Er ist wieder da – Timur Vermes

Adolf kehrt zurück – im Kino

Die Ankündigung, dass dieser Roman verfilmt wurde und jetzt in die Kinos kommt, erinnerte mich daran, wie ich immer wieder in meinem Lieblingsbuchladen unschlüssig und doch interessiert vor diesem weißen Cover mit der stilisierten und doch jedem bekannten Frisur stand: Er ist wieder da von Timur Vermes. Doch ich konnte mich lange nicht dazu durchringen, zuzugreifen.

Neugierde siegt. Ich entschied mich für die einfacher konsumierbare Hörbuch-Variante mit 411 Minuten Audio auf einer CD mit 75 einzelnen Tracks im praktischen MP3-Format. Gelesen von Christoph Maria Herbst, bekannt aus Stromberg. Das versprach mir einige Unterhaltung, ohne jedoch wirklich zu wissen, was mich erwarten würde. Slapstick? Comedy? Satire? Dokumentation? Fiktion?

Der Klappentext

Sommer 2011. Adolf Hitler erwacht auf einem leeren Grundstück in Berlin-Mitte. Ohne Krieg, ohne Partei, ohne Eva, dafür unter Tausenden von Ausländern und Angela Merkel. 66 Jahre nach seinem vermeintlichen Ende startet er gegen jegliche Wahrscheinlichkeit eine neue Karriere im Fernsehen. Dieser Hitler ist keine Witzfigur, sondern erschreckend real. Und das Land, auf das er trifft, ist es auch: zynisch, hemmungslos erfolgsgeil und vollkommen chancenlos gegenüber dem Demagogen und der Sucht nach Quoten, Klicks und “Gefällt mir!”-Buttons.

Der Führer erzählt…

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive des wiedererwachten Führers. Den Tonfall und das markante Schnarren bringt Christoph Maria Herbst im Hörbuch recht überzeugend durch rüber. Er ist wieder da zeichnet nach, was passieren könnte, wenn das undenkbare passiert und “Der Führer” wieder in Deutschland wandelt. Erschreckend realistisch und glaubwürdig zeichnet der Roman nach, wie anfällig unsere Gesellschaft ist. Er zeigt auf, wie vollkommen grotesk unbedarft und gerade deshalb überaus realistisch die Gefahr von rechts außen ist.

Nicht etwa die Gefahr, dass “wir” generell auf die oft doch recht tumben Ideen und Träume von rechts hereinfallen würden oder gar davon begeistert wären. Immer wieder nimmt der Roman in aller Deutlichkeit auf die Schrecken und Folgen des Wirkens von Adolf Hitler Bezug. Er nennt immer wieder Daten, Fakten, Orte, die man eigentlich kennen sollte oder zumindest kennen könnte. Es ist vielmehr gerade die Vorstellung, dass “der” das ja eigentlich gar nicht so meinen kann, dass das alles ein Spaß, eine Satire, sein muss. Das kann doch jeder nachvollziehen! Jeder kennt das von sich selbst. Jeder kennt diese stille Hoffnung, dass das doch alles gar nicht so schlimm ist. Es ist aber gerade erst das durch diese stille Hoffnung motivierte Stillhalten, das angereichert durch Selbstbeschwichtigung, Egoismus und Ignoranz des Offensichtlichen zum zentralen Antrieb der Katastrophe wird.

Eindringliche Warnung

Timur Vermes zeichnet frappierend glaubwürdig und trotz aller Fiktion sehr authentisch nach, wie leicht es passieren kann, dass jeder sich mit einer Aussage konfrontiert sieht, die auf den ersten Blick doch gar nicht so schlimm ist. Zum Beispiel die Forderung, dass Autofahrer vor Schulen und Spielplätzen nicht so rasen sollten. Das wäre doch gar nicht so schlecht. Eigentlich. Und doch ist es nicht die Forderung als solche, sondern die Intention hinter dieser Forderung, von der die Gefahr ausgeht. Denken die Eltern noch ausschließlich an die Sicherheit der Kinder, so denkt “Der Führer” doch weiter und in Dimensionen von Militär und dem Wiederbeleben seines Großdeutschen Traumes.

Dies, und die Erfolgsgeilheit und ganz besonders eben auch das genauso weit verbreitete wie vollkommene Unwissen – bis hin zur kompletten Ignoranz – bereitet die Bühne für den Auftritt der Figur Adolf Hitler. Ständig konfrontiert der Autor alltägliche Situationen mit der mörderischen Intention und Zielsetzung des Adolf Hitler und zeigt, wie klein der Schritt ist, wie wenig es braucht, um mit den vielleicht “besten” Profit- und Erfolgsabsichten einer Katastrophe den Weg zu bahnen und lässt den Leser allein mit der Frage zurück, ob denn seine “besten” Absichten wirklich die “besten” sind.

Mit Humor geht alles besser

Der Humor ist trocken und sehr, sehr schwarz. Das Buch ist keine einfache Kost und setzt voraus, dass der Inhalt intelligent reflektiert wird. Die schier unendliche Folge sich an Groteske immer wieder überbietender Ereignisse lässt auch mich oft lauthals auflachen – eins meiner Highlights ist der Besuch des Führers in der Parteizentrale der NPD und da ganz besonders die Ansprache an die Presse unmittelbar danach – doch es ist nicht etwa ein befreites Lachen, sondern eher ein verzweifeltes, denn die Situationen sind beinahe zu real.

Zu deutlich kann ich mir die Akteure des hier und jetzt vorstellen, wie sie fast exakt so reagieren, wie im Roman beschrieben. Es ist die Verzweiflung, wie aus kurzsichtiger Profitgier und ganz alltäglichem Egoismus Situationen entstehen, die ein Mann von Hitlers Format in aller Öffentlichkeit gerade durch seine ungeschminkte Ehrlichkeit in Bezug auf seine eigenen Ziele und Motive ausnutzen kann – und dabei von allen unterstützt wird. Das Lachen bleibt mir oft im Halse stecken und immer wieder frage ich mich: “Was wäre wenn…?”

Darf man darüber lachen? Über den Roman “Er ist wieder da” auf jeden Fall. Der Autor wählt die richtige Herangehensweise. Nicht mahnend den Zeigefinger heben und Oberlehrerhaft dozieren, sondern humorvoll zeigen, worin die Gefahren der nationalsozialistischen Dogmatik bestehen und warum beinahe jeder Gefahr laufen kann, ihr zum Opfer zu fallen. Man darf über die überzeichnete Komik des Buches lachen. Zu schön sind die eskalierenden Situationen dargestellt. Die Stimme von Christoph Maria Herbst trägt noch einiges zur Überzeugungskraft bei.

Lachen alleine reicht nicht, aber es hilft

Doch wer glaubt, dass es damit getan sei, sich über den Rechten Sumpf und die Medien und Politiker kaputtzulachen, verkennt die Intention des Romans. “Er ist wieder da” will nicht auf Kosten dieser Gruppen komisch sein. Der Roman will nicht stumpf verunglimpfen und schon gar nicht verharmlosen, im Gegenteil. Wer das glaubt, hat den Roman vielleicht gelesen (oder das Hörbuch gehört), aber nicht verstanden. Der Roman ist eine eindringliche Warnung. “Er ist wieder da” fordert, nein, zwingt dazu, sich mit der Materie auseinanderzusetzen, sich Fragen zu stellen, Geschichte vielleicht erneut selber zu durchdenken.

Die Glanzleistung des Buches besteht für mich darin, jedem die Möglichkeit an die Hand zu geben, an diesem fiktionalen und gleichzeitig sehr realistisch dargestellten Szenario seine eigene Haltung zu überdenken: Wie konnte es damals dazu kommen? Bin ich gefeit? Ist die Forderung, die ich da gerade unterstütze, die ich in den sozialen Netzen übernehme und weiterverbreite wirklich die, die ich selber habe? Oder geht es vielleicht um etwas ganz Anderes?

Hörbuch gelesen von Christoph Maria Herbst, 411 Minuten, MP3-CD, erschienen bei Bastei Lübbe

Timur Vermes – Er ist wieder da ist erschienen bei Bastei Lübbe (Bastei Lübbe Taschenbuch)

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