Jean-Michel Jarre – Electronica 2: The Heart of Noise

Flashback – 30 Jahre in die Vergangenheit

Mein allererstes Vinyl-Album, das ich mir damals, 1984 von meinem Taschengeld gekauft habe, war The Concerts in China. Das Album war und ist bis heute für mich auf einer so grundlegenden Ebene wichtig, denn es bündelt vieles von dem, was für mich an Musik essenziell wichtig ist. Es öffnete mir die Tore in ein musikalisches Universum. Sehr zum Bedauern meiner Altvorderen und zur profunden Verwirrung der meisten meiner Freunde, die mit dieser Musik wenig anfangen konnten.

Kaum jemand verstand, warum ich dieses Album so abgöttisch liebte. Dieses elektronische Gedudel war doch keine Musik und überhaupt, das soll Musik sein? Der aus Frankreich stammende Jean-Michel Jarre war es, der mir letzendes den Weg zu The KLF, Harold Budd, The Prodigy, Depeche Mode, Yello, Philip Glass und vielen, vielen anderen wies. Wegen seiner Musik verstand ich irgendwann intuitiv, was andere Musiker tun. Alleine dafür muss ich diesem Musiker irgendwann mal die Hand schütteln und mich bedanken.

Jean-Michel Jarre The Concerts In ChinaMagnetic Fields, Oxygene, Rendezvous, Zoolook und viele andere Alben von Jean-Michel Jarre folgten und waren mir lieb und teuer. Aber spätestens mit dem Waiting for Cousteau von 1997 trennten sich unsere Wege. Ein Tiefpunkt war dann für mich die Übertragung des Konzertes zur Hochzeit von Albert II. von Monaco und Charlene Wittstock 2011 in Monaco. Ich war ehrlich erschüttert und schloss mit dem Thema ab. The Concerts in China wurden zu meiner Reliquie einer verlorenen Zeit.

Vielleicht kannst Du in etwa erahnen, wie es sich für mich anfühlte, das verschweißte Album von Jean-Michel Jarre – Electronica 2: The Heart of Noise auch nur vor mir liegen zu haben. Ehrliche Neugierde und nackte Angst. Ich habe das Album mehrere Tage lang auf meinem Schreibtisch von links nach rechts und wieder zurück geschoben. Jedes Mal mit der Überlegung „nicht jetzt“. Heute Morgen aber gab es keine Ausrede mehr. Irgendjemand hatte alle CDs von meinem Tisch geklaut und dieses Album mittig auf meine Tastatur gelegt, daneben die Fernbedienung der Anlage.

Flashforward – Hier und Heute

Jean-Michel JarreEs hilft nichts. Ich muss mich dem Album stellen. Ich fahre die Anlage hoch, lasse mir Zeit dabei, jede einzelne Komponente anzuschalten und einzustellen, ganz bewusst. Meine Finger sind eiskalt. Während sich die Anlage auf Betriebstemperatur bringt, versorge ich mich mit dem Notwendigsten. Ist es eigentlich zu früh für einen Martini? Meine innere Zerrissenheit ist kaum zu ertragen. Wir sind alleine. Nur das Album und ich. Beinahe wie in einem Western-Showdown. Die Anlage und ich atmen tief durch. Ich drücke Play.

The Heart of Noise stellt sich mir vor. Leise und vorsichtig, beinahe schüchtern, taxieren wir uns, tasten einander ab. Was kannst Du, was kann ich ab? Kann ich, will ich Dir folgen? Es ist eine Unterhaltung zwischen zwei ehemaligen Weggefährten, die sich irgendwann fürchterlich verkracht haben und Jahrzehnte später wieder aufeinander treffen. Grundlagen werden geschaffen und erkundet. Von dort kommen wir. Da gehe ich lang, da gehst Du entlang. Das verstehe ich, das noch nicht. Hier bin ich voll bei Dir, da völlig anderer Meinung.

Es ist eine Diskussion. Die Musik führt mich entlang der Fixpunkte, die sie beeinflusst haben und die durch sie beeinflusst wurden. Wechselspiele, durchwoben von Fragmenten unterschiedlichster Färbung. Manche haben für mich große Bedeutung, andere keine. Ich erkenne immer wieder etwas wieder, ohne immer genau zu wissen, woher. Es wird konkreter, zerrissener.

Unsere innere Zerrissenheit ist offensichtlich. Wir haben uns beide entwickelt, unterschiedlich und nicht immer von uns gewollt und doch gehört das zu uns. The Heart of Noise zeichnet den Weg der Jahre nach. Nicht chronologisch, sondern eben genau so, wie man sich unterhält: „Und dann passierte das und… ach ja, da war ja noch… und da… vorher war übrigens noch…“

Jean-Michel Jarre Photocredit Herve LassinceMehr als einmal bin ich begeistert und überrascht. Mehr als einmal habe ich Schwierigkeiten die Musik anzunehmen. Es dauert eine ganze Weile, bis es in meinem Kopf „klick“ macht und ich begreife, das es genau das ist, worum es geht. Es geht um ein Erklären des „Warum“, um eine Reflektion dessen, was passiert ist und was dazu führte. Es geht nicht darum zu bewerten, ob das richtig oder falsch war, denn es ist passiert. Electronica 2: The Heart of Noise ist eine Musik gewordene Biographie. Mit dieser Erkenntnis funktioniert das Album plötzlich ganz anders.

Ich erkenne die Wechselwirkungen und den Zeitgeist, der mal hier, mal da deutliche Spuren hinterlassen hat. Jean-Michel Jarre hat nicht aufgehört, in seinem musikalischen Universum zu leben. Seine von mir heftig kritisierten Eskapaden sind passiert, waren vielleicht unumgänglich, vielleicht auch notwendig, um die Musik insgesamt weiter zu entwickeln. Die beiden Electronica-Alben wagen den Versuch, alle Aspekte bis zu diesem Punkt irgendwie zusammenzufassen und sie in einen Kontext und in Relation zueinander zu stellen. Dazu gehört der Pop genauso wie Rap, der Breakbeat wie der glatte Synthielauf, der orchestral-sphärische Sonnenaufgang genauso wie die beklemmende Dunkelheit.

Jean-Michel Jarre – Electronica ist ein Album, das mir sehr viel gezeigt, einiges erklärt und manche Fragen gestellt hat. Es ist ein spezielles und eigenwilliges Album, auf das sich vermutlich im Laufe der Jahre etliche elektro-Musiker beziehen werden, sei es als Quelle der Inspiration oder auch als Stein des Anstoßes. Für mich ist es eine gereichte Hand, mich mit manchem zu versöhnen, das ich nicht bereit war zu akzeptieren, das jetzt aber hinter mir liegt. Hinter uns. Es zählt nicht, was war, sondern was daraus wird.

Jean-Michel Jarre – Electronica 2: The Heart of Noise ist erschienen am 06.05.2016 bei Columbia / Sony

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(Foto: Jean-Michel Jarre, Herve Lassince)

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