Boy – We Were Here

Boy – We Were Here ist ein Album, bei dem ich nicht recht weiß, was ich davon halten soll. Musikalisch irgendwo zwischen butterweichem Rock und seichtem Poprock angesiedelt spielen die Mädels sehr entspannt. Handwerklich auf hohem Niveau tropft die durchproduzierte Musik direkt ins Langzeitgedächtnis und dockt dort an all den Erinnerungen an, die deine feminine Seite unterstreichen: Das Familienfrühstück letzten Sommer im Garten, die neuen lustigen Flipflops, die angeregte Diskussion über den letzten Handtaschenkauf.

Es ist Musik, die gleichermaßen gefällt und weh tut. Sie spielt gnadenlos alles schön, erstickt jede Kritik mit einem Teppich aus Flausch und Kuschelflaum. Wenn Dir Deine Stadt nicht gefällt, dann tu doch so, als sei es New York und geh lustig shoppen, dann ist der Tag toll. Das ist zwar einerseits ganz fein, denn Optimismus halte ich für eine wichtige und erstrebenswerte Eigenschaft. Jedoch gibt es einen Punkt, an dem es mir einfach zu viel wird, an dem der Optimismus in kritiklose Jasagerei umkippt.

Boy – We Were Here ist herausragend gut produziert und handwerklich auf ganz hohem Niveau. Es ist ein nahezu perfekt produziertes Album, sauber eingespielt, sauber gesungen und sauber abgemischt. Was mich stört ist das völlige Fehlen jeglicher Ecken und Kanten. Für mich als Kerl wirkt die Musik wie die Frau, die mir einreden will, ich müsse mich nur zu meiner weiblichen Seite bekennen, damit sie ihre Ruhe hat.

Höre ich dem Album aber länger als für ein oder zwei Lieder zu, denke ich automatisch an jene Frauen, deren Lebensprobleme sich in der Debatte um die letzte Affäre irgendeines „Stars“ erschöpfen und jenen zwanghaft grinsenden Werbeschönheiten, deren Leben offenbar erst durch die Wahl des richtigen Shampoos wirklich lebenswert wird. Beinahe wirkt die Musik, als wäre sie speziell für die Fernsehwerbung von Familienkutschen oder laktosefreiem Bioveganjoghurt produziert worden.

Boy – We Were Here ist ein perfektes Album, das nebenher im Büro dudeln und auf diesem Weg viele Liebhaberinnen finden wird. Es passt eigentlich immer als positive Hintergrundmusik, die mir ein wenig zu zwanghaft versucht, die Illusion eines schönen Lebens einzureden.

Boy – We Were Here erscheint am 21.08.2015 bei Rough Trade / Good To Go

Webseite: http://listentoboy.com

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