In This Moment – Ritual

Größe durch Ruhe und Kraft

In This Moment mit Frontfrau Maria Brink haben mit ihrem Album Blood (2012) den Grundstein für meine gesteigerte Aufmerksamkeit gelegt. Black Widow (2014) war anders, zeichnete einen musikalischen Richtungswechsel vor. In This Moment – Ritual, das jetzt erscheinende sechste Album, schließt die Kehrtwende ab. Gelungen? Fuck me! Und ob! Ja, Comanche und Blood waren Nummern, mit denen sich Maria und Band bei mir ewigen Respekt und Begeisterung gesichert haben. Was mich trotz meiner Begeisterung für In This Moment immer gestört hat, waren die Metal Core Eskapaden. Das hat sich wohl auch die Band gedacht und lässt endlich diese nicht immer überzeugenden Ausflüge hinter sich zurück.

Was übrig bleibt, oder besser: Was die Band daraus gemacht hat, ist ein wundervolles, großartiges Stück Entwicklungsarbeit. In This Moment konzentriert sich auf das, was die Band abhebt und auszeichnet. Sorgfältig konstruierte, authentische Düsternis, Verwegenheit, sorgsam dosierte Härte und massives Sexappeal in schwarzer Seide.

Das Verlassen des Teenager-Areals geschieht nicht mit überladener Komplexität und brachialer Härte, sondern genau andersrum. In This Moment wenden sich überraschend Blues und Soul zu, prügeln Emotionen nicht mit der Schneeschaufel in den Kopf, sondern verführen, erzählen eine Geschichte, deuten an, verzaubern und packen sorgfältig abgewogen im richtigen Augenblick der Hammer aus. So soll es sein, so macht es Spaß, denn die und ausgeglichene Ruhe von Ritual überzeugt am Ende doch mehr, als die auf reinen Show-Effekt getrimmte und künstlich übersteigerte Hektik jugendlichen Hormondrangs.

Ritual

In This Moment Ritual Review Press Picture 2017Ein Hauch von Manson hier, eine Ahnung von 80er da, doch charmant und ehrlich umgesetzt. Die Cover-Version des Phil Collins Klassikers In The Air Tonight ist eine herausragend gemeisterte Huldigung, mit ungeahnter Schwärze und Verführung, mit Respekt und Vorsicht umgesetzt wohl eine der bislang besten Umsetzungen überhaupt. Auch die eigene Variation von Billy Idol – White Wedding unter dem Titel Black Wedding ist mindestens gelungen und überzeugend.

Insgesamt zeigt In This Moment – Ritual eine Öffnung der eigenen Musik in viele Richtungen, ohne den eigenen Kern oder das Wesen der Band zu verleugnen. Ritual ist auf jeden Fall erwachsen und stringent. Das Album verbindet einerseits feminine Eleganz mit der von früheren Alben bekannter Härte, kultiviert beides, destilliert daraus ein Album, dessen Größe manchem banal erscheinen mag, hinter dieser Maske aber eine kritische und schonungslose Auseinandersetzung mit der eigenen Musik und dem Schaffen anderer offenbart, von der sich andere gerne eine Scheibe abschneiden dürfen.

Der irgendwo zwischen staubkaltem Keller und nachtschwarzem Louisiana Sumpf pulsierende Vibe ist überzeugend und steht der Band überraschend gut zu Gesicht. Manches Soundexperiment mag genau das sein, ein Experiment, an dem sich die Geschmäcker scheiden, die Umsetzung ist dennoch klasse gemacht. In This Moment – Ritual ist ein Album, das mir wegen seiner nahezu perfekt umgesetzten Vielseitigkeit und Experimentierfreude gefällt und bemerkenswerte Denkanstöße für den inzwischen etwas langweilig gewordenen Goth-Rock Sektor bietet. Daumen hoch!

In This Moment – Ritual erscheint am 21.07.2017 bei Roadrunner Records / Warner

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In This Moment – “No Me Importa” [Official Audio]

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