Dead Letter Circus – Aesthesis

Die Hand am Messer

Bei Progressive Rock denke ich nicht als aller erstes an Australien. Doch Down Under hat einige beeindruckende Prog-Rock Bands zu bieten, insbesondere Dead Letter Circus, die immer wieder in den Top5 des Landes auftauchen. Warum schafft es die Band in ihrer Heimat immer wieder auf die Spitzenplätze der Charts, während sie bei uns nahezu unbekannt bleibt? Ich vermute das liegt daran, dass Progressive Rock bei vielen den Ruf hat, musikalisch zu verkopft zu sein und dafür bei den Texten auf der Strecke zu bleiben.

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Dead Letter Circus versuchen mit Aesthesis ein anspruchsvolles Kunststück. Die Band will mainstreamtauglicher klingenden Progressive Rock mit Texten aus den finstersten Ecken des Lebens in die Charts bringen. “Ja, sicher.” höre ich mich schon sagen, noch bevor auch nur eine Sekunde ich in das Album reingehört habe. “Das kann ja gar nicht gehen!”

Wenn ich daneben liege, dann richtig. Dead Letter Circus beweisen mit Aesthesis, dass Progressive Rock durchaus in ein mainstreamtaugliches Gewand passt. Wer jetzt allerdings darauf spekuliert, seichte Kost serviert zu bekommen, irrt. Aesthesis ist der in rosa Plüsch gehüllte und mit Glitzer und Einhörnern verzierte Vorschlaghammer in Händen eines ziemlich angepissten Gorillas.

Für Hardliner des typischen Progressive Rock wird Aesthesis weichgespült klingen. Dead Letter Circus klingen auf diesem Album immer wieder gefällig, um nicht zu sagen “soft”. Sie haben ihre Musik in ein Gewand gesteckt, das die Songs problemlos radiotauglich macht. Die Songs klingen harmlos, lullen Dich ein, verführen Dich zum Träumen – und dann knippst die Band das Licht aus.

Was stellenweise schon beinahe nach Kinderliedern klingt, sind Songs über tiefschwarze Themen. Fluffig-plüschig daherkommende Sätze wie “Your apathy puts your hand on the blade of the mother slain” (“While You Wait”) sind nicht gerade “Kindermusik”. Was nach melancholischem Herzschmerz klingt, ist nicht etwa tumbes Gesäusel, sondern echte Verzweiflung: “We live safe in our own comfort, sheltered and blind, desensitised” (“X”). Der Band geht es nicht darum, irgendeine verlorene Liebe zu beklagen. Vielmehr beklagt sie die grassierende Dummheit und Ignoranz der Menschheit insgesamt.

Früher – heute

Dead Letter Circus Bandfoto Twitter AesthesisIn Zeiten von Hashtags und Likes will heute niemand mehr mit Problemen konfrontiert werden. Niemand will sich mehr den Kopf darüber zerbrechen, was jenseits des Tellerrandes passiert. Alles soll schön und leicht sein, gefallen und um Himmelswillen nicht die Ruhe des eigenen, mit Gartenzwergen und Jägerzaun verzierten Vorgartens stören. Dem kommt Dead Letter Circus entgegen. Genau so klingt die Musik im ersten Moment scheinbar.

Doch gerade dann, wenn man sich darauf eingestellt hat, dass hier gefälliges Hintergrundgeplänkel auf technisch höchstem Niveau wohlfeil geboten wird, packt die Band aus und zeigt, wofür sowohl das “Progressive”, als auch das “Rock” in Progressive Rock stehen. Die Eleganz und Verve, mit dem die Band die Wechsel vollzieht, diese lässige Nonchalance, sind mindestens beeindruckend.

Bei Aesthesis nur auf den Klang zu achten, ist nur die Hälfte des Paketes. Erst zusammen mit den Texten wird die wahre Tiefe und Richtung des Albums klar und auch seine Aktualität. Aesthesis verbindet auf seine ganz eigene Art eine Seelenverwandtschaft mit Drones von Muse und Hannes Wader, obwohl es völlig anders klingt. Aesthesis ist ein Album, das mit ungewohnten Mitteln versucht gegen Ignoranz, Abschottung, blinden Gehorsam und generell alles anzugehen, was den Horizont auf einen Radius von Null reduziert und für einige dann ein Standpunkt ist.

Dead Letter Circus – Aesthesis erscheint in Deutschland am 22.04.2016 bei Rodeostar / SPV

Offizielle Webseite von Dead Letter Circus

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Dead Letter Circus – While You Wait (Official Video)

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