David Bowie – Blackstar: Denk nach. Schaffe Neues. Gib es weiter.

Diesseits und Jenseits

David Bowie – Blackstar ist das letzte Album des Ausnahmetalents, das kurz vor Bowies Tod am 10. Januar 2016 veröffentlicht wurde. Bowie, bekannt für seine Wandlungsfähigkeit, hielt seine Krebserkrankung während der Entstehung von Blackstar geheim. Jetzt allerdings, mit dem Wissen, dass ihm sein eigenes Ende bewusst gewesen sein muss, wirkt das Album anders, erhält manches einen anderen Sinn.

Die Musik von David Bowie war immer extravagant und oft herausfordernd. Blackstar ist da keine Ausnahme. Die Musik ist weit weg von dem, was für gewöhnlich im Formatradio gedudelt wird. Schon der fast 10 Minuten lange, namensgebende Track des Albums, “Blackstar”, ist eine Herausforderung auf allen Ebenen – die übrigen Songs des Albums sind nicht minder schwer zu verdauen.

Blackstar

Blackstar macht komplexe Stilcollagen zum zentralen Instrument von Bowies Musik. Rock, Soul, Pop, Funk und vor allem Jazz werden übereinandergelegt, ineinander verschachtelt. Die Musik, die Bowie geschaffen hat, lässt erahnen, dass er etwas erschaffen, der Welt seine Ideen vielleicht ein letztes Mal vermitteln, über das jetzt hinausweisen, der Musikwelt Anstöße geben wollte. Gemessen an meiner Verwirrung und Anstrengung, die ich aufbringen muss, um mir dieses Album zu erarbeiten, ist ihm das gelungen.

Erwartungen

David Bowie im StudioWer Musik erwartet wie China Girl, Let’s Dance oder Ziggy Stardust, wird kaum fündig werden. Zwar sind Elemente dieser Phasen immer wieder präsent, werden immer wieder neu angedeutet, doch diese Konzepte werden mit neuen Ideen kombiniert, zu etwas Neuem gemacht. Der vielleicht noch massentauglichste Song dürfte “Lazarus” sein. In diesem Lied wird der Gedanke an Tot und Vergänglichkeit noch am ehesten konkret greifbar, klar formuliert. Die Umsetzung ist am nächsten dran an dem, was der normale Musikkonsument kennt, verkraftet und wahrscheinlich bereit ist, sich zu erarbeiten.

Aber Songs wie “‘Tis A Pity She Was A Whore”? oder “Sue”? Eher nicht die Lieblingsmusik eines Helene Fischer verwöhnten Musikempfindens. Ich bin mir sicher, dass Blackstar bei den meisten aus ähnlichem Grund im Regal stehen wird, wie Hawkings “Eine kurze Geschichte der Zeit”: Es sieht gut aus und vermittelt einen Hauch von Exklusivität und Intellektualität. Die breite Masse wird diese Musik nicht nur nicht genießen, sie wird sie nicht einmal ansatzweise verstehen. Blackstar ist ein Werk jenseits des Gewohnten, jenseits des Bewährten und jenseits jeder Erfolgsgarantie – und gerade deshalb ist es bahnbrechend, ein letztes Mal “typisch Bowie”.

David Bowie – Blackstar ist für mich auch deshalb ein faszinierendes Album, weil es meine eigenen musikalischen Gewohnheiten und meine eigenen Erwartungen an Musik auf eine harte Probe stellt. Verkrafte ich wirklich die Kombination aus Bigband-Bläsern mit Synthie-flächen auf Breakbeat? Warum stören mich die Jazztrompeten in diesem Track, an dieser Stelle? Welchem Rhythmus muss ich folgen um mir den Song zu erschließen, dem der Drums, dem der Gitarren oder dem des Gesangs? Und warum passt das alles nicht zusammen?

In den Tiefen des Kaninchenbaus

David Bowie LazarusEs hat gedauert, bis ich meinen eigenen Schlüssel zu Blackstar gefunden habe und wenigstens einen ersten Zugang hatte. In dem Augenblick, als ich die Elemente der Musik als Einheit wahrnehmen und annehmen konnte, veränderte sich Blackstar vollständig. Aus einem wirren, unstrukturierten Gedudel mit mal unzusammenhängendem Gejammer, mal verblüffen kraftvollem Gesang, der nur wieder gar nicht zum Rest passte, wurde mit einem Mal ein Werk, das eine ganz eigene Innenwelt transportiert, das in einem Song mehr Ideen verdichtet, als viele Musiker in ihrer ganzen musikalischen Kariere haben werden.

Dennoch kann ich keine Anleitung geben, wie man seinen Schlüssel zu David Bowie – Blackstar findet. Er ist vielleicht verborgen in der eigenen Welt der Musik, in den Fragen, die man bereit ist zu stellen, in den Zweifeln, die man bereit ist, seinen eigenen Vorlieben entgegenzubringen. Vielleicht spielt auch eine Rolle, wie und ob man sich überhaupt öffnen kann, denn auf seine Art ist Blackstar auch Kritik an der Musik und am Musikkonsum von heute, zeigt Schwächen und Versäumnisse auf und erzwingt die gedankliche Auseinandersetzung damit.

In dem Bewusstsein, dass das eigene Ende real ist, muss Bowie gearbeitet haben wie ein Besessener. Manchen Passagen ist das Getriebene, das Rasende, anzumerken, das Gefühl von Sand, der unaufhaltsam durch die Finger rinnt. Erinnerungen und Ängste sind immer wiederkehrende Inhalte, aber auch Bedauern über Versäumnisse und Fehler. Dennoch ist es die Summe all dessen, was Bowies Musik zu dem macht, was sie ist: Bowies Musik und Bowies Leben sind eins.

Erkenntnis

David BowieBlackstar ist ein letztes Aufbäumen gegen das Unvermeidliche. Bowies Verzweiflung ist immer wieder spürbar, greifbar. Aber es ist tatsächlich nicht in erster Linie die Verzweiflung darüber sterben zu müssen. Bowie deutet immer wieder an, dass der Tot auch eine ersehnte Befreiung ist. Es scheint mir vielmehr die Verzweiflung darüber zu sein schon jetzt sterben zu müssen, nicht mehr genug Zeit zu haben, nicht mehr alles sagen, zeigen und weitergeben zu können. Gerade der Song “I Can’t Give Everything Away”, der stets zwischen “I Can’t Give Everything” und “I Can’t Give Everything Away” schwingt, macht das deutlich.

David Bowie – Blackstar ist ein Erbe, ein Geschenk. Obwohl ich mich seit Tagen mit diesem Album intensiv beschäftige, bin ich weit weg davon sagen zu können, dass ich es begriffen hätte oder verstanden. Immer wieder bin ich hart an der Grenze der Überforderung und manchmal verzweifle ich an der schieren Genialität des Angedeuteten. Blackstar ist kein Album, in dem der Tod als solcher betrauert wird. Es geht vielmehr um die Zeit, die man verloren hat, die man nicht mehr hat, um Dinge zu erledigen, Geschichten abzuschließen und weiterzugeben, was man weitergeben kann. Erst einem Sterbenden wird wirklich klar was gemeint ist mit “das letzte Hemd hat keine Taschen” und was der Sinn des Lebens wirklich ist.

David Bowie – Blackstar ist erschienen am 09.01.2016 bei Sony

Webseite: http://www.davidbowie.com/

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