Frost* – Falling Satellites

Das Progressive im Progressive Rock – auf Hochglanz

Progressive Rock hat ein Problem: Zunehmend entsteht der Eindruck, dass sich in diesem Genre zwei Strömungen um sich selber drehen. Ganz stark vereinfacht hat man auf der einen Seite die Metaller mit Keyboards & Co, auf der anderen Seite die Vertreter des „Classic Rock“. Beides hat seine Berechtigung und im Progressive Rock sind etliche herausragende Bands und großartige Musiker aktiv, deren Musik ich schätze und bewundere. Allerdings nennt sich dieses Genre „Progressive“ und das bedeutet, dass es hier eigentlich darum gehen sollte, dass sich dir Rockmusik weiterentwickelt. Eigentlich sollten gerade hier Musiker aktiv sein, die Einflüsse, Elemente, Ideen oder was auch immer aus anderen Stilrichtungen aufgreifen, mit Rock vermischen und – im Idealfall – etwas Neues daraus kreieren, dass die Rockmusik weiter bringt.

Gerade in letzter Zeit ist dieses Konzept etwas in den Hintergrund getreten. Zwar werden immer wieder Ideen weitergedacht und weiter entwickelt, aber sobald man das Ganze aus einigem Abstand betrachtet, ist das Genre insgesamt doch an einigen Stellen etwas sehr statisch geworden und zumindest ich habe mir schon häufiger die Frage gestellt, ob „Progressive“ heutzutage nur noch bedeutet, entweder den Stil der 70er Jahre zu perfektionieren oder sich in Spielweisen des Metal zu bedienen.

Falling Satellites

An dieser Stelle kommt Frost* ins Spiel. Die 2010 gegründete Band, in der Jem Godfrey, John Mitchell, Nathan King und Colin Blundell sich des Themas „Progressive Rock“ annehmen, haben zum ersten Mal tatsächlich zusammen ein Album gemacht. Frost* – Falling Satellites ist eines der Alben, die beweisen, dass es doch noch Bands gibt, die mehr unter „Progressive Rock“ verstehen. Sie bedienen sich aus anderen Töpfen und sehen in andere Richtungen. Entsprechend sticht ihre Musik aus dem gängigen Material deutlich hervor. Es ist anders und provoziert durch seine Andersartigkeit.

Frost - Press Photo 02 - Falling SatellitesFrost* haben sich im Pop, im Rock und im Metal umgesehen, haben Teile daraus und mehr mit mehrteiligen und langen Kompositionen kombiniert und in eine Form gegossen, die vielleicht nicht einmalig, aber zumindest im Augenblick einzigartig ist. Frost* ist dazu in der Lage, einer Menge anderer Bands oder Musikstile zu ähneln, ihren Klang oder Stil zu übernehmen, aber niemand anders klingt – zumindest im Augenblick – auch nur annähernd so wie Frost*. Falling Satellites wirkt beinahe, als wolle die Band genau darauf explizit hinweisen und die Frage in den Raum stellen, was denn alle anderen dazu zu sagen oder beizusteuern haben.

Einige meiner Prog Rock Freunde sehen in Frost* eine Band, die viel zu sehr in Richtung Pop geht, die gar nicht so richtigen Progressive Rock macht, aber ich glaube, dass sie alle eigentlich nur etwas angepisst darüber sind, dass Frost* sie darauf hinweist, was alle anderen eben nicht machen und damit unausgesprochen provoziert: Welcher Musiker, der sich das Weiterentwickeln eines Genres auf die Fahne geschrieben hat, lässt sich schon gerne vorführen, dass er sich in zunehmend enger werdenden Kreisen um sich selbst dreht? Eben.

Ich kann gut verstehen, warum ein Stück wie Towerblock bei manchem eingefleischten Prog Rocker für erhebliche Verwirrung sorgt. Der Song ist eine mindestens beeindruckende Produktion, die sich aus einem unterschwellig an Industrial angelehnten Konstrukt heraus in ein massives Electro-Dubstep-Rock-Monster verwandelt und alles dekonstruiert und zerhackt, um sich unvermittelt in ein strahlendes Prog-Rock Stück erster Güte zu verwandeln, das sich am Ende wieder in seine Bestandteile auflöst. Gerade dieser Song ist wahnsinnig inspirierend und innovativ. Lights Out hingegen zeigt, was mit Elementen des Pop möglich ist, wenn man sie „progressive“ denkt. Die Kontroversen, die Frost* mit Falling Satellites auslösen wird, sind vorhersehbar – und richtig und notwendig.

Wer Progressive Rock ausschließlich aus der Sicht des Classic-Rock-Metal-Fans sieht und liebt, wird mit Frost* – Falling Satellites erhebliche Probleme haben. Wer aber das Progressive und Innovative im Progressive Rock sucht, sollte diesem Album gesteigerte Aufmerksamkeit schenken.

Frost* – Falling Satellites erscheint am 27.05.2016 bei Inside Out Music / Sony

Offizielle Webseite von Frost*

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