Casablanca – Miskatonic Graffiti

Bei „Casablanca“ denkt wohl jeder zuerst an diese Stadt in Marokko und den gleichnamigen Film mit Ingrid Bergman und Humphrey Bogart. Um die geht es hier und jetzt allerdings nicht. Stattdessen geht es um die aus Schweden stammende Rockband „Casablanca“. Diese Band setzt sich zusammen aus Mitgliedern verschiedener anderer Bands, von denen mancher vielleicht schon mal gehört hat: Josephine Forsman von „Sahara Hotnights“ (Schlagzeug), Erik Stenemo von „Melody Club“ (Gitarre), Anders Ljung von „Space Age Baby Jane“ (Gesang), Ryan Roxie von „Roxy 77“ (Guitarre), Erik Almström von „Bullet“ (Gitarre) und Mats Rubarth (Bass) der zwar nicht in einer Band, dafür aber bei Allmänna Idrottsklubben, Schweden, Fußball gespielt hat.

Casablanca hat bereits zwei Alben veröffentlicht, 2012 Apocalyptic Youth und 2014 Black Swan. Beide waren mindestens bemerkenswert, wobei Black Swan für mich Maßstäbe gesetzt hat, an denen sich die Band messen lassen muss. Jetzt erscheint Miskatonic Graffiti und die Band strengt sich mit diesem Konzeptalbum an, das von mir innig verehrte „Weathersystems“ auf die Plätze zu verweisen.

Mit Miskatonic Graffiti möchte Casablanca dem geneigten Zuhörer die Mythen der „Alten“ nahebringen, meint damit aber weniger jene bemerkenswert wertvollen Geschichten, die wir der häufig hinter unserem Rücken über uns als „die Alten“ redenden, undankbaren Brut weiterzugeben versuchen. Vielmehr widmet sich Casablanca dem Herrn Lovecraft und seinem Cthulhu Mythos. Das Album ist deshalb in drei Abschnitte unterteilt: Enter The Mountains, The Mountains und – wer hätte es gedacht – Exit The Mountains.

Wer sich mit H. P. Lovecraft und seiner erfrischend-fantastischen Welt wider Erwarten nicht nicht auskennt, dem sei empfohlen, in möglichst dunkler Nacht an einem einsamen Ort, so weit entfernt von jeglichem anderen Lebewesen wie irgend möglich, bei Kerzenschein, bevorzugt im Spätherbst oder Winter, ein paar grundlegende Werke zu studieren und zu verinnerlichen. Zum Beispiel „Die Farbe aus dem All“ (The Colour Out of Space) oder „Berge des Wahnsinns“ (At the Mountains of Madness) oder vielleicht „Die Traumfahrt zum unbekannten Kadath“ (The Dream-Quest of Unknown Kadath). Und natürlich „The Call of Cthulhu“ und „Schatten über Innsmouth“ (The Shadow over Innsmouth).

Natürlich ist der Versuch, H. P. Lovecraft musikalisch zu beschreiben, oder vielleicht seine Welt zu vermitteln, ein Wagnis. Eine ganze Reihe Musiker haben sich daran bereits versucht – mit wechselndem Erfolg. Casablanca schafft immerhin das Kunststück, nicht nur mit dem Thema zu landen, sondern auch musikalisch Bemerkenswertes zu vollbringen und mich nachhaltig zu begeistern. Zwar ist es anders als das von mir verehrte Weathersystems, aber es spielt in derselben Liga. Qualitativ und musikalisch eher ein Dickschiff.

Die Musik bewegt sich manchmal auf dem Grat zwischen musikalischem Blödsinn und Genialität, doch schafft es Casablanca, dass die Musik nie entgleitet und wirklich albern wird. Die Band beschreibt ihr Konzept als Verbindung aus Ziggy Stardust trifft H. P. Lovecraft in Twin Peaks. Dies im Gedächtnis zu behalten hilft, allerdings kann auch der Genuss verschiedener unterstützender Substanzen eventuell förderlich sein. Gelegentlich wurde für Vorsichtige auch das Schnüffeln an Eddings empfohlen, Mutigeren dagegen eher der Griff zu Altbewährtem.

Einige Tracks, wie zum Beispiel „Closer“, werden die Fans des klassischen Rock ansprechen und über das ganze Album verteilt gibt es immer wieder Passagen, die in diese Richtung gehen. Allerdings ist Miskatonic Graffiti insgesamt eher kein „Classic Rock“ Album. RE: Old Money zum Beispiel ist eher melodischer Rock mit einer stark melancholischen Grundstimmung. Denk an Vain und verheirate das mit einer epischen Variante von 30 Seconds to Mars, die Besuch von The Used hatten.

Bei allem Experimentieren macht die Band zwischendurch richtig was los. Tracks wie „Name Rank Serial Killer“ haben was von der Art Rock, die ich in Kneipen am südlichen Teilstück der Route 66 erwarten würde: Irgendwie dreckig, staubig, mit Sonne und Hitze und doch mit einem Touch Mainstream.

Man muss sich auf das Album einlassen, genauso wie man sich auf die ziemlich verworrene Welt von H. P. Lovecraft einlassen muss, um mit dessen Romanen klarzukommen. Wenn Du das aber geschafft hast, dann hast Du eine Goldader gefunden: Miskatonic Graffiti wird Dir jede Menge Spass und Freude bereiten wird. Wenn nicht, dann hast Du trotz allem ein verdammt gutes Rockalbum in der Hand, das Dich vielleicht doch zum Nachdenken anregt.

Casablanca – Miskatonic Graffiti ist erschienen am 02.10.2015 bei Despotz (Cargo Records)

Webseite (Facebook): https://www.facebook.com/casablanca

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