Hannah Georgas – For Evelyn

Kalt, grau, dunkel und kein Kaffee im Haus

An manchen Tagen klappt irgendwie nichts. Kein Kaffee im Haus, Wetter doof, nervige Telefonate, die Musik, die auf dem Tisch liegt, zündet auch nicht so richtig und zu allem Überfluss hat irgendjemand die letzten Kekse geklaut. Gut, man könnte natürlich zu den Notvorräten greifen, aber um diese Uhrzeit schon ein Pils? Es gibt Grenzen. Selbst bei uns.

Schmollend und missmutig fräse ich mich durch die notwendigen Aufgaben, telefoniere irgendwelchen Sachen hinterher, als die Sonne aufgeht: Mir wird ein frischer Kaffee gereicht. Mit ein paar Alben. Frischer Kaffee! Es gibt einen Gott! Okay, starten wir den Tag neu. Play drücken, zurücklehnen und … genießen. Hey, das ist gar nicht schlecht. Aus den Boxen schmachtet mich eine zarte Frauenstimme an, zieht an Fäden, drückt auf Knöpfe.

Hannah erzählt mir ihre Geschichte, wie sie nachts wach wird und nicht wieder einschlafen kann, weil ihr so viele Fragen durch den Kopf gehen. Das kenne ich. Eine seltsame Stimmung entsteht, während ich ihr zuhöre. Nähe mit Distanz. Sie sie ist verwirrt, verstört. Eine Ahnung von Nervosität ist in ihrer Stimme spürbar. Eine unterschwellige Dissonanz schimmert immer wieder durch die Musik. Wie feine Risse, die im Porzellan einer Tasse sichtbar werden, wenn Du sie ins Licht hältst.

For Evelyn

For Evelyn übt eine magische Faszination auf mich aus. Hannah Georgas erzählt in ihren Songs, als wolle sie sich etwas von der Seele reden. Wenn Du Dich jemals mit einer Frau unterhalten hast, die Dir mit leiser Stimme erzählt, dass sie keine Angst mehr hat, während sie mit angezogenen Knien in die hinterste Ecke des Sofas gekauert dabei so zerbrechlich aussieht, als würde sie das nächste laute Geräusch zu Tode erschrecken: Das ist For Evelyn.

Die Geschichte hinter den Geschichten

Hannah Georgas Foto: Vanessa HeinsAuf den ersten Blick könnte man einfach so über die Songs hinweg gehen. Aber da ist dieses nicht Greifbare. Diese Ahnung von Dunkelheit, dieser kalte Hauch, der die Songs umweht, während Hannah Georgas genau dies dadurch zu bekämpfen versucht, indem sie es ausspricht. Sie umschreibt ihre Gefühle. Ihre Geschichten mäandern, wandern sich in undefinierte Richtungen. Aber im Kern geht es doch immer um Trennung und Einsamkeit, wobei offenbleibt, welche Trennung.

Hannah Georgas – For Evelyn ist ein faszinierend gefühlvolles Album. Es funktioniert bei mir, weil es den Beschützerinstinkt anspricht. Das Gefühl, dass entgegen der Erzählungen eben so gar nichts okay ist, kommt ganz unterschwellig rüber. Dabei ist die Musik sehr feminin, durchaus modern, aber auch aufgeräumt und sorgfältig eingerichtet. Fast kann ich ihre Wohnung sehen, in der sie diese Geschichten erzählt, sehe das Zwielicht, die Dunkelheit der kanadischen Wälder draußen vor ihrem Fenster. Ich kann spüren, wovor der sie Angst hat.

Mit so wenigen Mitteln so großartig auf meiner emotionalen Klaviatur zu spielen ist nicht vielen Künstlern gegeben. Hannah Georgas hat mit Evelyn ein kleines Meisterwerk vollbracht und mich mit ganz leisen, zarten Tönen in ihre Welt entführt, mir ihr Herz ein Stück weit geöffnet und mich mit ihrer Musik so berührt, dass ich die Welt um mich herum für eine Weile vergessen habe. Bewundernswert.

Der Kaffee ist übrigens inzwischen kalt.

Hannah Georgas – For Evelyn erschient am 24.06.2016 bei Dine Alone Records / Caroline

Offizielle Webseite von Hannah Georgas

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Hannah Georgas – Don’t Go (Official Video)

(Foto: Vanessa Heins)

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