Dave Clarke – The Desecration of Desire

Wenn Techno reift

Dave Clarke war zur Jahrtausendwende einer der ersten und gleichzeitig produktivsten Technoproduzenten aus England. Seine Remixe von Depeche Mode, Moby, Underworld und Laurent Garnier sind auch außerhalb der Szene erfolgreich geworden. In der Clubszene war er eine Größe: Kaum eine Party ohne irgendwas aus seiner Feder. Das ging so weit, dass die BBC ihn „Baron des Techno“ nannte. Immer wieder veröffentlicht er Remixe und Sets, aber eigene Alben sind rar. Vierzehn Jahre nach Devil’s Advocate erscheint von Dave Clarke The Desecration of Desire. Und ja, ich war skeptisch bis weit hinter Meppen.

Ich hatte meine eigene intensive Electro-Dance-Techno-Phase. Mit beinahe allem, was dazu gehört. Mit den Werken von Yello und Jean-Michel Jarre im Rücken war Techno für mich die Blütezeit elektronischer Kreativität, in der ich musikalisch einiges entdeckte und dazulernte. Einige Künstler und Projekte sind mir während dieser Zeit ans Herz gewachsen. The KLF (The White Room), Sven Väth mit seinem The Harlequin, The Robot and The Ballet Dancer genauso, wie Kruder & Dorfmeister mit ihrer legendären The K&D Sessions. Aber auch Autechre, Amon Tobin (ich sag nur The Anvil Song!) oder Juno Reactor und einige mehr. Irgendwann entwickelte sich das alles für mich aber zu sehr in Richtung EDM. Es wurde mir zu belanglos. Mir fehlten der Anspruch und auch das Individuelle, das wirklich Kreative. Techno verlor seinen Reiz für mich und verschwand im Archiv.

Meine erste Reaktion auf die Ankündigung, Dave Clarke würde ein neues Album veröffentlichen, war harsch, negativ und voreingenommen: Braucht es wirklich ein weiteres Pseudo-Techno-Album? Will noch jemand verzweifelt die Zeit von ’95-’05 wiederbeleben? Das Album blieb ungehört liegen. Es war aber gerade diese Voreingenommenheit, die mir keine Ruhe ließ. Einerseits verbinde ich mit gerade der Zeit einige für mich entscheidende und deshalb wertvolle Erlebnisse und Erinnerungen, andererseits war diese Phase für mich musikalisch nicht weniger prägend, als meine ersten Kontakte mit U2 und Pearl Jam zehn Jahre früher.

The Desecration of Desire

Vorbelastet mit dieser profund zerrissenen Skepsis hatte das Album von Dave Clarke The Desecration of Desire eine alles andere als ideale Ausgangsposition. Ich war drauf und dran, das Album in einem Dutzend kurzer Skips für mich abzuhaken und alle meine Befürchtungen bestätigt zu sehen. Aber The Desecration of Desire ist eben genau so nicht. Ich habe ein Club / Dance / Happy-Rave / Hyper-Hyper / Leck mich am Arsch Hauptsache Party Album erwartet. Was Dave hier allerdings hinlegt, ist davon so weit weg, dass ich gezwungen bin, das Album nicht nur meiner Nachbarschaft vorzustellen, sondern auch mit neuer Faszination darüber nachdenke, was eigentlich aus Techno geworden ist.

Angesichts der Tatsache, dass The Desecration of Desire aus derselben Feder stammt, wie What Was Her Name, Southside oder The Bomb könnte meine Überraschung kaum größer sein. Der Stil ist komplett anders. Das Feeling ist komplett anders. Das Ambiente ist völlig anders und die Stimmung hat mit den vorher genannten Stücken überhaupt nichts gemein. Dieses Album kehrt zurück zum Underground, ist durchzogen von dekonstruierten Rhythmen, stellenweise beinahe experimentell.

Das Feeling ist eher dunkel. Allerdings nicht das Gothic- oder Doom/Death-morbide „dunkel“. Es geht nicht um das Zelebrieren von Tod und Verzweiflung. Im Gegenteil. Diese Musik will in dunklen Clubs oder Hallen gespielt werden, will harte Schlaglichter, Nebel. Bei dieser Musik geht es nicht darum zu sehen und gesehen zu werden. Hier geht es darum, zu fühlen. Es ist Musik, die in dir drin funktioniert und dort etwas macht.

Die andere Art von Dancefloor

Dancefloor? Ja und zwar absolut. Allerdings nicht diese Art von Dancefloor, wie sie Wonderland, Nature One, Fusion & Co. verbreiten. Insofern ist The Desecration of Desire schon EDM, denn die Musik ist elektronisch und sie ist genial tanzbar. Aber sie ist eben nicht das, was EDM heute behauptet zu sein. Dave Clarke traut sich, andere Musik zu machen, als er sie sonst macht. Vielleicht ist dieses Album die Art Musik, die tief in ihm drin schon immer das war, was er eigentlich machen wollte. Vielleicht hat es diesen Unfall in Serbien gebraucht, um das auszulösen. Vielleicht kam er zu der Überzeugung, dass Konfetti und lustige Gemüse-und-Schirmchen-Drinks doch nicht alles sein können.

Das Album spricht in Fragmenten und Versatzstücken, die thematisch bei allem Kontrast doch wieder sehr nah beieinander sind. Das Spektrum der angerissenen Ideen zeigt, was Dave Clarke in den inzwischen fast 30 Jahren seiner Kariere alles gesehen und gelernt hat. Und ja, der wahrscheinlich obligatorisch Exkurs in den Rave ist auch dabei, aber er passt in das Album. Gerade an diesem Track wird der extreme Kontrast deutlich, der Bruch zwischen dieser Welt und der anderen, die scheinbar so weit auseinander liegen und am Ende doch ganz eng zusammen liegen.

The Desecration of Desire ist ein bemerkenswertes Album, das mehr als eine Zielgruppe anspricht, weil es vermutlich gar keine spezielle Zielgruppe hat. Es spricht sowohl zu den Ravern als auch zu den Schwarzmantelträgern. Es chillt, es breakbeated, es samplet, es loopt, kurz gesagt, es macht alles, was die EDM-Szene seit Jahrzehnten macht, nur eben anders. Vielleicht ist es gerade deshalb eines der wegweisendsten Alben der letzten Jahre, zumindest für die EDM.

Dave Clarke – The Desecration of Desire erscheint am 27.10.2017 bei BMG / Warner Music

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