Elder – Reflections Of A Floating World

Den Augenblick musikalisch leben

Stoner Rock erlebt seit einiger Zeit unerwarteten Zuspruch. Eine Folge ist, dass Bands aus dem Nichts aufzutauchen scheinen. Diese Bands sind nicht wirklich „neu“, im Gegenteil. Die meisten gibt es schon seit gefühlten Ewigkeiten. Außerhalb der alteingesessenen Fangemeinde hat man nur vorher kaum etwas von diesen Bands wahrgenommen. Auf der anderen Seite sorgt die plötzliche „Schwemme“ auch dafür, dass sich die Bands trauen, mehr aus ihrem Material zu machen, Grenzen zu überschreiten und einfach mal auszuprobieren. Beides trifft auf Elder zu, die mit Reflections Of A Floating World tatsächlich schon ihr fünftes Album veröffentlichen.

Die aus Boston stammende Band bestehend aus Nick DiSalvo (Gitarre, Keyboard und Gesang), Matt Couto (Schlagzeug) und Jack Donovan (Bass) ist seit mindestens 2006 im Geschäft. Die Musik der Band gehört im weitesten Sinne in den Bereich Stoner Rock / Doom Metal / Progressive Rock / Psychedelic Rock. „Im weitesten Sinne“ deshalb, weil die Anteile wechseln und nicht ganz klar erkennbar ist, welche Stilrichtung dominieren soll. Was sich auf dem Papier unentschlossen und vielleicht orientierungslos liest, ist in der Praxis jedoch erstaunlich homogen und stimmig.

Reflections Of A Floating World

Reflections Of A Floating World fällt mir vor allem wegen der erstaunlichen Länge der Tracks auf. Zwar enthält das Album „nur“ sechs Songs, jedoch ist der kürzeste mit einer Laufzeit von 8:40 alles andere als „kurz“ und so kommt das Album trotzdem auf eine Spielzeit von deutlich über einer Stunde. Die Gefahr bei solch langen Songs ist gerade beim Stoner und Progressive, sich zu verzetteln und einfach nur vor sich hin zu spielen und dabei den Zuhörer mit belanglosem Gedudel zu nerven.

Elder rocken sehr Stoner-lastig los. Solide, mit einem angenehmen Retro-touch, der mich wegen der Stimmlage von Sänger Nick DiSalvo irgendwie an Sabbath erinnert, auch wenn die Musik insgesamt so gar nicht danach klingt. Doch die Rock-Anteile haben einiges „von damals“ an sich, wobei ich mir nicht sicher bin, ob das an der immer wieder dominierenden psychedelischen Färbung liegt oder an den unvermittelt einsetzenden Prog-Elementen. Die Musik ist dadurch in sich abwechslungsreich und die Band beweist immer wieder eine harmonische Wandlungsfähigkeit.

Lang und doch kurz gefasst

Entgegen meiner Befürchtung ist die Länge der einzelnen Tracks nicht durch zu Tode genudeltes Riffgeschraddel gefüllt. Stattdessen haben die Songs etwas zu erzählen, wobei Gesang bemerkenswert dünn gesät ist. Der Schwerpunkt liegt auf den Instrumenten, der hin und wieder mit Gesang bereichert wird, aber insgesamt wirken Elder eher als eine Instrumentalband, die hin und wieder auch mal singt. Da die Musik aber so facettenreich ist, passt das gut zusammen und der Gesangsanteil kommt nicht etwa zu kurz, sondern ist sehr gut ausgewogen. Mehr wäre sogar nervig.

Die Band kann seicht vor sich hin rocken, aber sie kann auch ausgiebig hart zulangen. Gerade diese harten Passagen werden immer mal epische Passagen erweitert und der Griff zum Mellotron macht den Stilwechsel perfekt. Das immer wieder bemerkenswert komplexe Gitarrenspiel artet dankenswerter Weise nicht zum reinen Selbstzweck aus, sondern wird gekonnt eingebettet und transportiert die Musik insgesamt weiter.

Elder spielt mit Kontrasten

Generell ist Elder – Reflections Of A Floating World ein Album der Kontraste. Was als Stoner Rock Album beginnt, ist zur Mitte hin schon eher im Gewässer des Doom-orientierten Prog Rock angekommen und stellt wuchtige Riffs neben fragile Songstrukturen, die selber schon fast wieder Post-Rock sein könnten. Durch die ständigen, fortlaufenden Stilwechsel bleibt Reflections Of A Floating World lebendig und transportiert eine Vitalität, die manchmal gerade bei Stoner leider etwas zu sehr an den Rand gedrückt wird.

Melancholische, verträumte Einschläge (besonders „Blind“) werden abgeholt durch wuchtige, massive Einsätze und verhindern erfolgreich das Abgleiten des Albums. Auch hier zeigt Elder, dass die Grenzen fließend sind. Mit „Sonntag“ traut sich die Band vorsichtig auf das Terrain von Bands wie Can oder Guru Guru, verbindet deren Stil durch repetitives, schon fast tranceartiges Spiel gekonnt und doch respektvoll mit dem eigenen Rock.

Lohnenswertes Kennenlernen

Für mich ist Elder – Reflections Of A Floating World das erste Album, das ich von dieser Band höre. Es gefällt mir sehr, weil es überlegt und doch jam-artig eingespielt ist. Das ausgewogene Gleichgewicht zwischen instrumental und Gesang und der fließende Übergang zwischen den verschiedenen Stilrichtungen, aber auch deren Kombination machen die Musik bemerkenswert und vor allem hörenswert – und das sage ich, obwohl sich die Band hin und wieder der mir bei jeder Band maßlos auf die Eier gehenden Hammond Orgel bedient.

Insgesamt wirkt Elder, als sei die Band unentschlossen und versuche sich mit Reflections Of A Floating World neu zu orientieren. Die Musik ist solide, dicht und authentisch, doch bleibt stets eine suchende, irgendwie unentschlossene Stimmung im Raum stehen. Einerseits ist das durchaus reizvoll, aber andererseits habe ich den Eindruck, dass dieses Suchende, unentschlossene Band unnötig bremst. Ohne diesen Hauch des Selbstzweifels wäre dieses fraglos tolle Album genial.

Elder – Reflections Of A Floating World erscheint am 02.06.2017 bei Stickman Records / Soulfood

Elder bei Bandcamp

Bandseite bei Facebook

Elder – Reflections of a Floating World (TEASER)

KEINE KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT