Frankie Goes To Hollywood – Liverpool

Die Party gestern und ein Kumpel erinnerten mich daran, wie ich an einem reichlich ramponierten Wintertag vor vielen Jahren in der Plattenabteilung eines Kaufhauses stand und einen Song hörte und schlagartig „woanders“ war. Es war beinahe magisch. Minutenlang konnte ich nur hören, spüren, mich treiben lassen. Okay, vielleicht hätte ich mich nicht unbedingt direkt vor die Box stehen sollen, aber was kann ich dafür, wenn die mich nicht vorwarnen? Weggebeamt hatte mich die 12″ Maxi-Version von „Rage Hard“ vom damals brandneuen Album Liverpool von Frankie Goes To Hollywood.

Liverpool war seltsamerweise mein erstes FGTH-Album. Das zwei Jahre zuvor erschienene Welcome To The Pleasuredome fand erst Jahre später seinen Weg in meine Sammlung. Liverpool ist bis heute eins der Alben, die für mich eine ganz besondere Stimmung transportieren – trotz, oder vielleicht sogar gerade wegen all der Jahre, die seit dem vergangen sind. Die Handschrift von Trevor Horn / Stephen Lipson ist überdeutlich. Der wuchtige, trotzdem leichte, beinahe tänzelnde Pop-Rock mit seinen knochentrockenen, fetten Bässen und Drumms braucht noch immer keinen Vergleich zu scheuen. Diese Musik schubst noch immer etliche heute als geilste Erfindung seit geschnitten Brot geltende „Superhits“ lässig aus dem Wasser.

Frankie Goes To Hollywood – Liverpool ist ein eher nachdenkliches Album, weniger offensiv und aggressiv als Pleasuredome. Songs wie Maximum Joy und Is Anybody Out There sind wundervolle Beispiele für fast perfekte Synthie-Pop-Rock Balladen. Von Holly Johnsons eindringlich-melodischer Stimme geht noch immer eine unnachahmliche Faszination aus, ein Gefühl, das für mich untrennbar mit jener Zeit verbunden ist. Es ist ein Gefühl von Aufbruch und Optimismus, Bereitschaft sich den Herausforderungen zu stellen, aber eben auch Melancholie und etwas Zerbrochenes, beinahe Verzweifeltes.

Zurückblickend ist Liverpool eine „B-Seite“ zu Pleasuredome. Wo Pleasuredome mit brachialen Knallern wie Relax, War, Two Tribes, The Power Of Love und so weiter auf Erfolg getrimmt ist, erscheint Liverpool verspielter, experimenteller. Liverpool zeigt mehr von Frankie Goes To Hollywood, die auf diesem Album alles selber eingespielt und auf Studiomusiker verzichtet haben. Von der Kreativität und Musikalität, die in der Umsetzung von Songs wie „Pocket Vibrator“ und „Suffragette City“ steckt und von der in Tracks wie „(Don’t Lose What’s Left) Of Your Little Mind“ steckenden Experimentierfreude können heute noch viele einiges lernen.

Es fällt mir schwer zu entscheiden, welches Album von Frankie Goes To Hollywood das „bessere“ ist. Kommerziell jedenfalls war Liverpool bei weitem nicht so erfolgreich wie Pleasuredome, vielleicht auch, weil es in mancher Hinsicht seiner Zeit voraus war. 2011 erschien eine DeLuxe-Edition von Liverpool, die etliche inzwischen nicht mehr erhältliche Mixes und Versionen zusammenträgt, die auf dem ursprünglichen Album nicht enthalten waren. Die Zeitlosigkeit des Albums, der Esprit der Musik ist bis heute inspirierend und begeistert immer wieder.

Frankie Goes To Hollywood – Liverpool ist erschien am 20.06.2011 bei ZTT Records / Union Square

Webseite der Band: http://www.frankiesay.com/

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