Joachim Witt – Kathedraler Pop zur Vergangenheitsbewältigung

Als mir Dom von Joachim Witt angekündigt wurde, erwartete ich spontan irgendwas zwischen dem Goldenen Reiter und der Flut. Meine Begeisterung war – vorsichtig formuliert – begrenzt. Dann wurde „Gloria“ vorab veröffentlicht und ich bin verwirrt: Die Bilder des Videos lenken mich von der Musik ab. Ich versuche die ganze Zeit den Text mit den sakralen Bildern in Verbindung zu bringen. Joachim Witt singt von Trennung und Vergessen. Eine Kirchenprozession zieht durch eine karge Gebirgslandschaft? Um sich am Ende zu ertränken? Was soll die Bundeswehr da? Ich bin überfordert und verstehe nichts.

Das Album erreicht mich wenige Tage später und Herr Witt und ich, nein, die Musik von Herrn Witt und ich, wir haben eine Verabredung. Es dauert einige Zeit, bis ich mich auf den sperrigen Gesangsstil eingestellt habe. Ich konnte mich entweder auf die Musik oder den Gesang konzentrieren, beides gleichzeitig funktionierte nicht. Die Texte sind untypisch für deutsche Popmusik: „Ein lautes Herz in Deiner Brust – Du weißt genau was Du tun musst – Die Atome vibrieren – Das Universum hält den Atem an…“ (Jetzt Geh) oder auch „Ewig wär‘ schöner – Doch meistens ein Traum – Die Sommer vergeh’n – und leer ist der Raum“ (Tränen).

Erst mit dem vierten Song „Blut“ fügten sich für mich Musik und Gesang zu einer Einheit zusammen. Von diesem Zeitpunkt an habe ich Dom für mich erschlossen. Ich kann nicht anders als meinen (imaginären) Hut vor Joachim Witt zu ziehen. Das Album ist großartig. Es ist für mich das Werk eines Menschen, der ganz genau weiß, wovon er spricht. Joachim Witt hat die Verzweiflung und den Schmerz durchlebt, aber auch die Hoffnung gefunden, um einen Neuanfang zu wagen.

Es ist nicht einfach, über dieses Album zu schreiben: Dom ist kompliziert. Es ist sperrig, klobig, barock, unbequem, frankensteinartig und hässlich, aber es ist gleichzeitig mitreißend, umwerfend, fesselnd, herzergreifend und unglaublich schön. Dom ist ein Album, das genau die Phasen und Ereignisse des Lebens beschreibt, die uns am meisten prägen. Joachim Witt verarbeitet Verlust, das Ende von Liebe und Beziehung, Hoffnung, Neuanfang, Enttäuschung, Neuausrichtung und vieles mehr.

Dom ist ganz bestimmt keine Musik für Diskotheken. Neben Soulsavers with Dave Gahan – The Light The Dead See ist es das zweite Album in diesem Jahr, dass mich tief berührt. Darum kann ich nur wiederholen, was ich dort schon festgestellt habe: „Das Album setzt eine gewisse Lebenserfahrung voraus, um seine Wirkung voll entfalten zu können. Anfang zwanzig hätte ich mit diesem Album wahrscheinlich gar nichts anfangen können.“ Dom ist auf seine Art genauso und doch ganz anders. Beim Hören dieses Werkes habe ich tatsächlich eine Kathedrale, einen Dom, vor Augen: breit, hoch, wuchtig, klotzig, trotzdem tragend, filigran, leicht, schwebend.

Bleiben zwei Fragen:

Wem empfehle ich dieses Album? Ich weiß es nicht. Dom muss man sich erarbeiten. Wenn Album und Hörer dann zueinander finden, ist es ein umwerfend emotionales Erlebnis. Taschentücher bereithalten! Dom berührt empfindliche Stellen tief im Innern und weckt Erinnerungen, die man vielleicht schon lange vergessen glaubt.

Welche Songs sind meine Lieblingssongs? Super spannend finde ich „Leichtsinn“, aber „Königreich“ und „Beben“ haben mich umgehauen. Warum? Dreh die Anlage auf und hör zu. Ich weiß ganz genau, was Herr Witt mit diesen Songs sagen will. Und ich stimme ihm zu, denn: „Been there, done that.“

Für mich ist Dom eines der wertvollsten Alben dieses Jahres.

Dom von Joachim Witt ist am 28.09.2012 bei Columbia SevenOne erschienen.

Webseite von Joachim Witt: http://www.joachimwitt.de/

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