Evanescence – Synthesis

Nach fünf Jahren kreativer Pause zurück

Mit drei Alben hat sich die amerikanische Rockband Evanescence rund um Frontfrau Amy einen festen Platz in der Musikwelt erobert. Songs wie My Immortal und Bring Me To Life haben das Image der Band definiert und der Band zu Recht Ruhm und Ehre eingespielt. Mit einer Kombination aus Rock und Symphonic Rock / Metal gelang es der Band, ein natürliches Gegengewicht zur Kombination Nightwish / Tarja zu bilden.

Dann trennten sich Nightwish und Tarja und es wirkte, als wäre damit auch für Evanescence der Kompass verloren gegangen. Die Musik wirkte zunehmend desorientiert, ziellos. Vielleicht hatte sich die Band doch zu sehr an dem Gegenüber orientiert und sich dabei selbst aus den Augen verloren. Das tut der Größe und Klasse der bis dato veröffentlichten Musik keinen Abbruch, im Gegenteil. Es zeigt nur, dass die Band offenbar in einer Krise steckte. Die Ankündigung nach der Tour 2012 eine kreative Pause einzulegen, unterstreicht das.

Zurück – anders, besser als jemals zuvor

Synthesis ist das Album, mit dem sich Evanescence aus dieser kreativen Pause zurückmelden. Obwohl die Tracklist vermuten lässt, dass dieses Album ein „Best Of“ sein könnte, ist Synthesis ein neues Album. Synthesis ist zu gleichen Teilen ein Re-Imagined, Re-Make, Overhaul, Re-Do und Neustart. Evanescence bedienen sich großzügig im eigenen Katalog, aber alle Songs wurden komplett überarbeitet, umgebaut, vollständig neu arrangiert und neu eingespielt. Also kein „Re-Master / Re-Issue“, wie man vielleicht vermuten könnte.

Das Album klingt von der ersten Note an grundlegend anders als das, was Evanescence bisher veröffentlicht haben. Die Musik ist leichter, luftiger. Die Last des Barocken ist abgelegt. Der Schatten der pathetisch-schwülstig übertriebenen Anbiederung an irgendein jugendlich romantisiertes Image von Dunkelheit ist verschwunden. Der Band ist deutlich anzumerken, dass sie ihre Musik selber deutlich ernster nimmt und sich auf einer ganz anderen Ebene mit den eigenen Werken auseinandergesetzt hat.

Synthesis – Verbindung und Trennlinie zugrleich

Die symphonische Aufarbeitung ist freier, schwebender. Dadurch wird die Musik zugänglicher, verlässt die Gewässer des von der Band gewohnten Bombast-Rock. Auf der einen Seite ist die Musik dadurch unbeschwerter und gewinnt ungemein viel Farbe und Ausdruck hinzu. Ob das Abwerfen der Dunkelheit, das Zurücklassen des „Gothic Image“, gefällt, ist aber eine Geschmacksfrage. Der Band gelingt eine Saubere Trennung zwischen den Werken vor Synthesis und denen „ab hier“. Denn obwohl die Songs komplett überarbeitet wurden, sind die Ähnlichkeiten zu früher erstaunlich marginal.

Dadurch entsteht eine neue Musik, zeigt sich eine neue Band. An kaum einem Song lässt sich der Unterschied zwischen vorher und nachher so deutlich zeigen, wie an Bring Me To Life. Die Fallen-Version klang nach einer Amy, die im Kämmerchen gegen die Bedrückende Einsamkeit und beklemmende Enge ansang, während sich die Band an Linkin Park orientierte. Der Song gewinnt seine beeindruckend kraftvolle und unvergessliche Wirkung durch Amys fragil wirkenden, stark betonten Gesang auf der einen und die harten Rap-Metal-Kontraste und Paul McCoys Stimme auf der andern Seite. Der im Song ausgedrückte innere Konflikt ist greifbar, authentisch und für jeden nachvollziehbar. Gerade deshalb ist dieser Song für mich bis heute einer der wichtigsten der Band.

Vergleich

Im Vergleich dazu ist die Synthesis-Fassung frei, beinahe schwebend. Amys Stimme ist in die Musik eingebettet, steht nicht mehr vor ihr. Auf die männliche Stimme als Gegenpart wird verzichtet. eigenständig, viel breiter instrumentiert. Der Song öffnet sich einer Blüte gleich, wird immer größer und steigert sich in ein angemessenes, eben nicht übertriebenes Finale. Diese Fassung des Songs passt sehr viel besser zu der ihm von Amy Bedeutung. Trotzdem sind diese beiden Versionen zwei grundverschiedene Lieder.

Das lässt sich so oder im Detail noch anders an jedem der überarbeiteten Songs zeigen. Im Einzelnen mögen die Veränderungen vielleicht etwas mehr oder weniger deutlich sein, die Details ein wenig mehr in diese oder jene Richtung variieren. Aber im Kern ist der Unterschied genau der: Evanescence hat sich komplett gewandelt. Die Musik ist grundlegen anders, ist von „anderen“ Menschen gemacht und richtet sich auch an andere Menschen.

Erwachsen zu sein bedeutet nicht, keinen Esprit zu haben

Synthesis ist deutlich erwachsener und spricht auch eine erwachsenere musikalische Sprache. Entschlossener, gefasster und zielgerichteter ist die Linie, die mit der Musik jetzt verfolgt wird. Der Kontrast könnte kaum deutlicher ausfallen und wir vielen Fans der „alten“ Versionen jede Menge zu knabbern geben. Aus musikalischer Sicht aber ist Synthesis das beste Album, das die Band jemals gemacht hat. Es stimmt einfach alles an dem Album.

Aber Evanescece sagen sich nicht etwa vollends von dem los, was sie groß gemacht hat. Synthesis ist vielmehr ein Aufräumen und Ausmisten. Es ist wie ein Umzug in eine neue Wohnung. Vieles verändert sich, vieles wird entrümpelt und weggeworfen, aber am Ende bleibt man doch irgendwie derselbe Mensch – und dann doch wieder nicht. Wohin die Reise mit Evanescence in Zukunft gehen könnte, zeigt sich wohl an Imperfection, mit dem die Band das Album schließt.

Dieser Song ist näher an den früheren Werken, als irgendein anderer Song des Albums und gleichzeitig doch vollkommen modern. Er ist kraftvoll, hat eine Ahnung von Dunkelheit, ist schnell, tanzbar, steckt voller großartiger Ideen und Kontraste. Ein toller Ausblick darauf, zu was die Band jetzt in der Lage sein könnte. Synthesis jedenfalls ist ein Kehraus und ein Neuanfang und es ist ein Meilenstein. Sowohl für die Band, als auch insgesamt.

Evanescence – Synthesis erscheint am 10.11.2017 bei Sony Music

Offizielle Webseite der Band

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Evanescence – Imperfection

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