Dhani Harrison – In///Parallel

Die Last, jemandes Sohn zu sein

Damit wir das Thema direkt vom Tisch haben: Dhani Harrison ist der Sohn von George Harrison. Der wiederum war Leadgitarrist der Beatles, Produzent einiger Monthy Python Filme (u.a. Life Of Brian) und Mitglied der Travelling Wilburys. Dhani Harrison ist ebenfalls Musiker und Komponist. Ich kann mir wenige Ausgangssituationen vorstellen, bei denen ständige Vergleiche mit dem eigenen Vater noch erdrückender sein könnten. Bis jetzt allerdings vermied Dhani Harrison, auf sich aufmerksam zu machen. Mit seinem Solo-Debütalbum In///Parallel ändert sich das.

Schon vor 15 Jahren hätte man auf ihn aufmerksam werden können, als er sich mit Jeff Lynne (ELO) zusammentat, um Brainwashed fertigzustellen, das letzte Album seines Vaters. Auch danach war Dhani recht umtriebig, wirkte an verschiedenen Projekten mit. Mit thenewno2 gründete er zusammen mit Oliver Hecks eine Alternative Rock Band. Zusammen mit Ben Harper und Joseph Arthur gründete er die Rockband Fistful of Mercy und schrieb verschiedene Soundtracks für Film und Fernsehen. Obwohl er mit allen Projekten immer wieder einigen Erfolg hatte, blieb er weitestgehend unter dem Radar.

Zwei Jahre arbeitete Dhani Harrison nebenher an den Songs von In///Parallel. Es ist ein Freizeitprojekt, wenn man so will, das nie wirklich im Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit stand. Es entwickelte sich einfach so, aus Ideen und Eindrücken. Er holte sich andere Musiker dazu, Davide Rossi (Goldfrapp, The Verve, Coldplay) und Stephen Perkins (Jane’s Addiction), die bei der Umsetzung der Ideen halfen und auch einen Teil zur musikalischen Dichte des Albums besteuern.

In///Parallel

Die Entstehung des Albums als Nebenbeiprojekt hat interessante Spuren im Album hinterlassen. Einerseits wirken Ideen, die andere Hauptprojekte in der Zeit maßgeblich ausgemacht haben, unterschiedlich deutlich in der Musik mit, bereichern die Musik durch abwechslungsreiche Einflüsse. Andererseits ist das Album spürbar befreit und ungezwungen. Es ist die Art Musik, die entsteht, weil sie entstehen will und nicht, weil sie entstehen muss.

Die intensiven Erfahrungen, die Dhani Harrison durch das Schreiben von Filmmusik gemacht hat, wirken sich genauso auf das Album aus, wie auch seine zurückliegenden Rock-Projekte. Insofern liegt In///Parallel irgendwo in der Mitte zwischen Rock, Soundtrack, Singer-Songwriter und beinahe meditativer Introspektion. In///Parallel ist kein Knüppel-auf-Kopf-Album, aber es ist auch keine Einschlafmusik. Und dennoch sieht man hier und da doch Ahnungen des familiären Schattens, der zwar nie dominant oder bedrohlich wird. Trotzdem ist er da, flüchtig, schwer fassbar, gegen den Dhani sich Zeit Lebens wehren muss.

In///Parallel ist auf seine Art eine mindestens imposante, wenn nicht sogar beeindruckend kreative Eigenleistung. Die Songs sind durchzogen mit Andeutungen von Weltmusik, die den Songs einen bezaubernd mystischen Touch geben. Die Nähe zum Rock, speziell zum Alternative- und Post-Rock erinnert mich immer wieder an Dead Can Dance und ähnliche. Der Anspruch der Musik ist vergleichsweise hoch. Das Album richtet sich ganz klar an die eher intellektuelle Zuhörerschaft, die allerdings musikalisch frei denken kann und nicht auf ein bestimmtes Genre festgenagelt ist.

Stimmungsschwankungen

Ein eigenartiges Gefühl einer dystopischen Stimmung liegt über dem Album, während sich die Texte mit tatsächlichen Ereignissen befassen. Im Song #WarOnFalse geht es um die Auseinandersetzung mit den eigenen Vorbildern, die Frage, wofür sie stehen. Kaum vorstellbar, aber der Song entstand vor Trump und bevor der Begriff Fake News ein Eigenleben entwickelte. Summertime Police setzt sich mit der Militarisierung der Polizei auseinander. Solche Themen eben. Über allem steht die Frage: „Bin das jetzt nur ich, oder…?“

Die Musik ist auf eine meditative Art sehr anregend. Gedanken setzen sich zu der Musik nahezu von alleine in Bewegung. Die Musik ist eher Medium, in dem die Gedanken sich frei bewegen als steuerndes und dirigierendes Moment. Der rockige Unterbau ist sehr antreibend, energetisch und doch leicht und ungezwungen, bei gleichzeitig erstaunlichem Tiefgang. Es ist schwer, In///Parallel in Genres zu fassen, denn es ist technisch wie stilistisch weit gefächert. Das Album trägt sich selbst mit einer ganz eigenen, eigentümlichen Stimmung. Es ist gleichermaßen bedrückend wie befreiend, sphärisch wie kompakt, (an-)treibend wie laid back.

Eins ist In///Parallel allerdings nicht. Es ist kein George Harrison 2.0 Album. Die Musik ist nicht die der Beatles und sie ist auch kein Versuch, das Erbe in irgendeiner Form zu verarbeiten, fortzuführen oder weiterzuentwickeln. Mit In///Parallel ist Dhani Harrison ein Album gelungen, das auf bemerkenswerte Art eigenständig ist und seine ganz eigene Kreativität nachzeichnet und eben doch diesen markanten Harrison-Schimmer trägt, nur eben als Facette, nicht als Thema.

Dhani Harrison – In///Parallel erscheint am 06.10.2017 bei HOT Records / BMG / Warner Music

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Dhani Harrison – All About Waiting [Audio]

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