How To Destroy Angels – Welcome Oblivion

Komplex – komplexer – Trent Reznor. Das Multitalent aus Pennsylvania legte zwar sein Projekt Nine Inch Nails vorübergehend auf Eis. Das bedeutet aber nicht, dass er nicht aktiv ist. Zusammen mit seiner Frau Mariqueen Maandig Reznor und Atticus Ross veröffentlichte er das Album Welcome Oblivion, ein Name, der mich aufhorchen lässt, denn Oblivion lässt sich nur schwer übersetzen. Das Wort steht für das Vergessen, in das etwas geraten kann, aber auch den Zustand des Nichtwahrnehmens dessen, was um jemanden herum passiert. Oblivion meint aber auch den Zustand des Zerstört-seins. Ähnlich kompliziert wie die wörtliche Übersetzung des Titels ist die Beschreibung dessen, was mir aus den Lautsprechern entgegenbrandet.

Welcome Oblivion ist… elektronische Musik. Das dürfte der kleinste gemeinsame Nenner sein. Es ist kreativ, einschläfernd, oldschool, erschreckend, innovativ, schmeichelnd, infernalisch, melodiös und atonal zugleich. Welcome Oblivion ist ein Erlebnis der besonderen Art. Es ist kein Album für zwischendurch. Partymusik? Nein, eher weniger. Dies ist Musik, die Deine Anlage durchpustet und an die Grenzen des Machbaren treibt. Welcome Oblivion ist Musik, die erlebt werden muss. Zurücklehnen, die Augen schließen, eintauchen und den eigenen Film abfahren lassen.

Das musikalische Genie, das auf diesem Album versammelt ist, legt die Messlatte hoch an. Welcome Oblivion ist fulminant. Stets schimmert Bekanntes, Geliebtes durch die Kompositionen. Versatzstücke großer Werke von Nine Inch Nails lassen sich hier und da erahnen, bleiben aber stets flüchtige Impressionen, nicht greifbar. Wenn Lieder wie „How Long?“ durch den Verstand branden, ist es nahezu unmöglich, der emotionalen Wucht Widerstand zu leisten. Der Gesang von Mariqueen krönt hart allen Grenzen musikalischer Konventionen entlangschrammende Kompositionen und macht sie frappierend eingängig. Im Duett mit Trent gewinnt der Gesang eine melancholische, ja sogar erotische Ausstrahlung, die häufig im scharfen Kontrast zur Musik steht. Die Werke gewinnen dadurch eine Komplexität und einen Tiefgang, der sich kaum in Worte fassen lässt. Diese Wirkung jedoch sollte jeder unbedingt erleben. Laut.

Überhaupt ist Welcome Oblivion kein Album, das leise gehört werden kann. Es ist zwar ein Album der leisen Töne und der zarten Melodien. Aber die wahre Vielfalt und Schönheit von Welcome Oblivion kommt erst dann richtig zum Tragen, wenn der Sound um Dich herum tobt, Dich trägt, die Welt um Dich herum auslöscht. Erst dann, wenn das Ende eines Liedes beinahe körperliche Schmerzen verursacht, wenn das Ende des Albums einem Alptraum gleicht, erst dann verstehst Du „Oblivion“ und erst dann kannst Du den Titel des Albums begreifen.

How To Destroy Angels – Welcome Oblivion ist erschienen am 01.03.2013 bei Columbia Records (Sony Music)

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