Björk – Utopia

Von der Verletzung zur Genese

Vulnicura (2015) war geprägt durch Einsamkeit und Verlust. Das Album war eine Katharsis der Trennung, die Björk damals verarbeitete. Utopia, das neue Album von Björk, ist dagegen eine Art Wiedergeburt. Jeder Aspekt des Albums weist auf die Situation eines Neuanfangs hin. Dabei legt das Album einen Schwerpunkt auf die Probleme, mit denen jeder Neuanfang verbunden ist. Die Unsicherheit, unbekannte Wege zu gehen, Selbstzweifel über getroffene Entscheidungen, das Gefühl von Zerbrechlichkeit und auch von ungewollter Einsamkeit und Suche.

Auffallend ist auch, dass sich Björk nach der harschen Strenge des in vieler Hinsicht extremen Albums Vulnicura auf ihre Liebe zur Natur zurückbesinnt. Immer wieder werden Erinnerungen an Vespertine (2001) und Biophilia (2011) wach. Gerade im Vergleich mit Vulnicura fällt auf, dass Utopia von einer lebensbejahenden Einstellung geprägt ist, die bei aller Schwierigkeit der Situation auch Freude und Entspannung vermittelt.

Utopia

Utopia ist luftig, frei, schwebend. Björk vermittelt das Gefühl von Wiesen, Schmetterlingen, zwitschernden Vögeln und generell einer idealen Welt – eine Utopie. Es geht dabei allerdings nicht um die Welt um uns herum. Es geht um die Welt im Innern, wie sie in Claimstalker auch klar unterstreicht: “The Forrest is in me” – Der Wald ist in mir. Dennoch lässt das Album die endgültige Antwort offen. Immer wieder deuten die Songs die Gefahr des Scheiterns an, bekommen Ahnungen von Gefahr oder Dunkelheit, die unter der fragilen Kruste der neuen, oder besser: neu zu entdeckenden Welt lauern.

Björk entwickelt die Themen vorsichtig und allmählich. Es sind Situationsbeschreibungen, Schilderungen von einzelnen Schritten eines langen Prozesses. The Gate befasst sich mit der Rückkehr ins Licht, Blissing Me deutet eine neue Liebe an und Courtship, der vielleicht eingängigste Song des Albums, stellt den Neuanfang, die neue Suche nach Liebe, Glück, Beziehung, Zweisamkeit und so weiter in den Vordergrund.

Das größere Bild

Um all das ist der große musikalische Rahmen gesteckt, dass Utopia ein fernes Land ist, von dem man zwar erzählen kann, das letztendlich abe jeder für sich selbst entdecken muss. Ob Dein Utopia so aussieht, wie das von Björk, bleibt dabei offen. In jedem Fall bleibt Utopia ein zerbrechlicher, empfindlicher Ort, der viel geben kann, der Heilung und Schutz bieten kann. Allerdings kommt dieser Ort nicht ohne weiteres zu Dir. Du musst Dich selbst auf die Reise dorthin begeben. Es wartet zwar auf Dich, wird Dir helfen, aber den Weg dorthin musst Du beschreiten. Abgeholt wirst Du nicht.

Gleichzeitig ist Utopia aber auch keine Welt, in der man ewig leben kann. Zu weit ist Utopia von der wirklichen Welt entfernt. Ein ewiges Leben in Utopia ist kein Ideal, kein Dauerzustand. Es ist eine Phase, vielleicht ein Urlaub oder eine Art Kur, wenn man so will, der Dir als letztes Refugium vorübergehend Zuflucht bietet. Letztendlich aber bereitet Dich Utopia nur darauf vor, in das “echte” Leben zurückzukehren. Vielleicht spiegelt der Kontrast zwischen Vulicura und Utopia auch die Landschaft Islands wieder, die mal harsch und feindlich, mal märchenhaft schön sein kann, und doch ist beides Teil desselben.

Utopia ist Björk-typisch anspruchsvoll. Ihre kindliche Unschuld und Neugierde hat Risse bekommen. Es sind Andeutungen, die auf langfristige Veränderungen schließen lassen. Eine dunkle Präsenz tritt auf Utopia immer wieder in Erscheinung. Kaum einer der Songs des Albums dürfte zu einem Club-Hit werden, denn der Musik fehlt all das, was Dancefloorfiller ausmacht. Allerdings hätte mich ein solches Album von Björk auch mehr als verwundert. Utopia ist eine erfreuliche Hinwendung zum Positiven und es zeigt, dass Björk bei allen Problemen, Herausforderungen und Tiefen insgesamt ihre musikalische Ausrichtung und grundsätzlich positive Einstellung keinen dauerhaften Schaden genommen haben.

Björk – Utopia erscheint am 24.11.2017 bei Embassy of Music / Warner

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björk: blissing me

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