkeregler. Es wurde laut. Richtig laut. Aber erst weit oben, kurz vor der Markierung „ab hier für Schwachsinnige und Bekloppte“, wies der DT 770 Pro darauf hin, dass es auch für ihn irgendwann ein Zuviel gibt.

Der Tragekomfort war vom ersten Augenblick an großartig. Die akustische Feinzeichnung des Geräts phänomenal. Ich habe an der Musik Details entdeckt, die mir vorher nie aufgefallen waren. Die Abschirmung gegenüber der Außenwelt ist unglaublich. Nine Inch Nails und ich, wir waren dank des Beyerdynamic DT 770 Pro in unserer ganz eigenen, sehr persönlichen Welt, in die kein Geräusch von außen eindringen konnte.

Ich ließ das Album durchlaufen, und obwohl ich das Album eigentlich gut kenne, kam es mir vor, als hörte ich die Musik zum ersten Mal so, wie sich die Künstler das eigentlich gedacht hatten. Was mich dabei am meisten überraschte: Es war gar nicht notwendig, den Verstärker weit aufzudrehen. Selbst niedrige Lautstärkestufen reichen völlig aus, um den Kopfhörer alles darstellen zu lassen, was da ist, ohne etwas dazu zu dichten, was nicht dahin gehört. Mich beeindruckt besonders die Neutralität des DT 770 Pro. Er klingt ehrlich, aber nicht distanziert, unaufgeregt, keinesfalls hysterisch, aber eben auch nicht stumpf oder fade. Bässe und Höhen fühlen sich sauber an und wirken glatt, aber weder überzeichnet noch matschig. Im extremen Grenzbereich zerrt und klirrt er schon, aber wir reden hier von Lautstärken, bei denen sich viele Hifi-Edel-Luxuskopfhörer längst in ihre Komponenten zerlegt haben.

Nach über anderthalb Stunden setzte ich beinahe schon widerwillig den Kopfhörer wieder ab. Die circumaurale Bauform lässt zwar das Ohr warm werden, aber die von anderen Kopfhörern mit dieser Bauart gefürchtete „Ohrsauna“ fehlt komplett. Der Anpressdruck ist zwar spürbar, aber nicht unangenehm. Der Kopfhörer sitzt fest genug, um nicht zu schlackern oder zu kippen, gleichzeitig aber leicht genug, um nicht zu nerven. Die für mich ungewohnten Velourspolster tragen erheblich zum Komforterlebnis bei.

Kurz gesagt: Ich bin begeistert. Vollkommen begeistert war ich dann aber, als ich – den Beyerdynamic DT 770 Pro in der Hand – wieder beim Verkäufer stand und meine Wunschliste auspackte. Jeden einzelnen meiner Punkte (siehe oben) nickte der Verkäufer ab. Bei der Frage nach den auswechselbaren Polstern musste der Verkäufer lachen. Er erklärte mir, dass jedes einzelne Teil dieses Kopfhörers austauschbar und als Ersatzteil erhältlich ist – wenn man es entgegen jeder Wahrscheinlichkeit doch schaffen sollte, etwas an diesem Kopfhörer kaputtzukriegen.

Der Beyerdynamic DT 770 Pro wird in mehreren Varianten angeboten. Es gibt den Kopfhörer wahlweise mit drei Meter langem geraden oder Wendelkabel (jeweils mit 3,5mm Stereoklinke und aufgeschraubtem 6,3mm Adapter) in 32 Ohm (für akkubetriebene Mobilgeräte), 80 Ohm („all around“) und 250 Ohm (Mischpulte und Kopfhörerverstärker), wahlweise mit und ohne Limiter. Preis? 80 Ohm, 3m gestrecktes Kabel, ohne Limiter 179 Euro ab Werk (oder 159 Euro Straßenpreis). Mit Limiter (nur für 80 und 250 Ohm lieferbar) steigt der Preis auf 190 (80 Ohm) bzw. 250 Euro (250 Ohm) ab Werk (Straßenpreis niedriger).

Ich habe mir nach langen Diskussionen mit meinem Bankkonto schließlich die 80 Ohm Variante ohne Limiter zugelegt und kann grundsätzlich jedem mit gutem Gewissen dazu raten, es mir gleich zu tun.

Webseite der Firma: http://www.beyerdynamic.de/

Webseite zum Produkt: Beyerdynamic DT 770 Pro

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