Iggy Pop – Post Pop Depression

Was kommt nach der anderen Seite?

Nachdem sich 2016 die Reihen der Musikgrößen erheblich gelichtet hat (z. B. Bowie, Kilminster, Martin…) stellt sich der Autor dieser Zeilen die Frage, was eigentlich aus den anderen geworden ist? Leben die noch oder sind die inzwischen auch schon dahin gerafft worden? Stirbt der Rock jetzt aus? Übernimmt Kanye die Weltherrschaft? Kehren Milli Vanilli zurück? Droht eine Blue System Reunion?

Ich hoffe nicht. Wenn jemand wie Gene Simmons (Kiss) verkündet „Rock ist endgültig tot“, dann sind Bedenken durchaus berechtigt. Wenn derselbe Gene Simmons aber empfiehlt, Lady Gaga solle die Nachfolge von Queen antreten, dann wird es Zeit, sich ernsthaft Sorgen zu machen.

Aber es gibt Hoffnung. Das Urgestein, die Lederhaut aus Michigan (USA), Iggy Pop veröffentlich gänzlich unerwartet ein Album und zeigt, dass es durchaus noch Heroen gibt, auch wenn die langsam weniger werden. Nicht so brachial wütend wie früher, sondern eher durch mit spitzer Feder geschriebene Texte, intelligenter Spitzfindigkeit und intelligenter Ironie sinniert Iggy Pop über das Leben und die Welt.

Post Pop Depression

Post Pop Depression ist ein kraftvolles Album, das mit unvergleichlich kantiger Eleganz vorführt, was Rock kann, wenn man will – und es kann. Und Iggy Pop kann. Mit der musikalischen Unterstützung der Queens Of The Stone Age spielte er neun Songs ein, die – je nach Stellung des Lautstärkereglers – verhalten oder extrem rocken. Aber sie rocken. Es ist beinahe unmöglich, sich der Faszination der Post Pop Depression zu entziehen, die musikalisch unverkennbar großen Helden huldigt.

Es ist Rock, wie er von Künstlern gemacht wird, die einfach alles gesehen haben. „Been there, done that – now what?“ ist die unausgesprochene Frage, auf die Iggy Pop mehr als eine Antwort liefert. Meist indirekt, in Form kontrastreich eingespielter Kontrapunkte, die Gänsehaut bereiten, weil man oft erst viel zu spät erkennt, was er da eigentlich genau macht und was man da gerade fürchterlich feiert. Post Pop Depression ist intelligenter Rock, auf seine Art staubtrocken. Erinnert mal an David Bowie, mal an Johnny Cash, mal an Bob Dylan, nie in Form eines Imitierens sondern stets als Denkanstoß.

Denkanstöße enthält das Album en Masse. Sei es in den Texten, in der manchmal beinahe spartanisch minimalistischen Instrumentierung, in der Verwendung heute selten gehörter Stilelemente und vor allem in der Betonung der Stimme als Instrument. Gerade mit der versteht es Iggy Pop zu begeistern und in den Bann zu ziehen. Er muss nicht rumbrüllen. Er hat es nicht nötig, Gift und Galle zu spucken. Ihm reichen Andeutungen, manchmal sogar ein paar an den Song angehängte Samples, um das Gehirn in Wallung zu bringen.

Wenn heute die Jungspunde der Musik mehr oder weniger authentisch davon erzählen, wie schrecklich die Welt ist und damit Erfolge erzielen, lehnt sich Iggy zurück, und stellt lakonisch fest „Da, wo ich war, mein lieber Freund, in der Hölle, da wirst du niemals hinkommen.“ – „Also erzähl mir nichts“ möchte man hinzufügen. Tatsächlich ist es gerade die schwer erklärbare Glaubwürdigkeit der Figur Iggy Pop, die für viele ein romantisierter Dinosaurier einer längst vergangenen Ära des großen Rock ist, die der Musik etwas mit gibt, das über den Song und sogar das Album selbst hinaus weist.

Sich der Queens Of The Stone Age zu bedienen war ein beinahe genialer Einfall. Der staubtrockene Wüstenrock der QOTSA passt hervorragend zu Iggy Pop und in Kombination entsteht ein Album, das wie ein Rundgang durch eine Ahnengalerie, ein Museum wirkt. Überall Referenzen, Querverweise, Hinweise auf andere, die manchmal so beiläufig und belanglos wirken, wie ein Gespräch zwischen gelangweilten Kulturkonsumenten im Vestibül: „Ach, hast Du übrigens gesehen…?“

Innovativ ist Post Pop Depression nicht. Aber dringend notwendig. Es ist ohne jeden Zweifel eines der ganz großen Alben dieses Jahres, und das, obwohl Iggy Pop selber sehr treffend zugibt, dass er eigentlich gar nicht so viel zu bieten hat: „I’ve got nothing but my name“ – Ich habe nichts außer meinem Namen. Nur ist mit diesem Namen eben auch eine Geschichte und jede Menge Geschichten, Erfahrung und Erlebtes verbunden und das Destillat daraus kondensiert hier in Form eines Albums, ist beinahe ein Vermächtnis einer kaum zu überschätzenden Größe des Rock zu Lebzeiten.

Iggy Pop – Post Pop Depression ist erschienen am 18.03.2016 bei Caroline International

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