Emma Pollock – In Search Of Harperfield: Sehr viel mehr als nur Erinnerungen

Auf der Suche nach Harperfield

Emma Pollock – In Search Of Harperfield ist eine überraschende Entdeckung für mich. Mir gefällt das Album, obwohl die Musik anders ist, nicht in mein übliches Repertoire passt. Sie ist verträumt, zart, beinahe entrückt und doch manchmal auch energisch. In Search Of Harperfield ist ein persönliches Album, auf dem die schottische Musikerin versucht, sich ihrer eigenen Vergangenheit bewusst zu werden. Sie versucht die Welt ihrer Eltern zu verstehen, sie durch deren Augen zu sehen. „Harperfield“ war ihr Elternhaus und das Album ist der Versuch, die eigenen Eltern zu verstehen, ihr Leben, ihre Situation.

Wir nehmen Kindheitserinnerungen verklärt wahr. Die Bilder aus Kindertagen in unseren Köpfen sind gefiltert, oft ein wenig unscharf, etwas überhöht, oder verzerrt. Emma Pollock versucht durch diesen Schleier hindurchzusehen. Sie versucht zu verstehen, wie die Welt ihrer Eltern war. Was haben sie gefühlt? Wie haben sie gefühlt?

Mehr als eine Autobiographie

Ja, In Search Of Harperfield ist auch ein autobiographisches Album. Aber es ist mehr. Es ist komplexer, geht weiter. Emma Pollock versucht den Perspektivenwechsel und versucht einen neutralen, objektiven Blick. Diese Reise zurück in die Vergangenheit ist geprägt von Sehnsucht, die sich stark in der Musik wiederspiegelt. Der Wunsch, dorthin zurückkehren zu können, wird immer wieder spürbar.

Die liebevolle Atmosphäre des Albums macht klar, dass sie sich gerne an ihre Kindheit erinnert. Sie genießt es, in Gedanken zurückzureisen. Emmaa sammelt Fragmente und Spiegelstücke links und rechts dieses Weges auf, versucht daraus ein Bild zusammenzusetzen, das der Wahrheit näher kommt, mehr Tiefe hat. Immer wieder wird ein Gefühl von grenzenloser Weite, Geborgenheit, Neugierde und Harmonie transportiert. Doch stets ziehen sich auch Fragen durch die Musik, manche kritisch, manche beinahe kindlich neugierig. Die musikalische Gestaltung des Albums ist außergewöhnlich gut gelungen und macht nachvollziehbar, was Emma Pollock vorhat, macht ihre Sehnsucht spürbar, greifbar.

Ein Album für Erwachsene

Zuerst dachte ich, dass Emma Pollock – In Search Of Harperfield ein „Mädchenalbum“ ist. Viele Aspekte in dem Album verleiten dazu, besonders wenn man nicht zuhört. Es sind jedoch die Texte, die einen Gegenpol zu der oft ebenso sanften wie komplexen Musik bilden. Es geht nicht um die romantischen Fantasien eines Erwachsenen, wie toll und wunderbar früher alles war. Dafür nimmt die Sängerin zu viele Erzählperspektiven ein, verfolgt zu viele unterschiedliche Handlungsstränge, die auch zu Konflikten führen.

In Search Of Harperfield

Diese Konflikte, angedeutet, zeichnen sich wie tanzende Schatten eines Kaminfeuers an. Es sind subtile Bilder, flüchtige Eindrücke, Schemen. Ein Gefühl, eine Ahnung von Dunkelheit liegt auf dem Album, ein unausgesprochener Schmerz. Emma Pollock schafft es mit überraschender Eleganz, diesen Schwermut auszubalancieren, ihm Humor und ehrliche Lebensfreude gegenüberzustellen. Gerade dadurch wird dieses Album von einem guten Album zu einem hervorragenden Album, das es nicht nur gehört zu werden sollte, sondern auch genossen.

Emma Pollock – In Search Of Harperfield erscheint am 29.01.2016 bei Chemikal Underground / rough trade

Emma Pollocks Webseite: http://emmapollock.com/

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