Covenant – The Blinding Dark

Der Wind dreht, und er ist kalt

Drei Jahre nach Leaving Babylon legen mir Covenant heute The Blinding Dark auf den Tisch. Die schwedische Band, bestehend aus Andreas Catjar, Daniel Jonasson, Joakim Montelius, Daniel Myer and Eskil Simonsson, hat in letzten Jahren wahrlich nicht auf ihren Händen gesessen. The Blinding Dark ist kein neues Modern Ruin oder Northern Light. Die Musik trägt zwar die unverkennbare Handschrift der Covenant „von damals“ in ihren Genen, aber es ist einiges passiert und vieles hat sich verändert. Die Musik von Covenant ist heute analytischer, kühler, vielleicht auch klarer definiert und lässt den Autoren dieser Zeilen inmitten pulsierender Beats und komplexer Synthie-Läufe gleichermaßen begeistert wie nachdenklich zurück – eine Leistung, die nicht vielen Musikern gelingt.

Mit The Blinding Dark dreht Covenant den eigenen Stil. Covenant verlässt die sicheren Fahrwasser eingängig schlichter E-Pop-Beats mit angedeutetem Gothicaroma hin zu einer gefühlten, formlosen Dunkelheit, die weit über das hinausweist, was der typische H&M-Quoten-Gothe unter bedrückender Existenzangst verstehen kann. Die Stücke sind deutlich anspruchsvoller, fordernder und sprechen eine andere musikalische Sprache als zum Beispiel Call The Ships To Port. Komplizierte Gedankengänge, die sich eher durch die Bilder als durch Worte erklären lassen, eine tiefgreifende Nachdenklichkeit und Fragen an sich selbst kennzeichnen The Blinding Dark. Gerade der nach innen gerichtete Blick wirft Fragen auf, die die Band nicht direkt formuliert. Covenant überlassen es dem Zuhörer, aus dem Gehörten eigene Schlüsse zu ziehen, eigene Fragen und vielleicht Antworten darauf zu finden. Daraus folgt schon fast zwangsläufig, dass die Band den Zuhörer auch nicht eben einen Blindenhund an die Hand gibt, um die Musik zu erfassen, von „verstehen“ ganz zu schweigen. Gerade deshalb ist es nahezu unmöglich, sich dem Sog des Albums zu entziehen.

Covenant legen es auf Kontroversen an

Die Songs sind eben nicht darauf getrimmt, mit Gewalt zum nächsten Clubcharthit zu werden. Stattdessen machen Covenant Musik, die ihre Zuhörer an einem bestimmten Punkt abholen kann. Wer an diesem Punkt noch nicht angekommen ist, wird etwas ratlos daneben stehen. Der Song Rider On A Wild Horse ein herausragendes Beispiel einer meisterhaften Komposition aus widersprechenden Emotionen, wie man es so von Covenant bisher nicht kannte. Der Song Dies Irae hingegen greift einerseits Stilelemente von Yello und Jean-Michel Jarre auf, weckt aber auch verhalten Erinnerungen an frühere Werke von Covenant. Dennoch erschafft gerade dieser Song gleichzeitig etwas gänzlich Neues, dass sich dann völlig unerwartet einfach in ein Nichts auflöst.

frischer Wind

Die Band hat ihre Kreativität eindrucksvoll neu ausgerichtet. Die Musik von Covenant ist heute ein Spiegelbild einer komplizierten Welt, mal gebrochen, mal verzerrt, mal bedrückend, mal energetisch. Die Linie, der Covenant mit The Blinding Dark folgen, gefällt mir sehr. Sound Mirrors dürfte den Fans der älteren Stücke eher zusagen. Mir gefällt aber gerade das komplizierte Wechselspiel sehr viel besser, an das sich Covenant jetzt herantrauen. The Blinding Dark ist ein Album, das Fans polarisieren wird. Wer ein zweites Ritual Noise oder Call The Ships To Port erwartet, wird gnadenlos enttäuscht. Diese doch etwas sehr in die Jahre gekommenen Beatkaskaden eignen sich einfach nicht dazu das auszudrücken, was Covenant heute ausdrücken wollen und vielleicht ihrer inneren Überzeugung folgend ausdrücken müssen.

The Blinding Dark ist trotz der ungewohnt modernen und neuen Orientierung der Band ein starkes, wenn nicht sogar das stärkste Album der Band. Es ist authentisch, ehrlich und überzeugend. Die Musik ist gereift, intelligent und herausfordernd. Das Album richtet sich nicht an den Teenager, der das tumbe Geballere nahezu monotoner Beatwiederholungen sucht. Trotzdem sind fast alle Songs des Albums sehr clubtauglich und tanzbar. Die Frage ist nur, ob das Publikum schon so weit ist, der Band zu folgen.

Covenant – The Blinding Dark erscheint am 04.11.2016 bei Dependent / Alive

Offizielle Webseite von Covenant

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Covenant – The Blinding Dark (Making Of part I) – Sound Mirrors

1 KOMMENTAR

  1. „H&M-Quoten-Gothe“ *dankbar für die Rückenlehne sei, die Un- und Umfall verhindert vor Lachen*

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