Deftones – Koi No Yokan: Sturmgepeitschte Gitarrensee

Nur weil der Rezensent krank daniederliegt, hören Bands nicht damit auf, ihre Musik zu veröffentlichen. Die Deftones beglücken mich in meiner Leidenszeit mit ihrer neuen Scheibe, worüber ich mich aufrichtig freue, denn die Musik der Deftones finde ich spannend. Das Album trägt den für mich überhaupt nicht eingängigen Namen Koi No Yokan. „Koi“ kenne ich von „Koi Karpfen“. Das sind überteuerte Goldfische. Der Rest? „No“… „Yokan“… vielleicht: „No You Can?“ Eine Parodie auf Obamas „Yes We Can“? Goldfischmusik? Wahlkampfparodie?

Die Wand aus Gitarre und Bass, die mich überfährt, haut mich nur deswegen nicht aus den Latschen, weil ich bereits liege. Meine Fresse! Das ist keine Kuschelmusik und wenn DAS Goldfischmusik ist, will ich sofort ein Goldfisch sein! Bockstark! Die Deftones liefern mit Koi No Yokan ein Rockepos ab, das phasenweise eine aggressive, beinahe verzweifelte Grundstimmung transportiert, die immer wieder durch beruhigende, ja sogar samtige, anschmiegsame Passagen durchbrochen wird. Großartig!

In einem Interview mit Artisan News erklärten Keyboarder Frank Delgado und Schlagzeuger Abe Cunningham von den Deftones die Bedeutung von Koi No Yokan: „Das ist eine Ahnung, dass sich zwei Menschen, die sich noch nie im Leben getroffen haben, in einander verlieben werden. Es ist nicht Liebe auf den ersten Blick, sondern es ist ein Gefühl. Es lässt sich nicht richtig aus dem Japanischen übersetzen.

Die Gitarren der Deftones auf Koi No Yokan sind massive Brecher auf einem Fundament von Schlagzeug und Bass und… Musik. Musik getragen von mehr Musik. Dynamische Wände. Wellen. Ozeanwellen. Genau: große, nein, riesige Ozeanwellen aus Musik, die über mich hinweg branden und mal seicht auf einem Strand aus Sound ausrollen, mal mit aller Macht gegen die Klippen donnern. Der Gesang von Chino Moreno ist wie die Schaumkrone auf den Wellen, mal brandende Gischt im tobenden Sturm, mal vereinzelt perlende Flocken auf sanfter Dünung. Die Dynamik und Stimmungswechsel von Koi No Yokan sind wie die See: Launenhaft und unberechenbar, doch immer wieder mit einer ganz eigenen natürlichen Schönheit, die ich von einer Steilküste in den Highlands aus bewundere. Ich bin nicht in Gefahr, ertränkt oder an den Klippen erschlagen zu werden, aber ich spüre die unbändige Kraft überdeutlich, bin irgendwie mittendrin und doch in Sicherheit, geborgen.

„Obviously we’re an aggressive band – not the heaviest, but there’s a lot of attack. But there’s also this lush beauty that flows within everything that we do, and that’s my favorite part of the band. To me, it’s the epitome of what the Deftones do.“ – Chino Moreno

Koi No Yokan wird eher nicht im Radio zu hören sein. Die Kompositionen dieses Konzeptalbums sind zu anspruchsvoll, zu fett, zu breit, zu mächtig. Konzeption, Machart und Wirkung des Albums erinnern mich sehr an Clockwork Angels von Rush, deutlich ist die Handschrift von Nick Raskulinecz bei beiden Alben zu spüren. Schließlich lasse ich mich doch in die Fluten fallen, lasse mich treiben, gebe mich der Musik hin und genieße. Die Musik brandet über mich hinweg, ist mal aufwühlend, antreibend, mal entspannend, nachdenklich, aber immer sehr speziell und rundum klasse.

Webseite der Band: http://www.deftones.com/

Deftones – Koi No Yokan erschien am 09.11.2012 bei Reprise Records (Warner)

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