Dirty Sound Magnet – Western Lies

Es kommt immer anders

Es sollte ein ruhiger Tag werden. Wie Sascha meinte: “ohne ‘mal eben’, bitte.” Aber erstens kommt es anders, zweitens als Du denkst. Amelie war der Meinung, dass ich mir un-be-dingt das neue Album Western Lies von Dirty Sound Magnet anhören muss. Nicht etwa heute, sondern schon seit wir neulich telefoniert haben. Ich hatte mir das auch ganz fest vorgenommen für heute. Doch dann kamen unwesentliche Softwareprobleme, einige Telefonate, lange Diskussionen und eine spontane Eventplanung dazwischen und peng: zehn Uhr abends durch und wieder nix geschafft.

Könnte ich ja eigentlich so zum Abschluss des Tages machen. Dachte ich mir. Wenn ich das schon im Kalender stehen habe, dann verlangt es der private Ehrgeiz das auch zu erledigen. Sonst kann ich wieder nicht schlafen. Mit den unbedingt lebensnotwendigen Zutaten ziehe ich mich in mein Refugium zurück und beschließe ein ganz privates Date mit den Leuten von Dirty Sound Magnet zu haben. Ich mein, was kann schon schief gehen?

Anders, als Du denkst.

Gemütlich breite ich mich aus, bereite alles vor, nehme die Fernbedienung in die Hand… und es klingelt. Samma. Echt jetzt? Die Nachbarn. Ob ich nicht Bock hätte, eben rüber zu kommen. Sei gerade ganz lustig und so. Außerdem gäbs was vom Grill. Angesichts der Leiden, die meine Nachbarschaft teilweise von mir gewohnt ist, kann ich einfach nicht nein sagen. Ich muss da hin und mich beliebt machen. Oder zumindest entschuldigen. Wenigstens aber die Würstchen wegfressen. Vielleicht gibt’s ja auch ‘n Bier.

Es wird ein lustiger Abend in lockerer Runde mit mehr Nachbarn als ich erwartet habe und wirklich richtig guten Gesprächen. Statt der Würstchen gab es anderes Zeugs, war aber auch lecker. Irgendwann hocke ich mit der Gastgeberin und irgendjemandem in einer Ecke und über ungefähr acht Glas Hagebuttentee *hust* *hust* debattieren wir darüber, was ich eigentlich so den lieben langen Tag mache, wenn ich nicht gerade bei den Nachbarn aushelfe Kühlschrank und Grill zu leeren.

Vom Hölzchen aufs Stöckchen und von Kuchenbacken zu Arschbacken landen wir schließlich bei der Geschichte des heutigen Tages und was ich alles nicht geschafft habe. Ich beschließe meine Leidensgeschichte des Tages mit einem beschwichtigenden “das ist aber alles nicht so schlimm, das Album kann ich mir auch morgen noch geben”, als sich jemand dazugesellt und ganz unschuldig fragt, um welches Album es denn ginge. Dirty Sound Magnet – Western Lies entgegne ich. Kenn ich nicht, sagt er. Ja toll! Da sind wir schon zwei! Fragt die Gastgeberin, was denn das für Musik sei. Früher sind Menschen für weniger dämliche Fragen im Wald verscharrt worden, denke ich mir im Stillen. Diplomatisch stelle ich ihr die Gegenfrage, woher ich das wissen soll.

Ganz anders. Und denken ist eh blöd.

Wir starren uns an und uns beiden wird die Absurdität der Situation vollends bewusst. “Du holst mir n Bier, ich hole das Album.” “Deal.” Minuten später bin ich wieder da. Wir suchen ihre Anlage. Irgendein Pärchen lungert davor rum. Sie erklärt ihm gerade, wie sehr sie doch auf diesen einen tollen Song steht von hier… Du weißt schon… von dem Typen mit der Gitarre und den Tattoos auf den Armen. Der blonde… Die Gastgeberin greift charmant ein. “Ed Sheeran kannste zu Hause hören” und drängt sich vorbei. Mitten im Song einfach auf die Stop-Taste gelatscht. Der Radiomoderator in mir stirbt an einem kleinen Herzinfarkt.

Wir haben etwas mehr Aufmerksamkeit als mir lieb ist. Wie durch einen Nebel dringt die Frage zu mir ob Random oder der Reihe nach. Eloquent und sehr überzeugend entgegne ich ein entschiedenes “äh…?” und sie drückt Play. Ob ich aus dieser Horrornummer noch irgendwie raus komme?

Nö. Komme ich nicht. Aber mir kommen Dirty Sound Magnets zu Hilfe. Mit einem überzeugend interessanten Intro, das niemanden überfordert und doch alle irgendwie in den Sitz drückt, hebt sich die Stimmung und ich stehe nicht mehr im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit. Alas, ich habe die Gastgeberin unterschätzt. Sie schürzt die Lippen und meint “Das ist schon cool irgendwie” und gibt ihrer Anlage Schub. Western Lies hebt ab und mit dem Album die Party.

Die Musik wird präsent. Greifbar und vor allem spürbar. Ein schräger Soundteppich, der irgendwie schon psychedelisch ist, wird ausgerollt. Die Stimmung wird entspannt. Irgendjemand fragt mich nach Pappe. Wir genießen die Musik, die erstaunlich abgefahren rüber kommt und sich gerne mit etlichen Konventionen anlegt. Was das sei werde ich so oft von irgendjemandem gefragt, dass wir beschließen, ein Schild zu malen.

Western Lies

Dirty Sound Magnet Bandshot - PolyprismaDie Musik verbreitet eine Stimmung, die irgendwie ankommt. Zwar ist das Lager der Pop-Fans reichlich eingeschnappt, wird jedoch werden schmollende Protest beherzt in ausreichenden Mengen Prosecco und Jägermeister ertränkt. Der Rest hat Spaß. Selbst die sonst eher dem Metal verschriebenen, aber inzwischen auch knapp dem Twen-Alter entwachsenen chronisch bei AC/DC hängengebliebenen “ich wäre gerne Biker, aber meine Frau lässt mich nicht”.

Das Fundament aus Alternative Rock und Psychedelic wird von der Band für einige schräge Experimente genutzt. Das wiederum scheint sich auf die Anwesenden abzufärben. Die Gespräche drehen sich plötzlich um Themen wie Fear and Loathing in Las Vegas, Easy Rider und andere hochwichtige Themen. Wir lehnen uns entspannt zurück und lassen uns von Western Lies entführen. Dirty Sound Magnet untermalt das irgendwie doch etwas surreale Szenario nach Kräften. Mal steuern Musik und die inzwischen überwiegend recht enthemmte Partygesellschaft auf ein vollkommen dissonantes Chaos zu, mal liegt man sich in übereinstimmender Melancholie über längst vergangene Tage in den Armen.

Szenenapplaus gibt es, als zu Ecstasy of God ein spontaner Luftgitarrenbattle entflammt – in Zeitlupe. Wir sind begeistert. Die Musik von Dirty Sound Magnet – Western Lies ist herrlich unkonventionell und doch kommt sie bei allen gut an. Hier etwas Rock, da etwas Ballde, dort etwas Blues. Dazwischen Noise, Space-Jam und manchmal verlässt die Band einfach jeglichen Rahmen und tut Dinge. Eben genau so, wie wir es auf dieser Party tun. Wir sinnieren über die Songs, bald über das Album und kurz darauf über die Musik im Allgemeinen. Mangelndes Faktenwissen über obskure Bands, von denen man noch nie irgendetwas gehört hat, wird durch gekonnt aus der Luft gegriffene Behauptungen ersetzt und doch ist es ein perfekter Abend.

Irgendwie drückt die Band gekonnt bei jedem den Alternative-Knopf und irgendwie benimmt sich der Haufen bald wie eine Happy-70er-Kommune in den besten Hippie-Zeiten. Ausgelassene Stimmung, beste Partylaune. Irgendjemand kotzt in die Rabatten. Macht nichts, müssen eh gedüngt werden, kommentiert der Gastgeber lakonisch. Das entspricht irgendwie der Grundhaltung der Band. Ist doch egal, wenns passt, dann passts. Und es passt. Obwohl hinterher niemand so richtig weiß, wer genau auf die Idee kam, werden nach dem Album intensiv die Untiefen der Psychedelic-Rock erkundet.

Irgendwann im Morgengrauen beschließe ich, dass es Zeit wird, das Schlachtfeld zu räumen. Man bringt mich zur Tür. War ein geiler Abend, das müssen wir demnächst nochmal machen. Klar, auf jeden Fall. Die nächsten Worte der Gastgeber bringen mich etwas aus dem Konzept. “Sag mal, wolltest Du nicht so’n Album rüber geholt haben?” Lachend verabschieden wir uns.

Ob ich wirklich wissen will, was in deren Drinks war?

Dirty Sound Magnet – Western Lies erscheint am 12.05.2017 bei Noisolution / Soulfood

Offizielle Webseite von Dirty Sound Magnet

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Dirty Sound Magnet – Western Lie (Official Music Video)

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