Dietmar Wischmeyer – Deutsche Helden

Dietmar Wischmeyer zu sehen stand schon lange auf meiner Wunschliste. Auf seiner Tournee „Deutsche Helden“ hatte ich am 2. März 2013 endlich Gelegenheit, ihn live und hautnah zu erleben. In der ausverkauften Kulturetage in Oldenburg gab es über zwei Stunden Programm mit alten Bekannten. Kabarettnummern, die mich seit Jahrzehnten begleiten: „Günther, der Treckerfahrer“, „Der kleine Tierfreund“, „Willi Deutschmann“, auch „Die Arschkrampen“ waren zugegen. Außerdem berichtete Dietmar Wischmeyer von seinen Erlebnissen im Einzelhandel – die ich überaus lebhaft nachempfinden kann – und anderen Begegnungen mit den Blöden und den Bekloppten der Republik.

Dietmar Wischmeyer bezeichnet sich selbst als „Humorfacharbeiter, ungelernt“. Sein Rundumschlag deckte nahezu die gesamte bunte Artenvielfalt des possierlichen Gewusels der Bevölkerung Deutschlands ab. Vom Geldsack in den Wechseljahren, der sich sein Appartement an der Ostsee einzig zum Flachlegen von „Frischfleisch“ gekauft hat, über stadtflüchtende Lehrerehepaare, die Dorfgemeinschaften zerstören und allein durch ihre Anwesenheit bürgerkriegsähnliche Zustände auslösen, Zwiegespräche zwischen Gott und Jesus und politischen Betrachtungen bis hin zum Thekengespräch über Pflegeheime und deren zumeist osteuropäisches Personal.

Die vorgelegte Schlagzahl war ebenso atemberaubend wie die Wortwahl ungeschminkt. Nicht jeder mag von der Bühne den Spiegel vorgehalten bekommen und mit der real existierenden Vulgärsprache konfrontiert werden, die er oder sie selbst mitunter unbedacht tagein tagaus benutzt. Dietmar Wischmeyer ist verdammt nah an der Realität. Seine Pointierungen sind so lebensecht, so nah an der Wirklichkeit, dass mir zu fast jedem seiner Beiträge spontan echte Menschen einfallen, die seiner klischeehaft auf die Spitze getriebenen Beschreibung beinahe unmittelbar entsprechen. Die schon fast tragische Komik seines Humors ist optimistisch betrachtet bestenfalls dunkelgrau, tatsächlich aber eher tiefschwarz.

Die Wandlungsfähigkeit von Dietmar Wischmeyer und die Glaubwürdigkeit seiner Figuren muss man erlebt haben. Ihm reichen Kleinigkeiten, Nuancen, um die Rollen zu wechseln: Der legendäre weiße Helm lässt den kleinen Tierfreund auftreten, und obwohl sie nicht dabei ist, kann man die Anwesenheit der Kreidler-Florett doch deutlich spüren. Eine Jacke und eine Mütze lassen Günther, den Treckerfahrer, vom Lanz klettern. Dietmar Wischmeyer braucht das große Gewese, die effektheischende Bühnenshow nicht. Er überzeugt durch das Wort und dessen ist er übermächtig.

Dietmar Wischmeyer legt den Finger in die Wunde. Er zeigt in aller Klarheit und Deutlichkeit auf die Geschwüre der Gesellschaft, die sich mehr Sorgen um den Zustand ihrer eigenen Verdauungsorgane macht als um die Mitmenschen. Doch er hebt nicht den moralischen Zeigefinger, behauptet nicht, er sei besser. Er zeigt auch keine Lösungen. Er stellt einfache Fragen und löst komplizierte Gedanken aus. Nicht jeder wird dem von Gerhard Richter zu Richterin Barbara Salesch geschlagenen Bogen folgen können, kein Zweifel. Aber die, die es können, tragen Dietmar Wischmeyer dafür auf Händen. Manchem Zuhörer und mancher Zuhörerin, davon bin ich fest überzeugt, wird Dietmar Wischmeyer an diesem Abend Details aus deren Leben erzählt haben, ohne diesen Menschen je begegnet zu sein. Gerade diese Menschen haben besonders laut mitgelacht, und genau das macht die besondere Absurdität seiner Pointen aus.

Es dauert einige Zeit, bevor der Adrenalinspiegel nach einem solchen Abend wieder auf Normalmaß sinkt. Nur langsam stellt sich die behagliche Sesselpuperruhe in der Sicherheit des sorgsam durch Jägerzaun und Gartenzwerg vor jeglicher Realität abgeschirmten Eigenheims ein, in der sich manchem vielleicht doch noch mit einiger Verspätung der eine oder andere versteckt vorgetragene Hinweis vollends erschließen mag.

Zu dem gelungenen Abend trug nicht unwesentlich das bemerkenswert freundliche und stets hilfsbereite Personal der Kulturetage Oldenburg bei, für deren Hilfe ich mich an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich bedanken möchte. Auch die technische Umsetzung der Show war über jede Kritik erhaben. Dietmar Wischmeyer – Deutsche Helden war ein uneingeschränkt sehenswerter Leckerbissen, der sich vom viel zu oft vollkommen niveaubefreiten Einerlei deutscher „Comedy“ weit nach oben absetzt.

Webseite von Dietmar Wischmeyer: http://www.wischmeyer.de/

Webseite der Kulturetage Oldenburg:

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