Esther Bejarano – Ein Appell an den Weltfrieden, mit Mikrophone Mafia

Wir leben ewig!

Esther Bejarano, Überlebende des Holocaust, ist mittlerweile 92 Jahre alt. Sie ist unter anderem Ehrenvorsitzende der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Trägerin des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, Inhaberin der Herbert-Wehner-Medaille, Inhaberin des Giesberts-Lewin-Preises und Trägerin des Großen Bundesverdienstkreuzes. Sie las sie aus ihrem Buch „Erinnerungen“ im Cine k der Kulturetage Oldenburg vor. Das Publikum hing an ihren Lippen, als sie von der Zeit in den Konzentrationslagern Ausschwitz und Ravensbrück berichtete. Sie erzählte von dem Moment, als sie mit einigen Freundinnen in Ausschwitz per Bahn angekommen ist. Sie berichtete ausführlich über den Lageralltag, speziell über ihre Zeit im Mädchenorchester.

Das Orchester sollte zu den Zeiten spielen, wo die anderen Insassen zur Arbeit gingen und wieder ins Lager zurückkamen:

„Aber es kam noch schlimmer. Die SS befahl uns, am Tor zu stehen und zu spielen, wenn neue Transporte ankamen in Zügen, in denen unzählige jüdische Menschen aus allen Teilen Europas saßen, die auf den Gleisen fuhren, die bis zu den Gaskammern verlegt wurden und die alle vergast wurden. Die Menschen winkten uns zu, sie dachten sicher, wo die Musik spielt, kann es ja nicht so schlimm sein. Das war die Taktik der Nazis. Sie wollten, dass all die Menschen ohne Kampf in den Tod gehen. Wir aber wussten, wohin sie fuhren. Mit Tränen in den Augen spielten wir. Wir hätten uns nicht dagegen wehren können, denn hinter uns standen die SS-Schergen mit ihren Gewehren.“
(Esther Bejarano, „Erinnerungen“)

Sie hatte die Chance, für Siemens zu arbeiten und sprach über die Zeit des Jahres 1945, das Kriegsende, und über die schönen Begebenheiten mit der Bevölkerung und die Zufälle, die dazu führten, dass sechs ihrer Freundinnen und sie schließlich wieder zusammen trafen. Während des Todesmarsches ging der Krieg zu Ende und so wurde sie von amerikanischen Soldaten befreit. Ein ergreifender Erlebnisbericht!

Esther Bejarano mit Microphone Mafia, 70 Jahre Befreiung vom Faschismus 105Im zweiten Teil des Abends sang sie zusammen mit der Rap-Band „Microphone Mafia“ aus Köln und rappte! Beeindruckend war die musikalische Vielfalt der Band. Neben Texten auf Deutsch waren auch Türkisch und Jiddisch in den Texten vertreten. Die Kombination was ungewöhnlich, aber auch inspirierend. Der gesamte Abend stand unter dem Motto „Willkommenskultur“ und die Musik traf das sehr gut. In den Texten der Band ging es ausführlich um die fremdenfeindlichen Anschläge in Lichtenhagen, Solingen, aber auch um die beiden Bombenattentate der NSU in Köln 2001 und 2004.

Zu der Zeit fand sich die Band zusammen und beschloss sich gegen Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit aufzulehnen. In Schulprojekten wurden sie zusammen mit Schülern, sowohl solchen mit Mirgationshintergrund als auch ohne, aktiv gegen Nazis und Fremdenhass. Der Abend war eine durchgehende Aufforderung zur Integration und ein Aufruf zum Kampf gegen die schlechte Stimmung gegen Flüchtlinge und natürlich ein Aufruf, sich gegen Nazis zu engagieren.

Die Lesung und das Konzert waren voller Energie und Lebensfreude. Esther Bejarano rief zur (Mit-)Menschlichkeit auf. Zum Schluss, nach der eigentlichen Zugabe gab sie ein Statement ab, das mich extrem beeindruckt hat: Auf die unausgesprochene Frage, warum sie sich den ganzen Stress antue, sagte sie sinngemäß: „Ich kämpfe mit meinen Liedern gegen die Nazis und zwar so lange ich es kann!“ Zum Abschluss gab es das jiddische Lied: „Wir leben ewig“ und das Publikum sang stehend mit.

Esther Bejarano, 70 Jahre Befreiung vom Faschismus 122Von Anfang an zog mich Frau Bejarano in ihren Bann und der Funke sprang sofort über. Kutlu Yurtseven von der Band „Microphone Mafia“ führte quasi ein Zwiegespräch mit dem Publikum. Ich fand es sehr gut, dass die „Mafia“ mit der aktuellen Problematik Flüchtlinge sehr locker und humorvoll umging. Direkte Ansprache und Aufforderungen von Kutlu Y. und Joram Bejarano spiegelten die Gelassenheit der Band wider. Frau Bejarano ergänzte das mit ihrem Charme und überschäumender Freude. Spontane lustige Begebenheiten kommentierte das wache Publikum mit prompten Reaktionen. Eine schöne, gelöste Atmosphäre herrschte im Raum, ohne die Ernsthaftigkeit zu vergessen.

Der Abend war sehr gelungen und es war erstaunlich, mit welcher Energie Esther Bejarano den beiden „jungen“ Bandmitgliedern in nichts nachhing. Die Aussage des Abends, meine Worte: „Wehret den Anfängen!“

Voraussichtlich gibt es in diesem Jahr eine weitere Lesung mit Konzert in Oldenburg im Cine K, der Termin steht allerdings noch nicht fest.

Webseite Microphone Mafia: http://www.microphone-mafia.com/

Webseite Cine K / Kulturetage Oldenburg: http://www.kulturetage.de/

(Bilder: Jwh, Oliver Wolters, alle CC3.0)

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